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11. Dezember 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 50 Ausgabe: Nr. 50 » December 10, 2009

«Juden im Ghetto»

Von Jacques Ungar, December 10, 2009
In Hebron stehen sich 160 000 Palästinenser und knapp 800 hermetisch von ihnen ferngehaltene Juden – Siedler für die einen, Rückkehrer für die anderen – gegenüber. Ausser gelegentlichen Gewaltsausbrüchen gibt es keine Berührungspunkte. Koexistenz ist ein Fremdwort. Wie lange kann das gutgehen?
MITTELPUNKT Das Patriarchengrab von Hebron, Zentrum des weit über die Stadt hinausgehenden Konflikts zwischen Juden und Arabern

In Hebron, 32 Kilometer südlich von Jerusalem in der Westbank gelegen, bescheint die bleiche, aber freundliche Dezembersonne eine surrealistische Szene. Neben den rund 160 000 sunnitischen Muslimen wohnen 700 bis 800 Juden in der Stadt, unter ihnen über 300 Kinder und 250 Studenten an Talmudhochschulen. 75 Prozent der jüdischen Einwohner von Hebron, auch Siedler genannt, sind in Israel aufgewachsen, die anderen sind in erster Linie Englisch sprechende Immigranten. Sie können sich in rund drei Prozent des Einzugsgebiets von Hebron frei bewegen; der Rest ist für sie eine «ver­botene Stadt». «Zwischen den beiden Bevölkerungsteilen gibt es kaum Interaktionen», meint der aus New Jersey stammende David Wilder, seit 15 Jahren einer der Sprecher und Fremdenführer der jüdischen Gemeinschaft von Hebron. Massen von wachsamen und im Notfall rasch reagierenden IDF-Soldaten und Polizisten – genaue Zahlen sind nicht erhältlich – sorgen dafür, dass Interaktionen auch dann ein Ding der Unmöglichkeit wären, sollten Juden oder Palästinenser solche wünschen. «Nach dem Krieg von 1967», erläutert Wilder, «bewegten sich Juden ohne Waffen in Hebron, auch in der Kasbah und auf dem Markt. Es gab rege Geschäftsbeziehungen. Das änderte sich alles mit dem Ausbruch der ersten Intifada in den achtziger Jahren.»

Eine «Umerziehung» gefordert

Die Juden von Hebron sind aber an einem wie auch immer gearteten Kontakt zu den palästinensischen Nachbarn gar nicht interessiert, sehen wir einmal ab von dem sich in der Regel im Geheimen abwickelnden Kauf eines palästinensischen Grundstücks durch nicht selten im Ausland lebende Juden. «Der Terrorismus begann mit den Verhandlungen in Oslo», klagt Noam Arnon, ein weiterer Sprecher der jüdischen Minderheit in der Stadt. «Genauso wie das Trennwerk in Judäa und Samaria ist auch die Situation in Hebron das Ergebnis der Osloer Verträge, in welche beide Gemeinschaften von unseren Politikern gestossen worden sind.» Dazu sagt Wilder: «Viele junge Paare möchten gerne hier leben, doch das Kaufen oder Mieten ist schwierig, und Muslime, die Land oder eine Immobilie an Juden verkaufen, müssen in ihrer Gesellschaft mit der Todesstrafe rechnen.» Wegen angeblicher Kollaboration mit dem Feind sollen laut Wilder bisher schon über 1000 Araber von eigenen Leuten ermordet worden sein. Darüber hinaus hat die Intifada das Leben der Siedler extrem gefährlich werden lassen; Gedenktafeln an Synagogen und Lehrhäusern erinnern an zahlreiche jüdische Opfer palästinensischer Gewalt. Vom erhöht gelegenen Viertel Abu-Sneineh war es für Scharfschützen ein Kinderspiel, jüdische Zivilisten im Quartier Avraham Avinu ins Visier zu nehmen – und sie taten es mehr als einmal.

