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11. Dezember 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 50 Ausgabe: Nr. 50 » December 10, 2009

Staatspolitische Verantwortung

von Andreas Mink, December 10, 2009
Vergangenen Samstag ist kurz vor seinem 83. Geburtstag Otto Graf Lambsdorff gestorben. Er spielte als deutscher Verhandlungsleiter bei der Auseinandersetzung um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern Ende der neunziger Jahre eine prägende Rolle.
OTTO GRAF LAMBSDORFF Geschickter Verhandlungsleiter für die deutsche Sache

Die Bedeutung Otto Graf Lambsdorffs als FDP-Politiker, der mit prägnanten Auftritten im Bundestag, als Wirtschaftsminister unter den Kanzlern Helmut Schmidt und Helmut Kohl, immer wieder aber auch als Kommentator für eine marktwirtschaftliche Ordnungspolitik und liberale Prinzipien eintrat, ist in den deutschen Medien ausreichend gewürdigt worden. Hier soll der Blick auf seine Rolle als Verhandlungsleiter bei der Auseinandersetzung um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern ins Licht gerückt werden. Lambsdorff trat den Posten im Sommer 1999 an und erwies sich umgehend als geradliniger Pragmatiker mit einer ausserordentlichen Gabe, die grossen Zusammenhänge und die Fallhöhe der zur Debatte stehenden Thematik zu erkennen. Bei einem längeren Gespräch in Washington nach dem erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen erklärte er im April 2001, diese höchst diffizile Aufgabe aus «staatspolitischer Verantwortung» übernommen zu haben. Lambsdorff setzte hinzu, dies möge merkwürdig – im Sinne von hochtrabend oder altbacken – klingen. Aber die Aussage traf den Kern seines konservativ-elitären Selbstverständnisses: In eine alte westfälische Adelsfamilie geboren, deren baltischer Zweig im Zarenreich höchste Positionen besetzte, nahm er seine Herkunft im preussischen Sinne als Verpflichtung wahr, Verantwortung für seine Nation zu übernehmen. Im Gespräch erwies er sich als humorvoll, er hatte einen weiten Horizont und war offen für die Positionen seines Gegenübers. Dies nahm Lambsdorff jedoch als Einverständnis wahr, dass auch er seinen Standpunkt ohne weiche Verpackung vertreten konnte. In dieser Klarheit dürfte das Geheimnis seiner Effektivität als Politiker und Unterhändler gelegen haben. Der damalige tschechische Delegationsleiter Jirˇí Šitler trifft den Charakter des Mannes, wenn er nun sagt: «Graf Lambsdorff war eine grosse Persönlichkeit und ein Politiker alter Schule. Ich habe ihn als jemanden gekannt, der immer deutsche Interessen kompetent und hart vertreten hat, aber er hat seine Partner respektiert und selbst deren Respekt genossen.»

Moralischer Schlussstrich

Als 17-jähriger Offiziersanwärter am Ende des Zweiten Weltkriegs schwer am Bein verwundet, war Lambsdorff schon bei seinem Eintritt in die Zwangsarbeitsverhandlungen überzeugt, dass ein «moralischer Schlussstrich» unter die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg niemals möglich sein würde. Die persönliche Begegnung mit den Holocaust-Überlebenden in den osteuropäischen Staaten und der Delegation der Jewish Claims Conference hat diese Überzeugung noch bestärkt. Lambsdorff wollte für seine Aufgabe kein Honorar von der Regierung Schröder annehmen, um zu demonstrieren, dass er keine «persönlichen Interessen» verfolgte. Er wollte jedoch keinesfalls in eine «historische Debatte» eintreten, sondern suchte eine Lösung des Konflikts auf Grundlage bestimmter Prinzipien. Unter diesen nahm Geld keine primäre Rolle ein: Lambsdorff zog sich den bleibenden Groll deutscher Firmenchefs zu, weil er sich keine grosse Mühe gab, die finanziellen Vorstellungen der Wirtschaft durchzufechten. Die tatsächliche Höhe des Fonds von zehn Milliarden Mark wurde letztlich von Bill Clinton und Gerhard Schröder festgelegt. Es gelang dem Grafen aber, die traditionelle deutsche Haltung zu Reparationen und «Wiedergutmachung» zu verteidigen.

Bemühungen um Wiedergutmachung

Es war Lambsdorff bewusst, dass bei den Verhandlungen das internationale Ansehen Deutschlands auf dem Spiel stand und er das Aufbrechen einer neuen Reparationsdebatte verhindern musste. Gleichzeitig galt es, die finanzielle Dimension des neuen Fonds in einem überschaubaren und angemessenen Rahmen zu halten, denn dieser sollte nicht die «Wieder­gutmachungs»-Bemühungen seit den frühen fünfziger Jahren in den Schatten stellen. Im Rückblick hat Lambsdorff bei der Erfüllung seiner Mission einen deutlich grösseren Erfolg erzielt, als seine Kritiker damals sehen wollten: Heute liegen vor amerikanischen Gerichte kaum noch Klagen mit «Holocaust-Bezug», und von Reparationsforderungen an Deutschland ist weit und breit nichts zu hören. Gleichzeitig hat Lambsdorff darauf geachtet, dass die moralischen und die historischen Dimensionen der Debatte nach Klärung der finanziellen und juristischen Fragen nicht unter den Tisch fielen: Der damalige Bundespräsident Johannes Rau hielt Ende 1999 in einer viel beachteten Rede an der Verantwortung Deutschlands den NS-Opfern gegenüber fest. Und die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sagte jetzt: «Die FDP verliert mit Otto Graf Lambsdorff einen ihrer herausragendsten Repräsentanten. Wie kaum ein anderer hat Graf Lambsdorff die Politik der Freidemokraten geprägt und mit seinem politischen Engagement zugleich die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland massgeblich mitgestaltet. Unvergessen ist für die jüdische Gemeinschaft insbesondere sein Engagement im Kontext der Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter.»






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