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November 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 11 Ausgabe: Nr. 11 » November 9, 2009

Wieder erblühtes Judentum

November 9, 2009
Die jüdische Gemeinde Köln ist die älteste jüdische Gemeinde Deutschlands und auch die älteste jüdische Gemeinschaft in Europa nördlich der Alpen.
EINWEIHUNG EINER NEUEN THORAROLLE Die Synagogen-Gemeinde in Köln ist heute eine der grössten in Deutschland

Von Sabine Pfennig-Engel

Die jüdische Gemeinschaft in Köln wurde bereits 321 n. d. Z. im Dekret Kaiser Konstantins erwähnt. Die Gemeinde widerspiegelt das Schicksal von Juden in Deutschland im Laufe von vielen hundert  Jahren, eine Geschichte, geprägt von Zeiten gegenseitigen Vertrauens, aber auch von Angst und Vertreibung. Die Stadt Köln, die jüdische Gemeinde in Köln sowie der Staat Israel haben ein ganz besonderes Verhältnis zueinander, das in diesem Jahr mehrfache Jubiläen feiern darf: das 100-jährige Bestehen der Partnerstadt Tel Aviv und die 30-jährige Städtepartnerschaft zwischen Köln und Tel Aviv.

Quellen belegen den Beginn der jüdischen Gemeinde in Köln bereits im frühen Mittelalter. Die jüdische Bevölkerung bewohnte nahe dem Rhein im Zentrum um den Rathausplatz ein Viertel der sich rasch entwickelnden Handelsstadt.

Ab 1096 veränderten die Kreuzzüge das friedliche Miteinander zwischen Juden und Christen. Im ersten Kreuzzug wurden viele Kölner Juden trotz Schutzmassnahmen des Erzbischofs vertrieben und getötet, die Synagoge wurde zerstört. Ein weiterer schwerer Einbruch, verbunden mit Tod und Vertreibung, geschah während der grossen Pestepidemie, die ab Mitte des 14. Jahrhunderts ganz Europa überzog. Das jüdische Viertel wurde erneut überfallen und in Brand gesteckt. Die Bewohner – soweit sie nicht aus Verzweiflung Selbstmord begangen hatten – wurden ermordet. Die christliche Umwelt beschuldigte die Juden, die Verursacher der Pest zu sein, Brunnenvergifter.

Kontinuierliches Wachstum

Nach einer kurzen Wiederansiedlung von Juden nach 1372 wies der Kölner Rat sie schliesslich 1424 aus der Stadt. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts durften sich keine Juden mehr in Köln niederlassen. Nur mit spezieller Erlaubnis des Rates war einzelnen Juden der Aufenthalt in Köln möglich, jedoch ausschliesslich bei Tage und unter begleitender Aufsicht.

Erst ab 1798, nachdem Köln von Truppen des revolutionären Frankreichs besetzt worden war, erhielten Juden wieder das Recht zur Niederlassung. Eine allmähliche Zuwanderung vor allem aus der näheren Umgebung setzte ein. 1801 konnte eine jüdische Kultusgemeinde gegründet werden. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wuchs die jüdische Bevölkerung von 150 Personen im Jahre 1815 auf 1300 um 1850 und auf 8000 um 1895. Die erste Kölner Synagoge der Neuzeit wurde 1861 in der Glockengasse errichtet; die Synagoge in der Roonstrasse folgte 1899. Nach dem Ersten Weltkrieg wuchs die Gemeinde, von der bedeutende Impulse auf Politik, Wirtschaft und Kultur ausgingen, auf 19 500 Mitglieder. Bis 1930 zählte die jüdische Gemeinde 20 000 Menschen, es gab sechs Synagogen in der Stadt.

In der NS-Zeit wurden viele jüdische Kölner nach Dachau und in
andere Konzentrationslager verschleppt, misshandelt und ermordet. Alle Synagogen wurden im Zuge der Pogromnacht 1938 zerstört. Während der Schoah wurden mehr als 11 000 Kölner Juden von den Nazis ermordet, wenigen gelang es, in andere Länder zu fliehen. 1945 gründete eine kleine Gruppe Überlebender eine neue jüdische Gemeinde. Am 11. April desselben Jahres hatten die Juden der Stadt von den amerikanischen Besatzern die Erlaubnis bekommen, Gottesdienste abzuhalten, und schon am 29. April fand in der zerstörten liberalen Synagoge in der Roonstrasse die Gründungsversammlung der jüdischen Gemeinde mit Vorstandswahlen statt. Dieser provisorische Vorstand der Jüdischen Gemeinde Köln forderte auf der Sitzung die Einsetzung eines jüdischen Dezernats, das sich um die Instandsetzung jüdischer Friedhöfe sowie um die Einrichtung eines Betsaals kümmern sollte.

Anfang 1950 verabschiedete der World Jewish Congress in Frankfurt am Main eine Resolution, nach der jüdische Organisationen in Deutschland nur Interimscharakter als Liquidationsgemeinden haben sollten. Der Druck auf Juden in den neu beziehungsweise wieder gegründeten Gemeinden wuchs. Doch Ausdruck des Bleibewillens war die ein Jahr zuvor eingeweihte Synagoge im ehemaligen Israelitischen Asyl an der Ottostrasse. Ende der fünfziger Jahre wurde die Ruine der Synagoge in der Roonstrasse wieder aufgebaut und am 20. September 1959 als Synagoge und Kulturzentrum in Anwesenheit von Konrad Adenauer, dem ehemaligen Oberbürgermeister der Stadt und in diesen Jahren regierender Bundeskanzler, eingeweiht.

Der Papst in Köln

Heute ist die Synagogen-Gemeinde Köln eine der grössten in Deutschland und zählt fast 5000 Mitglieder. Durch die vielen neuen Mitglieder, die seit 1990 aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind, ist das kulturelle Leben in den Gemeinden sehr vielfältig geworden. Während in den achtziger Jahren in Nordrhein-Westfalen nur 5000 Juden lebten, sind es heute 30 000. Weltweite Aufmerksamkeit erhielt die Jüdische Gemeinde Köln im Jahr 2005 mit dem Besuch von Papst Benedikt XVI. Der Festakt in der Synagoge wurde als historisches Ereignis bezeichnet. Der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, sagte, es sei ein «sehr hoffnungsvolles Zeichen, dass wir wirklich auf einem Weg der Verständigung zwischen den Religionen sind».

Mit heute etwa 5000 Mitgliedern ist die Gemeinde nicht nur ein religiöser und kultureller Ort, sondern vor allem auch eine soziale Einrichtung mit Sozialdiensten, Kleiderkammer, Kinder- und Jugendgruppen, Senioren- und Frauentreffs, Kindergarten, einem Schulangebot, Bibliothek und Beratungsdiensten. Gottesdienste finden nicht nur an Feiertagen und an Schabbat statt, sondern jeden Tag. 


Sabine Pfennig-Engel ist Journalistin und lebt in Berlin.







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