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11. Dezember 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 50 Ausgabe: Nr. 50 » December 10, 2009

Raus aus dem Schattendasein

von Ruth Ellen Gruber, December 10, 2009
In den 20 Jahren seit dem Fall der Berliner Mauer haben die jüdischen Gemeinden Osteuropas ihr Mauerblümchendasein grösstenteils aufgegeben und sind zu einem bestimmenden Bestandteil des jüdischen Lebens geworden. Nach wie vor aber haben reiche Gemeinden im Osten Seltenheitswert.
Die grosse synagoge in Budapest Ungarn hat mit rund 100 000 Juden bei Weitem den grössten Anteil jüdischer Bevölkerung in Osteuropa

Die Juden Osteuropas sind klar aus ihrem Schattendasein herausgetreten. Als vor 20 Jahren der Kalte Krieg mit dem Fall der Berliner Mauer, der Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei und dem Zusammenfall der Sowjetunion endete, waren die jüdischen Gemeinden in der Region klein und schwach und agierten in der Regel im Verborgenen. Heute hingegen sind jüdisches Leben und ethnische Identität Teil des Alltags und oft sehr augenfällig. «Als ich 1990 meine Arbeit in Polen aufnahm», erzählt Michael Schudrich, der in Amerika geborene Oberrabbiner Polens, «war es ein Tabu, jemandem zu sagen, dass man jüdisch sei. Heute kann man das in Polen praktisch jedem problemlos sagen.

Der Fall des Kommunismus vor zwei Jahrzehnten generierte unter den Juden Europas eine gebündelte Energie, entschieden sich die neudemokratischen europäischen Staaten doch für die Religionsfreiheit und erneuerten die lange unterbrochenen ­Beziehungen zu Israel. Amerikanische, israelische und andere westlich-jüdische Gruppen riefen eine ganze Reihe von Programmen ins Leben, die darauf abzielten, jüdisches Leben in der Region wiederzubeleben, beim Bau von jü­dischen Schulen und Insti­tutionen zu helfen und neue Gemeinden zu gründen. Heute gibt es in Osteuropa jüdische Clubs, Theatergruppen, Publikationen, Internet-Blogs und sogar Facebook-Gruppen, zusätzlich zu aktiven Synagogen, Kulturfestivals und einer grossen Zahl jüdischer Organisationen, die alles koordinieren, angefangen von der sozialen Wohlfahrt in den Gemeinden bis hin zur Pro-Israel-Lobby.

Heftige Machtkämpfe

Das Ende des Kommunismus liegt schon fast eine ganze Generation zurück, doch viel von der anfänglichen Begeisterung über den Wandel ist abgeflacht, viele der Herausforderungen sind geblieben. Trotz neuer Einkommensquellen aus der Rückerstattung von Eigentum und der neu ­entstandenen lokalen Spendenaktionen ­stehen nur wenige der osteuropäischen jüdischen Gemeinden finanziell auf eigenen Beinen. Viele sind sehr klein und schwach geblieben, andere werden von internen Konflikten geplagt. «Ironischerweise», so Rabbi Andrew Baker, Direktor für internationale jüdische Angelegenheiten beim American Jewish Committee, «war eine der Entwicklung im nachkommunistischen jüdischen Leben weniger die simple Wiederbelebung des jüdischen Gemeindelebens, sondern vielmehr das Entstehen einer Vielzahl von oft miteinander zerstrittenen Gemeindeorganisationen.»

Baker erinnert sich beispielsweise an den Machtkampf zwischen zwei Rabbinern in Wilna im Jahr 2004, der in Schlägereien endete, die die Schliessung der Synagoge zur Folge hatten. Nur ein Jahr später sorgten Drohungen und Prozesse zwischen zwei jüdischen Organisationen in Zagreb für Schlagzeilen, und bei umstrittenen Wahlen in der jüdischen Gemeinde von Prag erhoben Anhänger verfeindeter Lager ebenfalls die Fäuste. «Manchmal», so Baker, «hatte ich das Gefühl, diese offenen Kämpfe seien ein Beweis für die Rückkehr des authentischen jüdischen Lebens».

Inzwischen gibt es andere Herausforderungen: Die globale Wirtschaftskrise, das Aufkommen antisemitisch-rechtsextremer Parteien in gewissen Ländern, der Einfluss musli­mischer Einwanderergemeinden sowie virulenter Antiisraelismus, der manchmal in Antisemitismus überschwappt. «In verschiedener Hinsicht bleiben die Differenzen zwischen Ost und West ­riesig», erzählt Jonathan Joseph, Präsident des ­European Council of Jewish Communities, dem jüdische Gemeinden in rund 40 Ländern angehören. «In den Boom-Jahren machte es den Anschein, als ob sich alles aufeinander zu bewegen würde, doch das ist eine Illusion. Die Wirtschaft in den meisten Oststaaten steht immer noch auf sehr schwachen Beinen, und wenn der Westen sich eine ernste ökonomische Grippe zuzieht, leiden viele im Osten an einer doppelten Lungenentzündung.» Jüdische Gemeinden in ganz Europa, vor allem in ehemals kommunistischen Staaten, würden, wie Joseph hinzufügt, in zentralen Bereichen der sozialen Wohlfahrt und bei Bildungsprojekten zusammenarbeiten. «Schlechte Zeiten sind aber auch für internationale Bemühungen schlechte Zeiten, und man kann sehr oft beobachten, wie einzelne Gruppen sich intern bekämpfen.»

Enge Beziehungen zu Israel

Im östlichen Zentraleuropa – die Staaten der ehemaligen Sowjetunion ausgenommen– leben heute etwa 150 000 Juden. Von diesen Staaten hat Ungarn mit schätzungsweise 100 000 Juden bei weitem die grösste jüdische Bevölkerung, wobei allerdings nur eine verschwindende Minderheit formell einer jüdischen Gemeinde angehört. Nach Ansicht von jüdischen Aktivisten in Budapest existieren zahlreiche Probleme ungeachtet einer Vielzahl jüdischer Gruppen, über einem ­dutzend aktiver Synagogen und einer blühenden neuen jüdischen Jugendkultur. Viele junge Juden lehnen eine auf ­Holocaust-Gedenken und Antisemitismus basierende jüdische Identität ab. Nicht wenige haben sich der religiösen Observanz zugewandt, andere suchen neue Wege der ­jüdischen Identität und wiederum andere assimilieren sich. Zahlreiche ­jüdisch engagierte Menschen in Osteuropa reisen intensiv und sind auf dem Internet vernetzt. Auf diese Weise entstehen Kontakte über den ganzen Kontinent hinweg und über ihn hinaus, und man unterhält enge Be­ziehungen zu Israel, zieht es aber vor, in ­Europa zu bleiben.







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