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4. Dezember 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 49 Ausgabe: Nr. 49 » December 3, 2009

«Heute sind wir Radikale»

Von Jacques Ungar, December 3, 2009
Nach dem von Premier Binyamin Netanyahu verfügten zehnmonatigen Baustopp in den jüdischen Orten der Westbank steht das Barometer bei den Siedlern auf Sturm. Ein Augenschein in Maale Adumim und Kfar Adumim.
UNMISSVERSTÄNDLICH Für den Verleger Ilan Greenfield ist Netanyahu als Regierungschef untragbar geworden

Eigentlich sollten die in der Westbank wohnenden Israeli erleichtert aufatmen. In einem Versuch, sie nach der Verkündigung des zehnmonatigen beschränkten Baustopps in den Siedlungen zu beschwichtigen, bezeichnete Premier Binyamin Netanyahu die Massnahme als einmalig und vorüber­gehend und meinte, nach Ende des Mora­toriums würde weitergebaut werden. Der endgültige Status in «Judäa und Sa­maria» werde erst zum Schluss der Verhandlungen fixiert «und keinen Tag früher».

«Eine Kriegserklärung»

Nichts von Erleichterung ist aber aus den Worten von Benny Kashriel, Bürgermeister des 1979 entstandenen Ortes Maale Adumim, herauszuhören. Im Gegenteil: Der 58-Jährige, der seit 18 Jahren an der Spitze der heute mit 38 000 Einwohnern grössten jüdischen Stadt in der Westbank – er selber wohnt seit 1983 dort – steht, bezeichnet das Moratorium als «sehr hart». Vor allem will es ihm nicht in den Kopf, dass ausgerechnet Netanyahu, für dessen Likud bei den letzten Wahlen 47 Prozent der Leute von Maale Adumim gestimmt hatten, diesen Schritt verkündet hat. «Zum ersten Mal in der Geschichte Israels überhaupt wurden jetzt die Kompetenzen der Bürgermeister in den Gebieten derart beschnitten, dass wir heute nicht einmal mehr den Bau eines Balkons bewilligen dürfen. Das ist eine Kriegserklärung des Premiers an unsere Gemeinden. Netanyahu hat seine Zusagen gebrochen und seine Ideologien verraten.»

In Maale Adumim befinden sich derzeit rund 300 Wohneinheiten im Bau, die laut dem Moratorium fertiggebaut werden dürfen. Aber auch sonst will Kashriel nichts von einem Baustopp wissen: «Wir werden niemanden kontrollieren, der baut. Das soll jetzt die Regierung machen», meinte der Bürgermeister zornig, der es zudem als «unmenschlich» verurteilt, dass die Verfügungen des Staates durch Soldaten verteilt worden sind. «Wir expandieren nicht und bauen nur innerhalb der städtischen Grenzen auf Staatsland», machte Kashriel geltend. Er weist in diesem Zusammenhang auf die umstrittene Zone E1 hin, die inzwischen den Namen Mewasseret Adumim erhalten hat und die dereinst die physische Verbindung zu dem von der Dachterrasse des Rathauses sichtbaren Jerusalem bilden soll. «Alles, was über E1 verbreitet wird, ist das Produkt palästinensischer Desinformation.» Mit den Palästinensern habe Kashriel im Übrigen gute Beziehungen. «Jeden Tag arbeiten rund 2000 von ihnen bei uns und bringen regelmässig einen Lohn nach Hause.» Auf die hohe Politik lässt er sich aber nur am Rande ein. «In Judäa und Samaria ist genügend Platz für ein Zusammenleben beider Völker», sagt er nur und fügt in einem Nebensatz hinzu, in seiner Generation werde im Friedensprozess «nichts geschehen».

Radikale Einstellungen

Kashriel begründet seine Sorgen vor allem demografisch. Die Wachstumsrate der Bevölkerung von Maale Adumim liege bei über 600 Menschen pro Jahr, und gegen 300 junge Ehepaare wollen sich in der Stadt eine Wohnung kaufen oder bauen, was ihnen im Zuge des Moratoriums aber zusehends Mühe bereiten dürfte. «Die überwiegende Mehrheit der Bürgermeister in Judäa und Samaria war bisher nicht radikal. Bisher durfte eine Person in meinem Einzugsgebiet nicht einmal die Umrandung eines Balkons illegal bauen. Nach 18 Jahren als gesetzestreuer Bürgermeister sage ich meinen Leuten jetzt aber, dass sie tun und lassen können, was sie wollen. Heute sind wir alle radikal geworden.»

