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November 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 11 Ausgabe: Nr. 11 » November 9, 2009

Meine Suche nach Raschi

November 9, 2009
In seinem neuen Buch philosophiert Elie Wiesel über den jüdischen Religionsgelehrten Raschi. Im Folgenden ist ein Auszug aus dem ersten Kapitel zu lesen. Darin geht Wiesel auch auf die Lehrjahre Raschis in Mainz und Worms ein.
ELIE WIESEL SCHRIEB DAS BUCH «RASHI» «Ohne ihn wäre ich verloren gegangen in dem gigantischen Labyrinth des babylonischen Talmud»

Von Elie Wiesel

Ich erinnere mich: Als Kind hat mir Raschis kursive Schrift Angst gemacht. Mehr Angst als die der Bibel. Raschis Schrift kündete von einer Welt, die fraglos komplex und anscheinend geheimnisvoll war, in die nur Erwachsene mit Fug und Recht eintreten konnten.

Später, mit den Jahren, vor den Kerzen auf dem Tisch im Cheder oder der Jeschiwa, warf ich mich jedes Mal über seine zahllosen Kommentare, sobald die Frage aufkam: «Was sagt Raschi?» Jedes Mal, wenn ich die Bedeutung eines Wortes nicht fassen konnte, kam er, der Lehrer meiner Lehrer, zu meiner Rettung. Eine innige Beziehung, zwischen Kind und älterem Mann, von Mensch zu Mensch. Er sprach zu mir, als ob er mich persönlich in sein Vertrauen zöge: «Schau, mein Kind, fürchte nichts, alles muss in Schlichtheit erfasst und wiedergegeben werden. Stehen fremde Worte im Weg wie Hindernisse? Fang mit mir ganz von Anfang wieder an. Auch mir ist es so ergangen. Ich habe von neuem begonnen. Du musst einfach nur die Schale eines Wortes, eines Satzes, eines Ausdrucks durchbrechen. Darin liegt alles und wartet auf dich.»

Dank seines Lebens, seiner Bildung, seiner Arbeit und seiner Grosszügigkeit bleibt er die Quelle, aus der wir alle trinken. Ohne ihn wäre mein Durst nie gelöscht worden. Ohne ihn wäre ich mehr als einmal verloren gegangen in dem gigantischen Labyrinth des babylonischen Talmud.

Die Auslegung feiern

Aber er versucht nicht, uns mit seinem Wissen, mit seiner gewaltigen religiösen und weltlichen Kultiviertheit, seiner Originalität oder gar seinem Einfallsreichtum zu beeindrucken. Er beschränkt sich darauf, die Vorväter oder seine Vorgänger zu zitieren, manchmal seine Zeitgenossen und sogar seine eigenen Schüler.

Heisst Raschi suchen, die Auslegung feiern? Besser noch: Heisst Raschi suchen, das Erinnern feiern und dazu Brüderlichkeit? Die Gefahr ist das Vergessen. Würde ich vergessen, woher ich gekommen bin, würde mein Leben öde werden und unfruchtbar. Würde ich vergessen, von wem ich abstamme, wäre ich verdammt zu Verzweiflung.

Ich habe ihn geliebt. Ohne ihn wäre ich keinen Schritt vorangekommen. Ich habe selbstverständliche andere Pfade erkundet, andere Kommentare: die von Abrabanel, Sforno, Radak, Or Hahayim, Ibn Ezra – aber die von Raschi sind einzigartig, anders, unverzichtbar. Er strahlt Wärme und Freundschaft aus. Und Schlichtheit. Er ist gross, weil er dem Text treu bleibt und seiner wörtlichen Bedeutung. Niemals setzt er sein Wissen ein, um die Dinge komplizierter zu machen. Er will stets vereinfachen. Niemals protzt er mit seiner Bildung, um Schüler mit der Originalität seiner Schlussfolgerungen zu beeindrucken. Ihm genügt es, zwei Worte in Einklang zu bringen, zwei Sätze oder zwei Verse. Den Ängstlichen scheint er zu sagen: «Fürchtet euch nicht, ich bin hier an eurer Seite.» Manchmal erschien es mir in meiner kleinen Stadt, als ob Raschi vor allem zur Erde gesandt worden war, um jüdischen Kindern aus der Einsamkeit zu helfen. Und aus der Angst. Unter einem wolkenlosen, blauen Himmel, alleine mit meinen Gedanken und meiner Nostalgie, wandere ich durch die Gassen von Troyes. Wo war sein Haus? Das kann mir niemand sagen. Seine Weinberge? Auch dies weiss niemand. Sein Grab auf dem jüdischen Friedhof? Das seiner Eltern oder seiner Frau? Die Gräber seiner drei Töchter? Existieren Überreste seines Hauses oder seiner Schule? Ich finde keine. Ich rufe meine Imagination zu Hilfe.

