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27. November 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 48 Ausgabe: Nr. 48 » November 26, 2009

Nervenaufreibend und gefährlich

Von Jacques Ungar, November 26, 2009
Schon mehr als 1250 Tage halten Hamas-Leute den israelischen Korporal Gilad Shalit gefangen, und einmal mehr gerieten diese Woche der bedauernswerte Soldat und seine Familienangehörigen in den Strudel der Medienberichte. Steht ein glückliches Ende bevor, oder gewinnen bei Israels Feinden erneut Zynismus und Menschenverachtung die Oberhand?
DEER ENTFÜHRTE GILAD SHALIT Ein Lebenszeichen des israelischen Soldaten vom 2. Oktober dieses Jahres

Das Ende von Gilad Shalits Leidensweg, will heissen der Gefangenenaustausch mit den Palästinensern, sei, so hört und liest man, so nahe wie nie zuvor. Repräsentanten der Hamas aus dem Gazastreifen und der palästinensischen Diaspora führten diese Woche in Kairo und Damaskus intensive Gespräche über eine Annahme oder erneute Ablehnung der israelischen Position. Mehrfach war zu vernehmen, der Austausch könne aus Anlass des heute Freitag beginnenden muslimischen Opferfestes beginnen, doch gleichzeitig dämpften andere Sprecher die Hoffnungen und orakelten über Wochen, wenn nicht gar Monate, die bis zur ersehnten Heimkehr Shalits noch verstreichen könnten. Weil die israelische Militärzensur die Verbreitung von exakteren Informationen verhindert, ist der israelische Nachrichtenkonsument auf die üblichen Spekulationen angewiesen oder auf die letztlich auch nicht griffigeren Berichte der im Ausland tätigen Journalisten. In dieser für alle direkt oder indirekt Beteiligten nervenaufreibenden Situation empfiehlt es sich vielleicht, die für den «Tag danach» sich aufdrängenden Schlussfolgerungen aus der Affäre Shalit zu ziehen.

«Um jeden Preis»

Eines ist jetzt schon sicher: Die israelische Führung wird Mühe haben, den Begriff «um jeden Preis» (der entrichtet werden sollte, um lebende oder gefallene Wehrdienstleistende nach Hause zu bringen) nach einem Ende der Affäre Shalit im offiziellen Wortschatz beizubehalten. So unannehmbar die Schlussfolgerung für jeden einzelnen in Israel lebenden Menschen erscheinen mag, der einen Sohn oder eine Tochter in der Armee weiss (seit knapp zwei Wochen gehört auch der Autor dieses Artikels zu dieser Gruppe), die Floskel des «um jeden Preis», die die Forderungen der Terroristen im Falle von Entführungen oder Geiselnahmen automatisch in die Höhe schraubt ganz zu schweigen von ihrem menschenverachtenden Zynismus, diese Floskel muss aus dem einschlägigen Wortschatz gestrichen werden.

Blicken wir doch nur kurz auf die Liste der wahrscheinlich vor der Entlassung aus israelischer Gefangenschaft stehenden Palästinenser: An der Spitze findet sich Marwan Barghouti, Chef der Tanzim-Bewegung und potenzieller Kandidat für die palästinensische Führungsspitze, der wegen Organisation und Durchführung zahlreicher Anschläge eine mehrfach lebenslange Haftstrafe verbüsst. Nicht weniger bedeutend sind Namen wie Abdallah Barghouti, der 46 jüdische Menschen auf dem Gewissen hat sowie die Herstellung der Bomben, die in den Jerusalemer Restaurants Sbarro, Moment und Hillel hochgingen. Ibrahim Hamed, Chef des militärischen Flügels der Hamas, hat 76 Opfer zu verzeichnen, und auch die Tat Abbas Saids, der an einem Sederabend den Selbstmörder ins Hotel Park nach Netanya schickte – 30 jüdische Tote – ist erschreckend. Und vergessen wir Ahmed Saadat vom Islamischen Jihad nicht, den Drahtzieher hinter der Ermordung des damaligen Tourismusministers Rehavam Zeevi. Zusammen mit rund 1000 weiteren Gesinnungsgenossen werden diese «schwere Brocken» im Zusammenhang mit der Freilassung Shalits vermutlich heimkehren dürfen, oder sie werden an Staaten überstellt, die sich zu ihrer Aufnahme bereit ­erklärt haben.

Hinzu kommen weitere mehrere hundert Gefangene, die Israel nach der Heimkehr Shalits «als Geste» gegenüber Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas und dem ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak freilassen will. Zwar werden auch nach Vollzug der Aktion noch rund 10 000 palästinensische Sicherheitsgefangene in israelischer Haft sitzen, doch regt sich Verständnis jenen Israeli gegenüber, denen es kalt über den Rücken läuft angesichts der Aussicht auf die Aufstockung des Terroristen-Potenzials um über 1000 Namen, von denen viele nicht nur «Blut an den Händen» haben, sondern «Blut bis über beide Ohren».

