Kein fliessendes Wasser, dafür Malaria
In Ramogi, einem feuchten Dorf im östlichen Uganda, 20 Minuten von der Grenze zu Kenya entfernt, sitzen 16 amerikanische Studenten im Kreis im Schatten einer Strohhütte. Bereits seit einem Monat sind sie an diesem Ort. Es ist der Nachmittag des 9. Aw, des Sommer-Fasttags, der an eine ganze Reihe von unangenehmen und traurigen Ereignissen in der jüdischen Geschichte erinnert. Die Studenten denken über Begriffe wie Hunger und Leiden nach. Dieses Jahr haben diese Wörter eine andere Bedeutung erhalten, seit die Studenten die Zustände mit eigenen Augen sehen können: Armut, Krankheiten, Hunger sowie mangelnde Schulbildung, Beschäftigung und Hoffnung. «Mir fällt es schwer, den Inhalt von ‹Echa› (das Buch, das am 9. Aw gelesen wird) und das, was wir in Uganda sehen, auf einen Nenner zu bringen», sagt die 22-jährige Judith Frank, die politische Wissenschaften studiert hat. Sie verweist auf den Text über die Zerstörung des antiken Jerusalem. «Es ist nicht leicht, den Text mit dem in Zusammenhang zu bringen, was wir hier sehen, mit dem Leiden der Menschen.»
Genau das aber ist die Botschaft des American Jewish World Service (AJWS), der jährlich unter 400 Stipendienempfängern in 36 Staaten in Afrika, Amerika und Asien rund 13 Millionen Dollar verteilt: Die jüdischen Texte, jüdische Philosophie und jüdische Identität in Verbindung zu bringen mit dem Leiden in Entwicklungsstaaten. Der AJWS hat zudem schon über 3000 jüdische Volontäre alleine oder in Gruppen in alle Welt geschickt, wo sie mit lokalen nicht staatlichen Organisationen an kurz- oder langfristigen Projekten arbeiten. Zu den Volontären zählen Studenten, aber auch rabbinische und Gemeindedelegationen. Mit der Entsendung von Volontären will der AJWS den jüdischen Wert des «tikun olam» («Verbesserung der Welt») in die Tat umsetzen, das heisst Juden zur sozialen Gerechtigkeit verpflichten und sie in ihrer Rolle als «Weltbürger» stärken. «Die Rabbiner und die jüdischen Führungspersönlichkeiten», sagt AJWS-Präsidentin Ruth Messinger, «diskutieren das Gleichgewicht zwischen der Hilfe für Juden und für Nichtjuden.» Nirgendwo stehe geschrieben, dass man nur Juden helfen soll.
Im Lager in Uganda gibt es kein fliessendes Wasser und die Stromzufuhr wird immer wieder unterbrochen. Zur Verhinderung von Malaria sitzen die Studenten unter Moskitonetzen (eine der jungen Frauen erwischte die Krankheit trotzdem). Das Tagesprogramm ist sehr ausgefüllt. Die Teilnehmer errichten eine Schule und versehen zusammen mit dem Uganda Orphans Rural Development Program (Hilfsorganisation für Waisenkinder in ländlichen Gebieten) eine Kirche mit einem Dach. Genau diese Art von Programm – Freiwilligenarbeit in einem Entwicklungsland mit einer Gruppe jüdischer Altersgenossen – zieht diese idealistischen und begeisterungsfähigen Teilnehmer aus allen möglichen Ländern an.
Nachhaltige Hilfe
Einige der Teilnehmer betonten das jüdische Gefühl der Verantwortung, das sie veranlasste, als Volontäre zu arbeiten. «Meine Grosseltern sind Holocaust-Überlebende», erzählt die 22-jährige Faigy Abdelhak, die eben ihr Studium in New York beendet hat. «Ich fragte mich, was wir eigentlich tun, um zu versuchen, die uns bekannten Völkermorde zu stoppen.» Faigy arbeitet in Chicago mit Avodah: The Jewish Service Corps. Die Gruppe arbeitet mit Organisationen in den USA zusammen, die Armut bekämpfen. «In Ruanda zeigten sie mit dem Finger auf uns und meinten: Ihr habt doch gesagt – nie wieder!» Abdelhak, die orthodox ist, gefällt der jüdische Aspekt des AJWS-Programms, der die Erfahrungen der Volontäre mit jüdischem Lernen zu Themen wie eben Tischa Beaw, Schabbat, Nachhaltigkeit, Wohltätigkeit («zedaka») oder den acht Niveaus der Wohltätigkeit gemäss Maimonides (Rambam) verbindet.
Nicht alle Volontäre, die nach Uganda gekommen sind, waren zuvor sonderlich in jüdischen oder sozialen Belangen engagiert. Ungeachtet aller bisherigen Erfahrungen war die 23-jährige Shain Mintz vom Stern-College, der Mädchenschule der Yeshiva University, grösstenteils nicht auf das vorbereitet, was sie in Uganda erwarten sollte. «Egal, was du über die Vorgänge in Entwicklungsländern schon gelesen hast – die Erfahrung vor Ort ist etwas ganz anderes», sagt Mintz. Zur praktischen Erfahrung gehört die physische Arbeit am Morgen und dann Treffen mit der lokalen Gemeinde oder die Arbeit an individuellen Projekten, wie der Schulunterricht oder die Freiwilligenarbeit im Gesundheitswesen. «Die Menschen, denen wir helfen», so Ruth Messinger, «sind meistens einheimische Führungspersönlichkeiten und Leute, die auf sich aufmerksam gemacht haben. Es sind kompetente lokale Leute, und wir stärken diese Eigenschaft, damit sie ihre Gesellschaft weiter aufbauen können. Wir leisten keine Wohltätigkeit, sondern helfen ihnen, mehr zu tun, um sich selber zu helfen.»