Zwischen Angst und Hoffnung

Der Vater und seine drei Töchter während der Traubenlese. Ihre Abendessen am Schabbat. Die Diskussionen mit seinen Studenten. Seine Einsamkeit beim Studium von Büchern und uralter Dokumente, gebeugt über seinen Arbeitstisch, wie er seine Werke schreibt, deren immenser Umfang uns unaufhörlich überrascht – seine Kommentierung der Bibel und des Talmud und der enorme Corpus seiner Responsa, seiner Antworten auf die Fragen von Rabbinern aus fernen Landen. Ja – wir können ohne Imagination nicht über ihn schreiben. In jenen Tagen lebten die jüdischen Gemeinden in den Provinzen am Rhein zwischen Angst und Hoffnung. Manchmal herrschte erstere wie von unauslotbarer Finsternis angezogen; dann wieder letztere und liess die untergehende Sonne aufleuchten.

Einander häufig verbunden durch religiöse Studien und Handel, hing ihre Blüte vom Egoismus der kirchlichen Autoritäten und der politischen Souveräne ab.

Im Zentrum der Talmud-Schulen stand in der letzten Epoche Gaons unser Lehrer Rabbenu, Gershom, Meor Hagolah, das Licht des Exils, der unwidersprochene Führer jüdischen Lebens. Schwierige Fragen über die Auslegung des Gesetzes und Zweifel in Glaubensfragen erreichten ihn aus der ganzen Diaspora.

Wir nehmen an, dass Rabbenu im Jahr 1040 verstarb, aber letztlich sicher sind wir nicht. Wir möchten dies annehmen, weil Rabbi Shlomo in jenem Jahr geboren wurde – Rabbi Shlomo, Sohn des Itzhak, bekannt durch seine Initialen als Raschi. Nach Rabbi Shlomo Luria belegt dieses Zusammentreffen die Gültigkeit der Verse in Ecclesiastes: «Und die Sonne geht auf, und die Sonne geht unter»: Sobald in der Menschenwelt eine spirituelle Sonne untergeht, steigt eine andere auf. Es ist einfach: Die Menschheit könnte nicht einmal zeitweise in der Dunkelheit überleben.

Die Wirren der Zeit

Allerdings nennen zuverlässigere Quellen 1028 als das Todesjahr Gaons. Wir wollen die Entscheidung darüber den Mediävisten überlassen. Andererseits herrscht weitgehend Einigkeit über die Geburt Raschis im Jahr 1040 und seinen Tod 1105. Zu dieser Zeit führten die Juden in Frankreich mehr oder weniger normale Leben, immer abhängig von der Haltung der Kirche und den Launen und Interessen der Könige Hugo, Heinrich I., Philip I., Ludwig VI. und Ludwig VII. Brauchte man die Juden, so liess man sie in Frieden. Danach entledigte man sich ihrer. In Frankreich betrachteten sich die jüdischen Gemeinden als gut etabliert, da sie seit der Antike im Lande lebten. Sie gingen in bestimmten Regionen vor allem an der Mittelmeerküste bis auf die Römerzeit zurück. Eine Rue des Juifs fand sich nahezu überall und in einige Städten bis heute: Die Steine sind Zeugen der Geschichte.

Kamen die ersten Juden mit den siegreichen römischen Legionen als Kriegsgefangene? Das wird angenommen. Sie liessen sich in antiken Siedlungen wie Marseille und Narbonne nieder, fanden sich aber auch andernorts, in Paris, Avignon, Orléans, Metz. Vom römischen Recht geschützt, überlebten sie durch den Handel mit Wein und Gewürzen, durch das Reisen und den sogenannten Wucher.

Das änderte sich mit dem Emporkommen der gallischen Könige. Die Juden waren fortan keine «Bürger» mehr. Während der unheilvollen, apokalyptischen Atmosphäre um das Jahr 1000 – die durch das Erscheinen eines feurigen Kometen im Jahr 1014 und die Sonnenfinsternis von 1033 weiter aufgeheizt wurde – waren sie schutzlos. Sie wurden nicht einmal toleriert. Hier und dort wurden sie ausgesondert und für die Plagen verantwortlich gemacht, die abergläubische Einwohner befielen. Zwangsbekehrungen, willkürliche Verhaftungen, angedrohte Austreibung – diese schienen unvermeidlich derselben Logik eines grausamen und unabänderlichen Schicksals zu folgen. Gelegentlich liess sich der Souverän oder Bischof mit etwas Glück und sehr viel Geld zu einer Schonfrist bewegen.