Kaum weniger erbost tönt es in Kfar Adumim, dem zehn Autominuten von Maale Adumim entfernten, idyllisch auf einem Hügel gelegenen 400-Familien-Ort, in dem Einfamilienhäuser dominieren. «Persönlich bin ich sehr verärgert», sagt etwa die Unternehmensberaterin Chaya Ben-Dor, Mutter von vier Kindern und Gattin eines Silberschmieds. «Die Regierung, der wir an die Macht verholfen haben, hat uns im Stich gelassen. Nicht auszuschliessen, dass jetzt Menschen wegziehen werden.» Über eine Dringlichkeitssitzung, an der alle Anwesenden ihren Unmut äusserten, ohne aber etwas Konkretes zu beschliessen, gingen in Kfar Adumim die Proteste bis jetzt nicht hinaus.

«Die Gleichung geht nicht auf»

Wer sich in Kfar Adumim niederlassen will, muss zuerst in einer Mobilheim-Siedlung am Rande des Orts ein bis zwei Jahre zur Probe wohnen. «Es gibt noch rund 40 freie Parzellen, die wir jetzt aber nicht bebauen können», klagt Chaya, zehn bis 15 Häuser seien derzeit im Bau. «Die Palästinenser werden mit uns nie ein Friedensabkommen schliessen», fügt sie hinzu. Die gewalttätigen Folgen des israelischen Abzugs aus dem Gazastreifen sind für sie der klare Beweis dafür, dass die «Gleichung nicht aufgeht».

Ganz verloren hat Chaya ihre Zuversicht aber nicht. «Wenn der Baustopp wirklich nur zehn Monate dauert, dann warten wir eben und machen nachher weiter.» Da herrscht offensichtliche Übereinstimmung mit dem Premier, von dem sie doch so enttäuscht ist. Chaya Ben-Dor sieht ihre Präsenz in Kfar Adumim als «Teil meiner religiösen Berufung, eines Hinrückens zu den historischen Wurzeln und den biblischen Quellen». Auf der Warteliste von Leuten, die sich in Kfar Adumim niederlassen wollen, stehen rund 150 Namen.

«Diskriminierung von Juden»

Auf dem riesigen Balkon des Hauses des Verlegers von Geffen Publishing House, Ilan Greenfield, am äussersten Rande von Kfar Adumim, geniesst der Besucher eine atemberaubende Sicht auf die judäischen Hügel. In der Ferne erkennt man Jericho und das Jordantal. Die kompromisslosen Worte des 50-jährigen Greenfield verdrängen die Panoramabilder aber sehr rasch. «Was Netan­yahu getan hat, ist etwas Schreckliches, eine Diskriminierung von Juden. Der Mann hat seine Karriere beendet und sollte unverzüglich zurücktreten.» Der Verleger hat nach seinen eigenen Worten lange nach einem Platz gesucht, an dem er mit der Familie seine zionistischen Träume erfüllen könnte. Hier im «Zentrum des Landes Israel» sei ihm dies gelungen. «Nie haben in dieser Gegend Araber gelebt oder das, was man heute Palästinenser nennt», betont der Mann mit einer weiten Handbewegung, die alle umliegenden Täler und Berge mit einschliesen will. «Das Land Israel ist der einzige Ort auf Erden, an dem Juden ihr Schicksal kontrollieren können.» Seinen Mit­bewohnern empfiehlt Ilan, auf jeden Fall weiterzubauen, da das Gesetz «illegal» sei. Zusammen mit Gesinnungsgenossen publiziert er seine Ideen regelmässig in Inseraten in der israelischen Tagespresse.

Auf der Rückfahrt nach Jerusalem ist im Radio die Meldung von ersten Zusammenstössen zwischen Siedlern und staatlichen Bauinspektoren, die prüfen wollen, ob und wie dem Moratorium Folge geleistet wird. Es dürfte nicht die letzte Konfrontation gewesen sein. 






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