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4. Dezember 2009, Deluxe Beilage 49 Ausgabe: Nr. 49 » December 3, 2009

Der Architekt macht Schmuck und Schuhe

von Katja Behling, December 3, 2009
Die Welt kennt ihn als visionär und dekonstruktivistisch. Nun zeigt sich der Architekt Frank O. Gehry glamourös und traditionsbewusst. Er ist unter die Schmuck- und Schuhdesigner gegangen.
O. GEHRYS SCHMUCK FÜR TIFFANY'S Hochwertige Stücke, modisch und unkompliziert

Frank O. Gehry gilt als einer der innovativsten und bedeutendsten Architekten der Welt, hat 1989 den Pritzker-Preis gewonnen, die höchste Auszeichnung für einen Architekten. Mit seinen Meisterwerken, darunter das Guggenheim-Museum in Bilbao, die Walt-Disney-Konzerthalle in Los Angeles und das «Tanzende Haus» in Prag, setzte er Massstäbe für eine neue kreative Ästhetik. Der kühne Prager Bau mit seiner Kugel aus Lochblech füllt seit 1996 eine Lücke, die eine Fliegerbombe im Zweiten Weltkrieg in die Häuserreihe gerissen hatte. Nicht nur bei «Ginger & Fred», wie die Prager das Haus mit den beschwingten Säulen längst nennen, scheinen die baulichen Elemente zu kreiseln, zu schweben, zu kippen – dieser Ausdruck von Beweglichkeit ist typisch für die Arbeiten Gehrys. Auch das Museum der Toleranz des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Los Angeles, das den Dialog zwischen den Religionen fördern und über Antisemitismus aufklären will, ist ein Gehry-Werk.

Doch seit einiger Zeit wendet der Baumeister seine Kreativität auch neuen Gebieten zu, der Juwelierkunst – und dem Schuhdesign. Die erste Kollektion für Tiffany entwarf der Künstler vor rund fünf Jahren, seit April 2006 ist die Serie auf dem Markt erfolgreich. Seine Formensprache – modern, reduziert, aber nicht sachlich, und historische Vorbilder zitierend, setzte Gehry vom Grossen ins Kleine um. Wie ein von ihm entworfenes Gebäude, so trägt auch ein von ihm gestalteter Ring oder eine Kette unverkennbar seine Handschrift. Viele der Stücke des in Kanada geborenen jüdischen Künstlers zeigen sich als von Eindrücken und Erinnerungen aus seiner Kindheit beeinflusst. Andere wirken wie eine Hommage an künstlerische Meister der Renaissance oder eine Referenz an zeitgenössische Maler und Bildhauer wie Richard Serra, Claes Oldenburg oder Julian Schnabel.

Fisch-Design für Tiffany

Gehry verwendet ungewöhnliche Materialien für seine Schmuckstücke. Darunter das edle Holz des Pernambuco-Baumes – Brasiliens Nationalbaum –, aus dem seit dem 18. Jahrhundert die besten Geigenbögen der Welt gebaut werden. Auch Ebenholz, Granit, schwarzes Gold und Kascholong, ein weisstoniges quarziges Gestein, das wie Porzellan aussieht, verarbeitet der 80-jährige Künstler. Desgleichen sind die Designs ungewöhnlich: Eine an die Form des Fisches angelehnte Kollektion hat er entworfen. Ohrringe aus grob halbkreisförmig aneinander gelegten Plättchen von grauem Titan. Einen breiten Ring wie aus zerknülltem Goldpapier sowie Armbänder oder Anhänger aus gebürstetem Sterlingsilber, die wie leichte, offene Quader gestaltet sind und so die modernistische Handschrift des Architekten-Designers tragen. Aber auch klassische Stücke, etwa weisse Diamanten auf Weissgold in Herzform, eines der Herzstücke des Hauses Tiffany, hat Gehry im Programm.

Gehry und Tiffany passen gut zusammen: Tiffany, seit Jahrzehnten Inbegriff des Luxusjuweliers, profiliert sich seit einigen Jahren neu. Nicht nur in moralischer und imagepolitischer Hinsicht – das Schmuckhaus legt Wert darauf, keine «Blutdiamanten» zu verkaufen und arbeitet seiner Website zufolge eng mit Oxfam und Earthworks zusammen, Unternehmen, die sich um humane und ethische Standards im Juwelenhandel bemühen. Auch das Verkaufsprinzip und die Ladengestaltung wurden aufgefrischt. Statt Vitrinen dominiert nun der Stil einer Boutique. Vor allem aber wurde das Design modischer und unkomplizierter, dabei der Traditionsmarke entsprechend gleichbleibend hochwertig. Dazu passen die modernen Entwürfe des Weltklassekünstlers Frank Gehry, zu dem sich bei Tiffany Designer wie Paloma Picasso, Jean Schlumberger und Elsa Peretti gesellen. Und Audrey Hepburn, die vor 50 Jahren in «Breakfast at Tiffany’s» aus finanziellen Gründen nur einen silbernen Telefonwähler beziehungsweise eine Gravur in engere Betrachtung ziehen konnte, wäre glücklich: Die Preise für Gehrys Arbeiten sind nicht alle astronomisch hoch, rangieren zwischen 150 und 6000 Euro. Nachdem Gehrys Schmuckkollektion künstlerisch, aber, wie es heisst, auch in finanzieller Hinsicht sehr erfolgreich war, dehnte der Künstler seine Kreativität auf ein weiteres Gebiet aus: Schuhe.

Schuhe als Bauwerk

Gehry und sein Sohn, der Künstler Alejandro Gehry, haben für den traditionsreichen französischen Schuhmacher J. M. Weston zum Skizzenblock gegriffen. Im Mai wurde das Ergebnis der Zusammenarbeit vorgestellt. Wer nun mehr Form als Funktion – womöglich Futuristisches oder zumindest Pumps mit Absätzen aus gebürstetem Edelstahl – erwartet hatte, wurde eines Besseren belehrt. Gehry, der «Papageno der zeitgenössischen Ar­chitektur» (FAZ), der umsetzt, was seine kreativen Quellen ihm eingeben, übertrug eben nicht seine Architektur-Visionen eins zu eins auf das Schuhhandwerk. Vater und Sohn gingen zurück in die Vergangenheit. Sie zeigten einen geradezu altmodischen Herrenschuh nach englischem Vorbild, eine zweifarbige Knopf-Stiefelette, die auch dem Prinzen von Wales gefallen würde. Mit diesem tragbaren Retro-Stil liegt das kreative Duo genau im Strom der Zeit. Wer das als zu viel empfindet, kann Gehrys Balmoral-Modell auch in schlichter, schwarzer Ausführung bekommen. Frank Gehry ist nicht der erste Architekt, der sich als Schuh-Designer betätigt. Für Furore sorgten auch Bernhard Rudofsky mit seinen Sandalen-Entwürfen und vor allem Zaha Hadid mit ihrer ausgefallenen Herren- und Damenkollektion für das Modehaus Lacoste. Gehry sieht eine grosse Affinität zwischen dem Entwerfen von Schuhen und dem Entwerfen von Gebäuden. Das gelte etwa auch für die Modelle seiner Kollegin, der Mode-Designerin Miuccia Prada. Deren Schuh-Designs seien eindrucksvolle Konstruktionen – wie Bauwerke.



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