Das Jahr 1017: König Robert der Fromme befiehlt den Juden zu konvertieren. Als sie sich weigern, setzt er Synagogen und jüdische Heimstätten in Flammen. In der gleichen Zeit werden die Juden von Limoges der Treue zum Glauben ihrer Vorfahren wegen ausgetrieben. Der zeitgenössische Chronist Adhémar de Chabanne schreibt: «Unter ihnen gab es solche, die sich ihre Kehle mit dem Schwert durchschnitten, statt die Taufe zu empfangen.» Im November 1012 wurden die Juden aus Mainz vertrieben, im Januar 1013 waren sie wieder dorthin zurückgekehrt. Manchmal sah sich selbst der Vatikan genötigt, einzuschreiten. Dann vollzog sich im Jahr 1095 in Chermont die tödliche Explosion: Papst Urban II. predigte zur Unterstützung des Kreuzzugs. Ziel: Palästina. Der Zweck: Rettung der heiligen Stätten des Christentums. Unser Chronist sagt, die Kreuzfahrer hätten unterwegs in Rouen Juden in eine Kirche gesperrt und ihnen befohlen zu konvertieren. Dann hätten sie die Juden mit zweischneidigen Schwertern massakriert, Männer, Frauen und Kinder. Obendrein hat Gottfried von Bouillon öffentlich erklärt, er würde sich «erst dann auf den Marsch begeben, nachdem er das Blut des Gekreuzigten am Blute Israels gerächt und dafür gesorgt hat, dass keine Person jüdischen Namens überlebt».

Diese und andere Grausamkeiten wurden überall begangen, wo die Kreuzfahrer des Christentums erschienen, auch in der Champagne unweit von Troyes. Hier und dort, in Furcht lebend vor dem nächsten Tag, sandten die unmittelbar bedrohten jüdischen Gemeinden Boten zu ihren Nachbarn und warnten sie vor der drohenden Gefahr. Meist handelten sie vergebens.

Gleichwohl schien die Lage der Juden auf dem Feld der Erziehung und der Kultur beneidenswert. Schon lange vor Raschi existierte in Frankreich eine jüdische Religionskultur. Etliche Zentren waren wohl bekannt für die herausragende Statur ihrer Lehrer. Tatsächlich wurde in dieser Epoche die jüdische Gelehrsamkeit in Frankreich geboren. So wusste Raschi als Jugendlicher, wohin er zu gehen hatte, um seine Studien der Bibel und des Talmud abzuschliessen. Viele Gelehrte kamen aus Italien und liessen sich im Rheinland oder in Frankreich nieder. Mainz, Speyer, Vitry, Worms und Limoges zogen die besten Schüler an. Unter ihnen war Shlomo, Sohn des Itzhak. Wer war sein Vater? Wir wissen sehr wenig von ihm. Einige glauben, er sei ein höchst belesener Mann gewesen. Es wird angenommen, Raschi habe dies bestätigt. Er tut dies, indem er ihm ein grosses Kompliment zollt, nämlich dieses: Sein beeindruckender Bibel-Kommentar hebt mit einer von Rabbi Itzhak gestellten Frage an: Warum beginnt die Bibel mit der Beschreibung der Genesis der Welt, statt mit dem ersten Gesetz, welches den Kalender betrifft? Wir werden auf diese Frage zurückkommen. Hier wollen wir nur daran erinnern, dass einige Exegeten Rabbi Itzhak für niemanden anderen halten, als den Vater des Autors.

Vieles ist ungewiss

Trifft diese Annahme zu, so würden wir zumindest eines über Raschis Vater wissen: Dass er selbst ein Rabbiner war, der Fragen stellte, die der Überlegung wert waren. Aber wir wissen sehr wenig von ihm, abgesehen von der Tatsache, dass er der Vater einer der grössten Gelehrten der biblischen und talmudischen Literatur war.