Ein Druckmittel

Premier Binyamin Netanyahu, der seinerzeit als israelischer Uno-Botschafter Mitte der achtziger Jahre beim damaligen Premierminister Itzhak Shamir in einem scharf formulierten Brief gegen die Austauschaktion mit der Organisation Ahmed Jibril protestiert hatte und sich seither in Schriften und Büchern eindeutig gegen derartige Aktionen ausgesprochen hat, wird gründlich über die Bücher gehen müssen, einerseits persönlich, anderseits was die offizielle Politik des Staates Israel betrifft. Entführungen beziehungsweise die Reaktion auf Entführungen zu planen, hat etwas Marodes an sich, doch wahrscheinlich wird Israel nach Beendigung des Handels um Shalit nicht darum herumkommen.

Leider ist nämlich nicht mit einem raschen Fortschritt der Friedensverhandlungen zu rechnen (wenn sie erst einmal wieder aufgenommen werden), und so lange dies der Fall ist, muss der Griff extremistischer Gruppen zu diesem Druckmittel als realistische Bedrohung betrachtet werden – vor allem, wenn wir an die noch mehr als 10 000 immer noch im israelischen Gefängnis sitzenden Palästinenser denken. An sich wäre aus dieser Perspektive die Entlassung aller Gefangenen auf den ersten Blick die logischste Idee. Berücksichtigen wir aber die in Israel immer noch dominierende sicherheitsorientierte Denkweise, können wir diese Variante gleich wieder vergessen. Israel wird doch nicht freiwillig so hochkarätige Verhandlungsobjekte aus der Hand geben. Auf jeden Fall ist es aber an der Zeit, dass Jerusalem der Hamas nach Shalits Rückkehr den Tarif klar und unmissverständlich vorgibt: Einen inhaftierten Terroristen gegen einen entführten Soldaten. Und gegen sterbliche Überreste gefallener IDF-Soldaten würde Israel ab sofort nur noch Leichen von Terroristen freigeben. Makabre Milchmädchenrechnung? Mag sein, aber Israel hätte längst schon aufhören sollen, sich selber in die Rolle des Erpressbaren zu manövrieren.

Den Dialog suchen

Israel wird auch keine andere Wahl haben, als die von den Amerikanern übernommene Redewendung, mit Terroristen verhandle man nicht, aus dem Wortschatz zu streichen. Rein formell setzte sich Israel natürlich nicht mit einem Hamas-Vertreter an den Tisch, doch das sind Haarspaltereien. Der deutsche Vermittler (die Zensur verbietet die Nennung seines Namens) sass mit Israeli und dann wieder der Hamas zusammen, Vertreter der fundamentalistischen Organisation verhandelten in Kairo und Damaskus mit allem, was Rang und Namen hat, und es war sicher kein ­Zufall, dass Anfang der Woche, als die ­Gerüchtewelle Rekordhöhen erreichte, Staatspräsident Shimon Peres und sein ägyptischer Amtskollege Hosni Mubarak in Kairo die Köpfe zusammensteckten. Sollte es, was ein gütiges Schicksal verhindern möge, wieder zu Entführungen oder Geiselnahmen mit israelischen Beteiligten kommen, wird Jerusalem viel Zeit und Leid sparen, wenn es, so bitter das erscheinen mag, von Anfang an mit den Entführern oder Geiselnehmern spricht, wenn nötig mit amerikanischen oder eben deutschen Vermittlern am Tisch.

Umdenken ist nötig

In der Zeitung «Haaretz» gelangt der Journalist Yossi Melman zu folgenden unbequemen, in der Sache aber richtigen Schlussüberlegungen: «Die wirkliche Frage ist, warum Israel immer lautstark mit Klischees um sich wirft wie ‹Wir werden dem Terror nie nachgeben›, und dann immer wieder, aber wirklich immer, nachgibt. Es wäre besser gewesen, den Shalit-Deal vor einem oder zwei Jahren unter Dach und Fach zu bringen. Es wäre besser gewesen, unverzüglich auf die harschen Bedingungen des Feindes einzugehen, als ständig weiter zu feilschen und zum Schluss dann doch zu kapitulieren – und dabei gedemütigt dazustehen.»

Israel hat, wie gesagt, keine Alternative (es sei denn man sehe in einem regelrechten, neuen Krieg gegen die Araber eine Alternative) und muss recht bald über die Bücher gehen. Dabei werden zweifellos einige Kapitel gestrichen werden müssen. Im Band «Vernunft, Pragmatismus und Weitsicht» werden dagegen wohl ­einige neue Kapitel dazukommen.





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