Überhaupt wurden in Hebron zahlreiche Terrorakte geplant, die später an verschiedenen Stellen in Israel verübt worden sind. Die rund um die Synagoge Avraham Avinu gebauten, relativ neuen Häuser verleihen dem Viertel, wohl nicht unbeabsichtigt, das Bild einer Festung. Den Pausenplatz der Schule von Bet Hadassah, 1893 ursprünglich als Klinik für Araber und Juden erbaut, umgibt ein viele Meter hoher Zaun. In Erinnerung sind (vor allem dank des israelischen Fernsehens) aber auch die Bilder rabiater jüdischer Siedlerbuben und -mädchen, die mutwillig palästinensisches Eigentum beschädigen und Verkaufsstände auf dem Markt umwerfen. Der ganze «Koexistenzprozess» müsse neu aufgebaut werden, sinniert Arnon. Dazu gehöre auch eine «Umerziehung» der eigenen Jugend. Darüber, in welche Richtung diese Umerziehung gehen soll, schweigt sich der Sprecher allerdings aus.

Eingefrorende Bautätigkeit

Von der Stimmung, welche das jüdische Hebron offensichtlich auch heute noch gerne zu schüren pflegt, legen grosse Transparente auf Minibussen und Privatautos ein beredtes Zeugnis ab. «Noch ein Bundesgenosse wie die USA, und wir sind verloren» oder «Rabbiner, ihr habt eure Aufgabe vergessen. Das jüdische Volk will Taten sehen und nicht Worte hören» sind nur zwei Beispiele. Beim Gang vom Patriarchengrab hinauf zur Siedlung Tel Rumeida, über die Wilder sagt: «Archäologische Ausgrabungen hier in Tel Chevron beweisen, dass Juden seit den Zeiten von Abraham hier gelebt haben – wir haben Hebron also nicht besetzt, sondern sind in unsere Stadt zurückgekehrt», fällt auf, dass mit Ausnahme eines einzigen Souvenirladens alle palästinensischen Geschäfte geschlossen sind. Die ruhige Atmosphäre erinnert an einen Sonntagnachmittag in einer mittelenglischen Kleinstadt, doch der Schein trügt. Die Läden seien dichtgemacht worden, weil sie für die israelische Armee ein «Sicherheitsrisiko» darstellten, meint Wilder, ohne aber näher auf die Hintergründe einzugehen. Noam Arnon drückt sich deutlicher aus: «Der von Binyamin Netanyahu verfügte Baustopp lässt uns kalt, denn in Hebron ist seit Jahren schon jede Bautätigkeit eingefroren. Hebron ist heute eine Apartheid-Stadt mit den Juden im Ghetto.» Arnon schwebt eine offene Zone «ohne Souveränität» für Hebron vor. Die an sich unnötige IDF-Präsenz in der Stadt sei «wegen der Feindseligkeit von PLO und Hamas» unabdingbar. Er gibt indirekt allerdings selber zu, dass sein Idealbild mit der angespannten Realität nichts gemein hat: «Heute stecken wir tief in einer ganz anderen Situation», sagt er und bedauert, dass er auf Geheiss der Armee die Gespräche mit Scheich al-Jabari von «drüben» nicht mehr fortführen darf.

Ungleiche Bewohner

Was Juden wie Palästinenser von der Koexistenz wirklich halten, bringen sie via Lautsprecher zum Ausdruck. Beim Patriarchengrab sind rund um die Uhr chassidische Melodien in den kaum mehr bevölkerten Strassen zu hören, und in den für Juden reservierten Teilen der Grabeshöhle erstirbt jede Unterhaltung, wenn der Muezzin fünfmal am Tag die Gläubigen in höchster Lautstärke zum Gebet ruft. Heute bekämpfen sich die ungleichen Bewohner von Hebron noch mit Dezibeln, doch irgendwann wird die Situation, ein Wunder vorbehalten, eskalieren.







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