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4. Dezember 2009, Deluxe Beilage 49 Ausgabe: Nr. 49 » December 3, 2009

Das Funkeln in den Augen

Von Gabrielle Rothschild, December 3, 2009
Die Erfolgsstory von Laurence Graff, dem grössten Diamanten- und Edelsteinhändler der Welt, ist ebenso funkelnd und glamourös wie seine auserlesenen Schmuckstücke.
Handel mit Diamanten «Wenn es sein muss, kann ich selber Diamanten polieren und Schmuck herstellen», sagt Graff

Ob «The Hope of Africa», «The Begum Blue» oder «The Idol’s Eye», durch Graffs Hände sind die kostbarsten Diamanten der Welt gegangen. Sogar der grösste je gehandelte Diamant, ein 243 Karat grosser Edelstein aus Afrika, wurde von Laurence Graff im letzten Jahr angeboten. Sein Imperium, das er von New York, London und Johannesburg aus leitet, verzeichnet einen Jahresumsatz von einer Milliarde Dollar und ist vertikal integriert, denn: «Anders könnte man mit Diamanten gar nicht geschäften», so Graff in einem seiner wenigen Interviews.

Laurence Graff, in Insiderkreisen auch als «Herr der Ringe» oder «The King of Bling» bekannt, ist sowohl Grossist als auch Detaillist. Er beschäftigt 700 Mitarbeiter und zählt heute zu den grössten Produzenten von Rohdiamanten in Südafrika. 300 Beschäftigte polieren und schleifen in Südafrika, auf Mauritius, in Antwerpen und New York nur die besten und seltensten Diamanten, die anschliessend in den Londoner Filialen in die edlen Schmuckstücke eingearbeitet werden. Wohl bewacht, hinter Sicherheitsschleusen und kugelsicherem Glas, empfängt das hoch spezialisierte Personal eine Klientel, die weniger an den Preisen als vielmehr an der Einzigartigkeit der Steine interessiert ist. Und noch eine wichtige Tatsache macht den Selfmade-Milliardär einzigartig: Jeder kann sich mit ihm und seinem legendären Namen identifizieren, denn Laurence Graff steht noch heute selbst von Zeit zu Zeit in einem seiner über 30 Geschäfte und bedient die Kunden, während beispielsweise einer seiner wichtigsten Konkurrenten, der weltberühmte Juwelier Harry Winston, vor Jahren von den Erben, zwei jüdischen Brüdern, verkauft wurde und heute an der Börse von Kanada notiert ist.

Vom WC-Putzer zum Milliardär

«Wenn es sein muss, kann ich selbst Diamanten polieren und Schmuck herstellen», behauptet Graff, dessen jüdische Eltern aus Osteuropa nach London einwanderten, voller Stolz. Er wuchs in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Whitechapel auf. Den bescheidenen Lebensunterhalt verdiente seine Mutter als Verkäuferin in einem kleinen Kiosk, während sein Vater, ein gelernter Schneider, mit geliehenem Geld ein eigenes Geschäft eröffnete, das jedoch schon nach kurzer Zeit wegen mangelnder Aufträge wieder geschlossen werden musste. Laurence selbst war ein schlechter, desinteressierter Schüler. Deshalb bat ihn seine Mutter inständig, die Schule zu verlassen, und so verdiente der erst 14-Jährige sein erstes Geld mit dem Reinigen öffentlicher Toiletten in London. «Ich hatte die Wahl, Juwelier, Zahntechniker oder Optiker zu werden», erzählte er einmal, «und weil mich schon als kleiner Junge die Diamanten in den Auslagen grosser Juweliergeschäfte faszinierten, lag es nahe, dass ich mich für eine Lehrstelle bei Schindler bewarb, einem Juwelier in Hutten Garden, dem historischen Zentrum für Diamanten und Schmuck in London.» Auch die Tatsache, dass er schon nach drei Monaten wieder entlassen wurde, entmutigte ihn nicht. Im Gegenteil. Mit erst 17 Jahren eröffnete er sein erstes eigenes Geschäft, in dem man vor allem Eheringe kaufen konnte. Ausserdem bot er
zusätzlich einen 24-Stunden-Reparatur-Service an sowie perfekte Kopien von Ringen, die er für nur fünf Pfund verkaufte. Er folgte stets dem Rat seines Vaters, der ihm sagte: «Um Erfolg zu haben, musst du immer sehr fleissig sein und stets früh aufstehen.» Fünf Jahre später begann er mit dem Handel von Diamanten und hält sich seitdem eisern an sein Credo, immer nur Topqualität zu liefern.