Mehr nicht? Nein, nicht viel mehr. Wir sind uns nicht einmal über die Eckdaten seiner Biografie sicher. Hatte er andere Kinder, vielleicht einen Bruder (nur einen?), der ebenfalls ein «talmid chacham» war, ein Talmud-Gelehrter? Wie alt war der Vater, als er starb? War er ein Märtyrer? Eine Quelle legt dies nahe, indem sie ihn «kadosch» nennt, heilig, aber kann sich das nicht auch darauf beziehen, dass er ein moralisches Leben geführt hat, das Gott geweiht war? Wie alt war Raschi, als er zum Waisen wurde? An einer Stelle zitiert Raschi seinen Vater und nennt ihn «avi mori», mein Vater und mein Lehrer.

Bedeutet das, dass er die Thora mit ihm studiert hat und den babylonischen Talmud? Rabbi Haim David Azulai schreibt, er sei ein wahrer Talmudist gewesen. Seltsam: Wir wissen so viel über so viele Personen dank Raschi, aber so wenig über den Mann, der ihm Leben gab. Und noch weniger über seine Mutter.

Warum der Name Raschi? Die Initialen von Rabbi Shlomo Itzhaki, Shlomo, Sohn des Itzhak. Der illustre Rabbiner Hayim ben Attar hatte seine eigene Interpretation: Der Name kommt von den Anfangsbuchstaben in «rabban schel israel» – Lehrer ganz Israels. Die Thora und ihr Kommentar sind untrennbar. Aber am besten trifft schlicht der Titel «ha more hagadol» auf ihn zu, der grosse Lehrer. Wir kennen sein genaues Geburtsdatum im Jahr 1040 nicht – es mag auch 1041 gewesen sein. Andererseits ist sein Todestag im Jahr 1105 gut belegt: der 29. Tag des Monats Tamus, also ein Donnerstag mitten im Sommer. Dieses Datum ist auf dem Parma-de-Rossi-Pergament zu sehen, das einer seiner Schüler verfasst hat und das im Jahr 1305 transkribiert worden ist: «Die heilige Arche, der heiligste der Heiligen, der grosse Lehrer Rabbenu Shlomo gesegnet sei sein Angedenken als rechtschaffen, Sohn des Märtyers Rabbiner Itzhak der Franzose, wurde von uns genommen am Donnerstag, dem 29. Tag des Monats Tamus im Jahr 4865, im Alter von 65, und er wurde zurückgerufen in die Jeschiwa über uns.»

Das sind doch sehr dürftige biografische Informationen, oder nicht? In Raschis Tagen lebten etwa 100 jüdische Familien in der schönen Stadt Troyes. Sie lebten bescheiden und ohne grosse Unruhen. Diese geschahen nur im 13. Jahrhundert. Raschi war ein frühreifer Schüler, das ist eine Tatsache.

Wir wissen, dass Raschi bei Rabbiner Shimon bar Itzhak dem Alten studiert hat, seinem Onkel mütterlicherseits und seinerseits Schüler Rabbenu Gershoms – aber wie viele Jahre lang? Mit 18 oder 20 ging er nach Mainz in Deutschland, um an der Jeschiwa des eben erwähnten Rabbenu Gershom zu studieren. Unter seiner Aufsicht assistierten dort einige grosse Weisen den Schülern. So hatte Raschi Zugang zu den talmudischen Manuskripten aus der Hand der Vorväter und von Rabbenu Gershom selbst, ein seltenes Privileg. Laut einer Legende hatte Raschi das Glück und die Freude, in seiner Hand die Sefer Thora zu halten, die heiligen Rollen, die sein Lehrer während des Gottesdienstes benutzte.

Rabbenu Gershom wird eine Reihe von Gesetzesentscheidungen zugeschrieben, ob dies nun zutrifft oder nicht. Zwei davon sind berühmt: Eine über Bigamie und eine über die Ver-stossung eines Eheweibs gegen ihren Willen. Eine dritte verbietet das Öffnen anderer Leute Post.

Als Raschi in dieser Jeschiwa eintraf, war Rabbenu Gershom nicht länger am Leben. Raschi lernte bei seinem Nachfolger Rabbi Jaakov ben Jakar, den er mehr als jeden anderen Menschen in der Welt bewunderte und liebte, sowie bei David Halevi und Itzhak ben Jehuda. Ersterem stand er am nächsten. Er liebte ihn für seine grosse Bescheidenheit und Rabbi Jaakov machte ihn als erster auf seltene Manuskripte des Talmud und des Midrasch und anderer Kommentare aufmerksam, ohne dass ein tiefer gehendes Studium des Talmud unmöglich ist. Raschi schrieb: «Ich verdanke ihm alles, meine Erkenntnis, mein Verständnis und mein Herz.» Gelegentlich begleitete Raschi seinen Lehrer auf Reisen zu nahe gelegenen Gemeinden und in weitere Entfernung.