Zwar ist die physische Arbeit ein wertvoller Teil des Erlebnisses, doch die Teilnehmer sind vor allem von den lokalen Geschichten beeindruckt. «Ein Mädchen konnte nicht zur Schule gehen, weil sie die Wandtafel nicht sehen konnte», erzählt die Engländerin Philippa Munitz, die an der London School of Economics studiert. «Ich fand hier nur gerade eine Person, die eine Brille trägt. In meiner Familie dagegen sind alle Brillenträger. Was würden die machen ohne Brillen?»
Neben Krankheiten, Armut und schlechter Bildung gibt es weitere schwer zu verstehende Tatsachen für die AJWS-Volontäre. «Männer gehen in die Hauptstadt Kampala, um zu arbeiten. Dort nehmen sie sich eine Geliebte und stecken sich vielleicht mit Aids an. Die Bitte der Ehefrau, der Mann soll ein Kondom benutzen, wird mit Prügel quittiert.» Diese Schilderung stammt von der 20-jährigen Natalie Goodis von der Stanford-Universität. Sie organisierte ein Frauentreffen mit Volontärinnen und Frauen aus Ramogi. Nach diesem Treffen hätten sich, wie sie erzählt, die grossen Worte aus den Vorlesungssälen zu etwas Konkretem, Verständlichem verändert. «Ich habe es gesehen, gerochen, gehört und berührt.»
Langsame Annäherung
Leicht ist die Aufgabe für die Volontäre nicht. «Einmal sass ich im Bus und sagte mir: Wie ich das alles hasse! Ich hasse es, ihre Müdigkeit zu sehen, ihr Aussehen, die Tatsache, dass sie in die Armut hineingeboren wurden, dass sie sich ihrer Situation gar nicht bewusst sind», erzählt der 19-jährige Aaron Kessler, Absolvent eines Kommunikationsprogramms an der Temple-Universität. Seine Eltern von der Rekonstruktionisten-Bewegung – die Mutter eine Rabbinerin, der Vater ein Kantor – hatten ihm vorgeschlagen, die Reise zu machen, um seinen Horizont zu erweitern. «Ich habe gelernt», so Kessler, «über das Grosse hinwegzusehen und die kleinen Details zu würdigen, das Lächeln und die Konversationen.»
Die Ortsansässigen sind tatsächlich sehr glücklich mit der Gruppe. Das fängt bei den barfüssigen Kindern an, die neben den Fahrzeugen herlaufen und «muzungo» («weisse Menschen») rufen, und geht bis zu den schüchternen Frauen, die freudig überrascht sind von den Hosen tragenden, Kirchen bauenden jungen Frauen. «Wir sind sehr glücklich, dass sie hier sind», so die Gemeindeaktivistin Gertrude Ochwo. «Sie sind sehr gute Menschen, die unsere Freunde wurden. Wir werden traurig sein und sie vermissen.» Ochwo gibt allerdings zu bedenken, dass ihr Einfluss nicht sehr lange nachwirken wird, wenn sie nicht wiederkommen.
Die Frage nach der Nachhaltigkeit der AJWS-Mission ist eine zentrale. Nach sechs Wochen verlässt die Gruppe Ramogi wieder. Das Dorf hat eine neue Schule und ein neues Kirchendach, doch die Mitglieder der Gruppe kehren in die USA zurück, wo Prüfungen sie erwarten, Studien im Ausland oder die Suche nach einem neuen Studienplatz. Wird das Sommererlebnis eine langfristige Auswirkung haben? «Unsere Aufgabe bestand darin, den Teilnehmern die Erfahrung zu ermöglichen», so Jamie Zimmerman, eine Gruppenleiterin. «So werden sie die Welt aus einer anderen Perspektive betrachten, was ihre langfristigen Entscheidungen beeinflussen kann.» Zimmerman möchte nicht, dass die Leute mit einem Gefühl des Elends abreisen, doch ihr Bewusstsein und ihr Wissen um ihre Möglichkeiten sollten durch den Einsatz gestärkt werden. Zimmerman selber hat einen Dokumentarfilm über kongolesische Flüchtlinge gemacht, jetzt studiert sie Medizin.
AJWS macht zwar keine langfristigen Studien über den Werdegang seiner Volontäre, doch viele von ihnen arbeiten letzten Endes in Bereichen wie Medizin, Sozialarbeit, Politik, Öffentlichkeitsarbeit und Wirtschaftsentwicklung mit benachteiligten Menschen in den USA und in anderen Teilen der Welt. Zimmerman sieht aber auch nichts Negatives an der Tatsache, dass viele der Teilnehmer von AJWS-Programmen in Bereiche wie Investment Banking, Musik oder Kommunikation gehen. «Das ist doch auch in Ordnung. Sie sollen das Sommererlebnis dazu nutzen, um einen positiven Eindruck mit in die Arbeitswelt zu nehmen.»


