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November 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 11 Ausgabe: Nr. 11 » November 9, 2009

Vertrauen und Selbstvertrauen

November 9, 2009
Der ehemalige US-Aussenminister James Baker über 20 Jahre Mauerfall.
James Baker

Von Andreas Mink

Dieser Tage geben sich die Weltmedien ein Stelldichein an der Louisiana Street in Houston, Texas. Dort steht gegenüber dem Rathaus aus der Roosevelt-Ära ein wuchtiges Hochhaus, in dessen Spitzenetagen die Kanzlei Baker Botts residiert. Die Firma hat seit den 1850er Jahren masssgeblich zur Entwicklung der Stadt, vor allem aber der texanischen Ölindustrie beigetragen, die Houston bis heute zu der vitalsten Metropole der USA macht. Ein Gründer der Kanzlei war der Anwalt und Richter James A. Baker und es ist dessen Urenkel James A. Baker III., dem heute das Interesse der internationalen Presse gilt: Der 79-Jährige kann sich seit Wochen nicht vor Interviewanfragen zu seiner Perspektive auf das 20. Jubiläum des Falls der Berliner Mauer am 9. November retten. Pflichtbewusst und diszipliniert stellt sich der ehemalige US-Aussenminister den Fragen. So fand er auch Zeit für ein Gespräch mit dem aufbau.

Die nun vielleicht am häufigsten gestellte Frage lautet, wie Baker und Präsident George H. W. Bush damals wussten, «ob sie den Deutschen vertrauen konnten». Der Diplomat und Jurist hat in seinen zu Unrecht wenig beachteten Memoiren «The Politics of Diplomacy» 1995 selbst daran erinnert, dass es ja nicht nur die Nazi-Verbrechen – und zuvor der wilhelminische Imperialismus – waren, die Michail Gorbatschow und Eduard Schewardnadse, aber auch den Regierungen in London und Paris Anlass zu Bedenken über eine rasche Wiedervereinigung gaben. Baker bemerkt im Gespräch, die Deutschen hätten die Teilung schliesslich selbst verursacht. Als zweiten Grund nennt er in seinen Erinnerungen den berühmt-berüchtigten «deutschen Sonderweg». Darunter verstehen Historiker die mit dem Separatfrieden von Brest-Litowsk (1917), dem Rapallo-Vertrag (1922), vor allem aber mit dem Hitler-Stalin-Pakt verbundene Neigung Berlins, mit Moskau gemeinsame Sache zu machen und dem Westen den Rücken zuzukehren.

Im Interview erklärt Baker jedoch, in seiner Amtszeit seien derartige historische Analysen zweitrangig gewesen: Washington habe bei den Verhandlungen über die Wiedervereinigung dafür gesorgt, dass Deutschland gar keine Möglichkeit hatte, der alten Versuchung aus dem Osten erneut zu erliegen und habe die wiedervereinigte Nation fest in die Nato eingebunden – gerade weil Gorbatschow zunächst von einem neutralen Deutschland geträumt hat. Baker und Bush haben also schlicht dafür gesorgt, dass sich die «Vertrauensfrage» Deutschland gegenüber gar nicht stellt. Das mag kaltschnäuzig klingen und eben jenem Klischee entsprechen, das unter liberalen Kommentatoren in den USA über Baker kursiert. Schliesslich hat der bekennende «Mann der Tat» als juristischer Stratege knallhart dafür gesorgt, dass George W. Bush im November 2000 die entscheidende Stimmenmehrheit in Florida zugefallen ist.

Aber die aussenpolitische Philosophie Bakers ist nicht nur auf Interessenausgleich gegründet, sondern vor allem auf Institutionen: Eine internationale Ordnung ist für ihn ohne organisierende Strukturen nicht vorstellbar. Er steht damit in der Tradition von Vorgängern wie George Marshall und Dean Acheson, die in der frühen Nachkriegszeit etwa mit der Nato eine Institution geschaffen haben, auf die Bush und Baker dann aufbauen konnten. Nach der für den alten Juristen immer noch schmerzlichen Wahlniederlage von Bush gegen Bill Clinton hat Baker im Jahr 1994 sogar einen Beitrag für die «Washington Post» geschrieben, in dem er die Aufnahme Russlands in die Nato empfohlen hat. Der Unterschied speziell zu der unilateralen Politik des Mannes, dem Baker den Weg ins Weisse Haus geebnet hat, liegt auf der Hand. In der Unterhaltung mit Baker klingt auch an, dass mehr Selbstvertrauen dazu gehört, sich mit anderen Staaten auf gemeinsame Strukturen einzulassen, als auf Solotouren.

In diesem Zusammenhang ist auch erwähnenswert, dass Baker mit dem Gedanken spielt, ein Buch über seine aussenpolitische Philosophie zu schreiben. Wenn er es dabei nicht bei einem Rückblick auf seine eigene Amtszeit belässt, sondern auf die katastrophale Bilanz der Jahre seither eingeht, wird ihm vielleicht erneut kein Bestseller gelingen, aber sicherlich ein wertvoller Beitrag für die an aussenpolitischen Fragen interessierte Öffentlichkeit. 


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