Begegnung mit Prinz von Brunei

Seine Geschäfte liefen anfangs eher mässig – bis zu dem Tag, als er bei Robinsons & Co, einem Warenhaus in Singapur, zufällig den Kronprinzen von Brunei und dessen Ehefrau kennenlernte. Beide waren schnell von Graffs Kompetenz sowie der Einzigartigkeit seiner Steine überzeugt und beauftragten ihn mit der Herstellung erlesener Schmuckstücke. Kurze Zeit später avancierte er zum einzigen auserwählten «Hoflieferanten», und die Kronprinzessin, heute Königin, zog bald alle Aufmerksamkeit auf sich, denn sie besass die schönsten und wertvollsten Preziosen weit und breit. Diese Begegnung machte Laurence Graff nicht nur sehr reich, sondern öffnete ihm auch die Türen zu vielen anderen wohlhabenden Kunden, vor allem in Asien. Fragt man Laurence Graff heute, wie er sich als armer, jüdischer Junge bei der ersten Begegnung mit dem Prinzen von Brunei gefühlt habe, entgegnet er: «Viele Leute meinen, ich wäre nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen und hätte einfach viel Glück gehabt. Zurückblickend muss ich aber feststellen, dass ich den richtigen Augenblick erkannt und die Herausforderung genutzt habe. Auch heute noch bieten sich mir Tag für Tag neue Möglichkeiten, und ich bin noch immer in der glücklichen Lage, diese Chancen zu sehen und zu nutzen.»

Laurence Graff zählt mittlerweile mit einem Vermögen von 1,2 Milliarden Dollar zu den 500 reichsten Männern der Welt. Er erhielt 2006 die bedeutendste Auszeichnung für geschäftlichen Erfolg, den «Queen’s Award», und gehört darüber hinaus zu den einflussreichsten Kunstmäzenen Englands. Vor einigen Jahren kaufte er für 12,6 Millionen Dollar Warhols berühmtes Porträt von Elizabeth Taylor, die «Red Liz». Darauf angesprochen, ob es legitim sei, so viel Geld für ein Kunstwerk auszugeben, entgegnete Graff: «Warum nicht? Miss Taylor besitzt ja auch viele meiner eigens für sie entworfenen, sehr kostbaren Schmuckstücke.»

Der heute 70-Jährige mit Wohnsitzen in England, Frankreich, der Schweiz und den USA, eigenem Privatjet, luxuriöser Jacht und vielen wertvollen Immobilien in Londons teuerster Gegend Mayfair ist, spielt man auf sein Aussehen an, ein Wunder der Natur, oder eher der plastischen Chirurgie. Und tatsächlich versucht er seit Jahrzehnten hartnäckig alles, um auf allen Ebenen erfolgreich zu sein. Nur ein Ereignis hätte ihn beinahe in die Negativ-Schlagzeilen gebracht: die geplante Scheidung von seiner Frau Anne Marie. Seit mehr als 47 Jahren ist Graff mit der Französin verheiratet, und gemeinsam mit ihren beiden Söhnen, François und Stephane, führte das Ehepaar in aller Stille ein sehr luxuriöses Leben. Bis zu jenem Tag vor zwei Jahren, als Anne Marie ihrem Ehegatten ohne jegliche Vorwarnung mitteilte, dass sie sich scheiden lassen wolle. Freunde und Beobachter erzählen noch heute amüsiert, dass das Funkeln in Laurences Augen heller strahlte als jeder seiner noch so kostbarsten Diamanten, als seine Frau den Antrag im letzten Augenblick zurückzog. Ob die Freude über diesen Rückzieher so gross war, weil ihn die Scheidung ein wahres Vermögen gekostet hätte, oder ob er einfach nur glücklich darüber war, dass seine Frau sich schlussendlich doch dafür entschieden hatte, bei ihm zu bleiben, sei dahingestellt.

Immerhin hörte man Laurence Graff schon des Öfteren sagen, dass man drei Dinge unter keinen Umständen verlieren sollte: seine Diamanten, sein Haus – und seine Frau.






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