«Al-Qaida ist eine Schuhnummer grösser»
Mordechai Rachamim stellt sich unkompliziert als «Motti» vor, ein Mann Anfang 60, mit stark gegerbter und gebräunter Haut. Noch heute, 40 Jahre nach dem Attentat palästinensischer Terroristen vom 18. Februar 1969 auf die El-Al-Maschine erinnert er sich an die Details, wie er die Rettungsaktion erlebte: «Ich war der einzige Bodyguard an Bord, nur ausgestattet mit einer Pistole. Plötzlich hörte ich Schüsse. Es waren Schüsse von aussen. Das kam für mich völlig unerwartet, denn in unseren Spezialtrainings als Anti-Terror-Einheit wurden wir nur für Attacken im Flugzeug
ausgebildet.» Im Winter 1968/69 hatte Rachamim nach den drei regulären
Armeejahren ein zusätzliches, hartes Training für eine Sondereinheit absolviert, die potenzielle Ziele von Terroristen beschützen sollte, darunter auch Flug zeuge. Sicherheitskontrollen in den Flughäfen kannte man damals praktisch nicht.
Wie eine Maschine
Rachamin erzählt; «Ich rannte ins Cockpit, sah den blutenden Piloten und die Fenster in Scherben. Als erstes galt es, die Quelle der Schüsse zu finden, darin waren wir trainiert worden. Ich entdeckte vier Personen in etwa 50 Meter Distanz und schoss mit meiner Pistole zurück. Davon überrascht blieben die Männer für einige Momente ruhig. Meine grösste Angst war, dass sie auf den Tank schiessen würden. Dann wäre die Maschine explodiert.» Mit seiner Pistole sprang Rachamim auf die Rollbahn. Draussen lag viel Schnee. Die Landepiste war zwar geräumt, doch an den Rändern lagen zwei Meter Schnee. Dank dieser Höhe gelang es ihm, über einen Zaun hinter der Piste zu klettern und von dort aus auf die Terroristen zu schiessen. Die Schneehaufen boten ihm gleichzeitig Deckung. «Ich erkannte drei Männer und eine Frau. Zwei der Männer trugen Gewehre, einer
eine Handgranate und die Frau Flugblätter mit der Botschaft der palästinensischen Terrororganisation PFLP über den Zweck des Attentats. Ich rief ‹Waffen runter!›. Drei taten, was ich sagte, der Vierte – einer mit einem Gewehr – behielt die Waffe in der Hand und wollte sich umdrehen. Doch ich war schneller.» Für Angst oder einen Schock habe er gar keine Zeit gehabt, so Rachamim. «In diesen Momenten funktioniert man wie eine Maschine. Entscheidend für meine Handlung waren der Instinkt und natürlich das harte Training.» Sekunden nach dem tödlichen Schuss auf den Attentäter spürte er selber eine Pistole im Rücken. Das war die Polizei.
Vom Häftling zum Helden
An die Zeit in Untersuchungshaft erinnert sich Rachamim nur ungern. Vor dem Verhör durch den Staatsanwalt habe er erst die Rücksprache mit dem Botschafter gebraucht, denn es war nicht klar, inwieweit er seine Rolle als bewaffneter Bodyguard offenlegen durfte. Für die Zürcher Polizei galt er als Täter, der einen Menschen getötet hatte. «Ich wurde anfangs behandelt wie ein Krimineller und bekam nur kalten Tee und trockenes Brot. Eine Frau aus Zürich kümmerte sich später um koscheres Essen für mich.»
Unerträglich findet Rachamim noch heute, dass er im Gefängnis zeitweilig gleich behandelt wurde wie die Terroristen. «Die Schweiz wollte einfach neutral bleiben für beide Seiten, egal, ob es sich um Bedrohende oder Bedrohte handelte.» Im März liessen die Zürcher Behörden Rachamim gegen eine Kaution frei. Die Rückkehr nach Israel rührte Rachamim zutiefst: «Noch auf der Landepiste empfingen mich die rund 100 Mann meiner Elitetruppe. Später kamen Tausende von Menschen in der Flughalle auf mich zu und wollten mich anfassen. Dasselbe geschah auf der Strasse. Leute boten mir Champagner an.»
