Helden oder Verräter?
Heisses Eisen. Dutzende religiös-zionistische Rabbiner fassten wieder einmal ein heisses Eisen an. Im Zentrum eines Geheimtreffens in einer kalten Jerusalemer Nacht stand die Frage, wie israelischen Soldaten mit halachischen (religionsgesetzlichen) Argumenten der Rücken zu stärken ist, sollte die Armee den Befehl zur Räumung von Westbanksiedlungen und unbewilligten Aussenposten erteilen.
Aufsehen. Vor einigen Wochen hatten IDF-Soldaten in Uniform Aufsehen erregt, als sie öffentlich mit Transparenten gegen den Einsatz von Soldaten bei der Räumung von Siedlungen protestierten. Die zugleich mit dem Staat Israels geschaffene heilige Kuh der Nicht-Einmischung von Soldaten und Offizieren im Dienst in politische Kontroversen steht auf immer wackligeren Beinen. Einige der erwähnten Rabbiner, nicht wenige von ihnen vom Staat entlöhnte Angestellte, gingen so weit, die demonstrierenden Soldaten als «Helden» zu loben.
Konzertiert? Vor den Demonstrationen hatten die Soldaten die Medien rechtzeitig benachrichtigt und dafür gesorgt, dass Fotografen zur Stelle waren, als die Transparente aufgerollt wurden. Das erweckt den Verdacht, die Aktionen seien weniger spontan erfolgt als vielmehr Bestandteile einer konzertierten Kampagne, mit der rechtsnational-religiöse Siedler die Pläne für einen israelischen Abzug aus Teilen der Westbank im Keime ersticken wollen. Die sich «Pfad des Glaubens» («Derech emunah») nennenden Rabbiner und ihre Sympathisanten wehren sich einerseits gegen jeden «Ungehorsam», der die Mission der Soldaten behindern würde, das jüdische Volk zu beschützen. Andererseits könne die Armee nur mit einer «klaren moralischen Basis für alles, was sie tut, gesund und stark sein». Die Soldaten dürften nicht, und hier liegt der Hase im Pfeffer, «als Instrument der Zerstörung gegen das jüdische Volk» missbraucht werden. Wehrmänner, die Evakuierungsbefehlen gehorchen, seien schlimmer als Befehlsverweigerer, würden sie doch, so diese Rabbinergruppe, «illegalen und unmoralischen Befehlen» folgen und wie «Roboter» handeln. Als Alternative schlagen die geistigen (Ver-)Führer vor, die Evakuierungsarbeit der Polizei zu übergeben, wohl wissend, dass die maximal 25 000 Ordnungshüter gegen die heute schon rund 400 000 Siedler einen schweren, wenn nicht gar aussichtslosen Stand hätten – was sich bestens ins rechtsradikale Konzept einfügen würde.
Bewunderung. Noch sind die Rabbiner und ihre Gefolgschaft eine laute, aber kleine Minderheit, doch die offene oder stille Bewunderung für Befehlsverweigerer wächst auch auf politischer Ebene, bis in den Likud hinein. Schön, wenn Generalstabschef Gabi Ashkenazi ein Konzept der «Nulltoleranz» diesen Menschen gegenüber fordert, und auch Premier Binyamin Netanyahu hat recht, wenn er davor warnt, dass die Befürwortung der Befehlsverweigerung zur Lähmung der Armee und letztlich zum Zusammenbruch des Staates führen werde. Der Worte sind aber genug geredet; dringend gefragt sind jetzt Taten. Als Erstes muss der Staat unverzüglich die Arbeitsverträge mit den betreffenden Rabbinern lösen, zweitens muss diesen Geistesgrössen jeglicher Zugang zu Armeebasen kompromisslos untersagt werden, und drittens sollte den fehlbaren Soldaten der Eintritt in die Fremdenlegion nahegelegt werden, denn in der IDF sind sie zu Fremdkörpern geworden. Wenn die gegen Evakuierungspläne demonstrierenden Soldaten Helden sind, wie gewisse Rabbiner es formulieren, wie sehen dann Verräter in Uniform aus?