Nach Mainz ging er nach Worms. Dort gab es eine grosse, blühende Jeschiwa unter der Leitung von Rabbi Itzhak Halevi. Dort blieb Raschi mehrere Jahre lang. Der Grund dafür ist einfach: Damals lagen die angesehendsten Zentren der höheren jüdischen Gelehrsamkeit im deutschen Rheinland, obwohl auch in Italien einige existierten. Frankreich wurde erst nach Raschis Rückkehr zu einem solchen Zentrum. Zu diesem Zeitpunkt war er nicht einmal 30 Jahre alt. Er heiratet – aber wen? Wir wissen es nicht. Wir kennen nicht einmal den Namen seiner Frau. Das Paar hatte drei Töchter: Miriam, Jocheved und Rachel. Ebenso wenig wissen wir, ob sie eine vierte Tochter hatten. Etliche Quellen sprechen dafür und sagen, diese sei als Kleinkind verstorben.

Haben seine Frau und die Töchter Raschi in seinen Weinbergen geholfen? Das haben sie zweifellos getan, sofern er tatsächlich ein Winzer war, was niemals mit letzter Gewissheit nachgewiesen worden ist. Hatte er andere Einkommensquellen? Nichts ist ungewisser. Einer Legende nach lebte er vom Handel mit den Nichtjuden. Es gibt einen Brief von Raschi, der enthüllt, dass ihm die Mittel zum Unterhalt seiner Familie fehlten: Er konnte es sich nicht leisten, Brot und Kleider zu kaufen.

Was die Töchter angeht, so sollen diese belesen gewesen sein. Anscheinend wurden sie gelegentlich bei Fragen zu Sitten und Gebräuchen im Bezug auf Nahrung und das Familienleben herangezogen.

Miriams Gatte Rabbi Jehuda ben Nathan war ein grosser Gelehrter. Dies gilt auch für den Gatten Jocheveds, Rabbi Meir ben Shmuel. Rachel muss für ihre Schönheit bekannt gewesen sein, ihr wurde der Spitzname «Belle-assez» verliehen, «sehr schön». Ihr Gatte, ein gewisser Eliezer, liess sich von ihr scheiden. Warum? Wir wissen es nicht. Wenn sie wieder geheiratet hatten, so wissen wir nicht, wen.

Heiliges und Weltliches

Andererseits ist uns bekannt, dass Raschi trotz seiner Heirat und vielleicht sogar schon mit Kindern gesegnet nach Worms zurückgekehrt und dort mehrere Jahre geblieben ist. Weil er noch nicht bereit war, seine eigene Jeschiwa zu gründen? Sofort nach seiner Rückkehr nach Troyes gründete er eine.

Warum erwähnt er seine Frau und seine Töchter kaum? Wer hielt den Haushalt in Gang? Wer hielt sein Haus in Ordnung? Wer hat ihn auf Reisen begleitet? Kann es sein, dass ihm – wie anderen Talmud-Weisen – seine Schüler mehr bedeuteten als seine engsten Familienmitglieder? Raschis Einfluss lässt sich durch seine Kenntnis einer Reihe von Disziplinen erklären – Bibel und Talmud, Mathematik und Weinbau, Astronomie und Zoologie.

Wovon hat er gelebt? Von den Früchten seines Weinbergs – aber hat er denn tatsächlich einen besessen? Er hatte kein Gehalt (Rabbiner wurden damals nicht bezahlt) und seine Schüler erhielten freien Unterricht. Zudem bedurften einige seiner Schüler, die mehr oder weniger mittellos waren, seiner finanziellen Unterstützung für ihre alltäglichen Bedürfnisse. Seine Studenten lebten in seinem Haus. Sie assen an seinem Tisch. Heiratete einer von ihnen, hielt Raschi die Hochzeit in seinem Haus ab.

Auch hier wissen wir nicht, wie er so viele Menschen ernähren konnte, aber anscheinend ist ihm dies gelungen. Genauer: In den Quellen gibt es keine Belege dafür, dass sich irgendjemand beklagt hat. Voll Wissensdurst strömten ihm von überall her Schüler zu, aus den Provinzen und von ausserhalb. Einige Schüler kamen aus Deutschland oder Osteuropa. Unter seinen Schülern finden wir einige der grössten Gelehrten, darunter seine beiden Schwiegersöhne, die berühmte französische Tosafisten wurden – so wurden die Kommentatoren der Generationen nach Raschi genannt, abgeleitet von dem Wort «zusätzlich». