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4. Dezember 2009, Deluxe Beilage 49 Ausgabe: Nr. 49 » December 3, 2009

Suzy Menkes und die Welt der schönen Kleider

Von Katja Behling, December 3, 2009
Vor ihrem Urteil zittern die internationalen Designer: Suzy Menkes ist seit Jahrzehnten die einflussreichste Kritikerin in der Welt der Laufstege. Nun hat die Britin Berlin als Fashionmetropole entdeckt.
SUZY MENKES In Sachen Mode das letzte Wort

Ihr Mann, ein Journalist, war es, der Suzy Menkes eines Tages bewusst machte, welchen Einfluss sie hat. Ein wichtiger CEO, heisst es, war erbost über einen Bericht aus ihrer Feder und tobte am Telefon. Erschüttert von dem Donnerwetter rief die Gescholtene ihren Mann an. Der entgegnete trocken: «Wenn der Mensch sich so aufregt, ist das doch ein gutes Zeichen. Er nimmt dich ernst.» Spätestens in diesem Moment war die mächtige Modekritikerin Suzy Menkes geboren. Seit nun mehr als zwei Jahrzehnten schreibt Suzy Menkes als Kolumnistin für die «International Herald Tribune», eine von der «New York Times» in Paris herausgegebene, englischsprachige Tageszeitung mit sehr ausgesuchter Leserschaft. Rund 600 Runway-Shows besucht Menkes pro Jahr. Ein enormes Arbeitspensum für die 65-Jährige. Lediglich der jüdische Feiertag Jom Kippur ist ihr heilig, seit sie ihrem Mann zuliebe einst zum Judentum konvertierte. An diesem Feiertag arbeitet sie grundsätzlich nicht – und wenn er in die Mailänder Modewoche fällt, nehmen die Planer darauf Rücksicht: Für die Designer wäre es ein schlechtes Omen, wenn Suzy Menkes fehlte.

Ikone der Fashion-Szene

Suzy Menkes ist eine der einflussreichsten Modejournalisten der Welt. Nur Anna Wintour, die Königin der amerikanischen «Vogue» und Vorbild für die von Meryl Streep gespielte Titelfigur in dem Hollywood-Film «Der Teufel trägt Prada», hat so viel Einfluss wie ihre Kollegin von der «International Herald Tribune». Bei den internationalen Modeschauen sitzen die beiden Damen stets in der ersten Reihe. Und es war ausgerechnet Anna Wintours Vater Charles, der der jungen Suzy seinerzeit den ersten festen Job in London beim «Evening Standard» gab. Doch während Anna Wintour die unnahbar-gelangweilte und edel gewandete Diva gibt, die Augen unergründlich hinter Sonnenbrille und unter tiefem Pony verborgen, setzt sich Suzy Menkes als Paradiesvogel in Szene – rein äusserlich, versteht sich. Sie habe grossen Respekt vor den Arbeiten von Armani und Lagerfeld, sagte sie wiederholt in Interviews. Als deren Jüngerin aber wirkt sie nicht. Die selbstbewusste Menkes kreiert ihren eigenen Stil. Mit erkennbarer Vorliebe für Extravaganz. Dem Schlankheitswahn der Branche unterwirft sie sich nicht. Und ihre Frisur ist ein schräges Statement: Über der Stirn ihres rundlichen Gesichts türmt sich eine schwarze Haartolle wie ein quer gelegtes Stück Brikett – nur die Skandal-Sängerin Amy Winehouse balanciert ein noch markanteres Gebilde auf dem Kopf. Suzy Menkes trägt ihren Haaraufbau wie eine Krone und kombiniert den eigenwilligen Kopfputz mit Brokatblazern oder unförmigen Jacken, geblümten Seidentüchern und grossen goldenen Ohrringen. Kurz: Ihre Erscheinung ist ein ästhetisches Experiment. Alles andere als «dernier cri». Und darauf ist sie stolz.

Als Kritikerin der Mode anderer ist Suzy Menkes die Lobhudelei fremd und sie kennt keine Gnade: Auch der mit ihr befreundete Karl Lagerfeld muss sich von La Menkes rügen lassen. Er sei entscheidungsschwach, attestierte sie ihm einmal. Siebe nicht genug aus, was er seinen «Mode-Radar» passieren lasse. Schlage dadurch über die Stränge. Nun wird eine solche Meinung aus Suzy Menkes Mund Karl dem Unanfechtbaren Lagerfeld eher schmeicheln als schaden – ihn vielleicht sogar amüsieren. Doch anderen, weniger grossen Designern kann Suzys Missbilligung den Dolchstoss versetzen, eine ganze Kollektion vernichten. Und ihren Schöpfer gleich dazu. Ihrer mitunter harten Urteile wegen hat Suzy Menkes im Verlauf ihrer Karriere manches Hausverbot bekommen, so etwa nach einem Verriss der Schau von John Galliano für Dior: Menkes wurde von sämtlichen Defilees des Mutterkonzerns LVMH ausgeladen. Die Empörung seitens der Medien war daraufhin so gross, dass der Konzern einlenkte. Die Geschnittene focht das Tamtam nicht an. Sie kennt die Regeln des Business. Und ahnt: «Möglicherweise brauchen sie mich mehr als ich sie.»

Intellektuelle in Swinging London

Ursprünglich wollte Suzy Menkes selbst Designerin werden. Ihr Weg in die Mode wurde durch die Mutter gebahnt, eine elegante Londonerin, die es nach dem Krieg mit ihren Töchtern aufs Land bei Brighton verschlug. Der Vater, ein belgischer Offizier, den ihre Mutter im Krieg geheiratet hatte, war drei Monate vor Suzys Geburt 1943 als Pilot der Royal Air Force vor Malta verschollen. Nach der Schule ging die Britin nach Paris, absolvierte einen Schneiderlehrgang, bemerkte aber schnell, dass ihre Entwicklung auf diesem Weg rasch in eine Sackgasse münden, ihr Talent nicht für die Karriere als zweite Chanel reichen würde. Und wenn sie es nicht Ralph Lauren nachtun und Millionen machen konnte, würde sie lieber schreiben und andere kritisieren, begründete sie später ihren Entschluss, zurück nach England zu gehen und in Cambridge Geschichte und Literatur zu studieren. In den sechziger Jahren absolvierte Suzy ein Volontariat bei der «Times». Und tauchte ein in die Szene des Swinging London. Dass sie ihre Leidenschaft und ihr Schreibtalent für etwas so «Gewöhnliches» wie Modeberichterstattung verschwendete, irritierte viele. In der Blütezeit der Frauenbewegung galt ein solches Engagement für die Dekoration der Frau als rückwärtsgewandt, dabei trat die Menkes stets für die Emanzipation ein und lebte sie vor. Sie arbeitete für den «Evening Standard», den «Daily Express», für die «Times». Als Ende 1987 Hebe Dorsey, die langjährige Modekritikerin der «International Herald Tribune», starb, bot die Chefredaktion Suzy Menkes die Nachfolge an. Um diese Zeit legte Menkes sich ihre Frisur zu, die bis heute ihr Markenzeichen ist und mit der sie vorwegnahm, dass sie als Modejournalistin mit elitären Mustern brechen würde. Bücher schrieb sie auch, etwa über den Stil der Windsors. Von jeher hat Menkes den Anspruch gehabt, mehr über Mode mitzuteilen, als die jeweilige Rocklänge des nächsten Frühjahrs vorauszusagen. Spannender findet die intellektuelle Laufsteg-Beobachterin Mode als Spiegel des Zeitgeistes. Sie will nicht nur etwas über Mode sagen, sondern etwas durch Mode verstehen. Zum Beispiel über das Bild der Frau. Dass sie als einflussreiche Macherin und Multiplikator zudem ein Wirtschaftsfaktor in der Milliarden-Branche ist, passt dabei nur zu gut ins Bild. 2005 wurde sie in Frankreich für ihre Verdienste um die Mode – Kulturschatz und eines der wichtigsten Exportgüter des Landes – zur Ritterin der Ehrenlegion geschlagen. Von der Queen erhielt die Britin später das britische Ordens-Pendant. Seit Langem ist Menkes eine Grossmacht in der Welt der Couture, eine globale Instanz. Im vorigen Jahr feierte Suzy Menkes ihr 20-Jahre- Dienstjubiläum bei der «International Herald Tribune». Die Party fand im Herbst 2008 im Pariser Modemuseum Galliera, Musée de la Mode de la Ville de Paris, statt, die grossen Designer gaben Madame und sich die Ehre.

Suzy Menkes goes Berlin

Nun hat Suzy Menkes, die «Reich-Ranicki der Mode» («Die Zeit»), die deutsche Hauptstadt, einen der Fashion-Hotspots des neuen Europa, entdeckt. Für viele Modefans war es ein Ritterschlag, als sich Suzy Menkes im Sommer zur diesjährigen Fashion Week ansagte. Ihren Bericht über den Besuch in Berlin betitelte sie mit «Berlin: Raw Energy», was so viel heisst wie «pure Energie» oder «rohe, unverfälschte Energie». Wegweisend für Berlin ist der Streetwear-Style, der so typisch ist für den Look der sich neu findenden deutschen Hauptstadt, wie es die pulsierende Szene von London einst war für den Minirock und den Stil der psychedelischen Swinging Sixties. Dem entspricht, dass Menkes nich t so sehr die Veranstaltungen der gediegenen Edelschneider hervorhob, sondern den Einzug der Messe Bread & Butter in den stillgelegten Flughafen Tempelhof als grössten Coup der «funky» Berliner Szene bezeichnete. Mitte November kam Menkes wieder an die Spree, um die Meinungsmacher der internationalen Luxusgüter- und Modewelt zur Techno Luxury Conference zu bitten, darunter Christopher Bailey, den Kreativchef von Burberry, und Tomas Maier, Chefdesigner der Marke Bottega Veneta, als Referenten. Warum ein Kongress zum Thema Luxus ausgerechnet in der deutschen Hauptstadt, von der es heisst, sie sei «arm, aber sexy»? «Berlin ist die Stadt im Jetzt und Sein», meinte Menkes in einem Interview mit der «Berliner Morgenpost» im Vorfeld der Konferenz. Rente scheint für die intelligente, quirlige und humorvolle 65-Jährige ein Fremdwort zu sein. Menkes, deren Mann vor rund einem Jahrzehnt starb, hat drei Söhne und vier Enkelkinder. Sie pendelt zwischen Paris und London, wenn sie nicht in Sachen Modezirkus auf Reisen um die Welt ist. Ihr Urteil ist nach wie vor gefürchtet. Mal meinte sie, «eine grausige Parade entsetzlicher Kleider» zu sehen zu bekommen. Dann wähnte sie sich auf einer «Kostümparty für Freaks». Kleider – letztlich eine Geschmackssache? Vielleicht, aber sicher nicht für die Menkes. Ihr Wort gilt. Oder, wie sie es einmal ausdrückte: «Nein, Zweifel an meinem Urteil habe ich nie. Ist das nicht furchtbar?»






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