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27. November 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 48 Ausgabe: Nr. 48 » November 26, 2009

Wir alle sind Minderheiten

von Brigitta Rotach, November 26, 2009
Auf Anregung des Europäischen abrahamitischen Forums aus Zürich trafen sich vom 15. bis 17. November Exponenten des interreligiösen Dialogs aus 17 Ländern zu einer Konferenz in Amman.
ANREGENDE KONFERENZ Mehr als 30 Vertreter aus 17 verschiedenen Ländern reisten nach Amman, um den interreligiösen Dialog zu fördern

Dass interreligiöser Dialog mehr sein kann als harmloses Gutmenschentum, wurde am Kongress «Wir sind alle Minderheiten – ein Plädoyer für Pluralismus» in Amman sehr bald klar. Auffällig fehlte der Leiter des iranischen Interfaith-Instituts, er war aufgrund seines Engagements kürzlich in seiner Heimat in Haft genommen worden. Ironie dieser beunruhigenden Geschichte ist, dass die eingeladenen israelischen Gesprächspartner auf eine Teilnahme an der Konferenz verzichtet ­hatten – vermutlich wegen der geplanten iranischen Anwesenheit. Auch der jordanische Prinz liess sich in letzter Minute entschuldigen.

Ein heikles Vorhaben

Diese bedauerlichen Vorfälle machten deutlich, wie heikel das Vorhaben war. Dabei war es dem Tübinger Judaistikprofessor Stefan Schreiner wichtig, das Treffen des von ihm gegründeten Europäischen abrahamitischen Forums (EAF) gerade in Amman abzuhalten. Wie schon 2005 gehörte es zu seinem Konzept, einen Tagungsort auszuwählen, an dem interreligiöser Dialog nicht selbstverständlich ist. Damals traf man sich in Sarajevo, und um religiös neutral zu sein, in einem Museum für moderne Kunst. So erreichte man, dass Leute, die sich seit dem Balkankrieg nicht mehr an einen Tisch setzten, wieder miteinander ins Gespräch kamen. Eines der Resultate der damaligen Tagung war die Gründung eines sogenannten «Lehrhauses» in Bosnien-Herzegowina, nach dem Modell des bestens funktionierenden Zürcher Lehrhauses.

Und jetzt also Amman. Fünfmal reiste Schreiner in den vergangenen Monaten nach Jordanien, um das Treffens zustande zu bringen. Sein Einsatz trug Früchte. The Royal Institute for Interfaith Studies garantierte, dass alle geladenen Gäste willkommen seien, unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion – explizit auch israelische Gäste. So fanden sich schliesslich über 30 handverlesene Vordenker des interreligiösen Dialogs aus 17 Ländern am 15. November in Amman ein. Mit einge­laden hat auch die Schweizerische Eid­genossenschaft. Die Jordanien-Botschafterin Andrea Reichlin zeigte ein vitales ­Interesse an der Konferenz und erschien wie zahlreiche jordanischen Politiker zur Eröffnungsveranstaltung. «Denn», so Reichlin im Gespräch mit tachles, «der Umgang mit Minderheiten, um die es bei dieser Internationalen Konsultation geht, ist tatsächlich ein Kernanliegen von Politik und Gesellschaft seit der Gründung der modernen Schweiz. Und EAF ist eine schweizerische Nichtregierungsorgani­sation, die sich einem Thema widmet, das für die Schweiz innen- und aussenpo­litisch relevant ist.»

Die eigentliche Konferenz fand dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Nicht medienwirksame Gesten waren das Ziel, sondern eine möglichst ehrliche Diskussion. So entstand an zwei Tagen ein Mosaik aus ganz unterschiedlichen Beiträgen. In konkreten Bestandsaufnahmen ging es vor allem darum, wie verschiedene Staaten mit Pluralismus, mit religiösen, kulturellen und ethnischen Gruppierungen, mit Mehrheiten und Minderheiten umgehen, etwa mit den christlichen Minderheiten in Jordanien und Ägypten. Oder wie Libanon mit seinen 18 verschiedenen öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften funktioniert – wobei für westliche Gesprächspartner interessant war, dass Konfessionslosigkeit im libanesischen Konzept nicht vorgesehen ist.

Pluralismus als Herausforderung

Als Beispiel einer positiven Neutralität gegenüber den Religionsgemeinschaften erläuterte der ehemalige Präsident des Bundesgerichts Giusep Nay das Schweizer Konzept. Er betonte, dass der freiheitliche demokratische Rechtsstaat auf Werte angewiesen sei, die unter anderem die Religionsgemeinschaften vermitteln würden. Diese wiederum lebten vom Freiraum, den ihnen der Rechtsstaat aufgrund der garantierten Religionsfreiheit zusichert.

Natürlich blickte man auch in die Zukunft. So entwarf der syrisch-deutsche Verfassungsrechtler Naseef Naeem das Modell eines Staates von «islamischem Charakter», der die Ideen westlicher Religionsfreiheit im Auge hat, aber auch die islamischen Religionsklauseln berücksichtigt. Wenn man einerseits zum Islam übertreten, sich aber nicht von ihm abwenden dürfe, könnte man überlegen, Konversion in beiden Richtungen zu verbieten, war eine der Ideen, die Naeem zur Diskussion stellte.

Mit Konversion in und aus einer Religion befasste sich auch der amerikanische Professor für Judaistik und Islamwissenschaft Reuven Fire­stone. Er betonte die grosse Herausforderung des Pluralismus, unsere Religionsgemeinschaften darin zu trainieren, die eigene Religion zu praktizieren und gleichzeitig Raum und Verständnis für die Religion der anderen zu schaffen. «Ich ­glaube», sagte er, «dass jemand ein Pluralist sein kann, ohne relativistisch zu werden.»

Weiterführende Gespräche

Nebst Vorträgen und intensiven Plenardiskussionen gehörte es auch zur Idee der Tagung, dass genug Zeit für persönliche Begegnungen zur Verfügung stand. Als einer, der gegenüber allen Anwesenden zu vorurteilslosen Gesprächen bereit war, erwies sich der französische Oberrabbiner Michel Serfaty. Beunruhigt von den vielen antisemitischen Anschlägen in Frankreich, hat er vor fünf Jahren den Entschluss gefasst, seine Energie ganz in jüdisch-islamische Begegnungen zu investieren. Seither tourt er sechs Monate im Jahr mit einem Bus durch Frankreich und kommt mit unterschiedlichen Menschen ins Gespräch (vgl. tachles 23/06). Auch an der Ammaner Konferenz setzte der orthodoxe Rabbiner einen starken Akzent der Versöhnung und des Dialogs. Reuven Firestone brachte es am letzten Abend auf den Punkt. Der Kongress vermittelte vor allem neuen Mut, die Arbeit an der interreligiösen Verständigung trotz Kritik und Unverständnis, gerade auch aus den eigenen Reihen, weiter zu verfolgen. Nach dem ermutigenden Zwischenhalt in Amman werden die Diskussionen weitergehen, und in spätestens zwei Jahren trifft man sich erneut – an einem spannungsreichen Ort und zu einem Thema, das sicherlich wieder herausfordern wird.







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