Vor Gericht in Winterthur
Ende November folgte der Prozess in Winterthur. «Ich fühlte ich mich einerseits sicher, denn ich hatte ja nichts zu verbergen», erinnert sich Rachamin. Andererseits habe er es als Beleidigung empfunden, auf der gleichen Anklagebank sitzen zu müssen wie die Attentäter. Im Raum stand die Frage, ob der von Rachamim erschossene Attentäter die Waffe tatsächlich noch in der Hand hielt oder nicht, was juristisch einen wesentlichen Unterschied ausmachte. Notwehr oder Tötung? «Dabei haben wir in der Einheit gelernt, ausdrücklich nur auf Bewaffnete zu schiessen.»
An der Gerichtsverhandlung wurde Rachamim von dem Zürcher Anwalt Hans Meisser und dem Berner Anwalt Georges Brunschvig (damals auch Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds) verteidigt. Das Urteil ist bekannt: Rachamim wurde freigesprochen, die Attentäter zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Die PFLP erzwang eine Frei-
lassung durch die Entführung einer Swissair-Maschine im September 1970 ins jordanische Zarqa.
Das Attentat in Kloten warf alle Zukunftspläne des damals 23-Jährigen über den Haufen. 1970 bis 1972 studierte Rachamim Geschichte über den Nahen Osten und Ostafrika. Nebenbei blieb er aktiv bei Einsätzen für die Sicherheit von Flugzeugen. Bei der Geiselnahme einer Sabena-Maschine 1972 war er der Erste, der das Flugzeug betrat. Bei weiteren Rettungsaktionen wie in Entebbe spielte er eine führende Rolle. Gerne hätte er für den Mossad gearbeitet, doch sein «Gesicht war zu bekannt». Nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 begann er mit einem Freund, eine eigene Detektivfirma aufzubauen, die er vor gut einem Jahr mit 200 Mitarbeitern verkaufte. Seine Kundschaft war breit gefächert. Zu den Hauptkunden zählten grosse Industriebetriebe.
Wendepunkt bei Sicherheitskontrollen
Das Kloten-Attentat zählt zu den Auslösern der späteren, strengen Sicherheitskontrollen bei israelischen und jüdischen Institutionen. Lange habe man nur auf die Aktionen der Terroristen reagiert. «Doch danach begann Israel, ihnen den Krieg auf allen Ebenen zu erklären. Wir bauten in Absprache mit den jeweiligen Regierungen grosse und komplizierte Netze auf, um Flugzeuge, Schiffe, Botschaften oder Sportmannschaften zu schützen. In den späteren Jahren kam es zu keinen Attentaten auf El-Al-Flugzeuge mehr.» Gefragter denn je ist dieses Know-how der Israeli seit dem 11. September 2001. Dennoch würde Rachamim die Attentate der al-Qaida in keiner Weise mit den Flugzeugattentaten Ende der sechziger und siebziger Jahre vergleichen: «Die Palästinenser verfolgten und verfolgen das lokale Ziel, Israel zu zerstören und das Land wieder in Besitz zu nehmen», ist er überzeugt. «Al-Qaida ist einige Schuhnummern grösser mit seinem internationalen Netz und der Deckung Irans. Sie funktioniert global, will dem Islam den einstigen Glanz aus dem Mittelalter zu verleihen und versucht, die Scharia als Gesetzesordnung durchzusetzen. Mit Gewehr und Gefängnis demonstrieren sie ihren Frust gegenüber dem Westen.» Eine Spur Optimismus zeigt Rachamim dennoch: «Immerhin zeigen Sender wie al-Jazirah ihre Wirkung, und Frauen erheben ihre Stimme. Das gibt mir einen Schimmer Hoffnung.»


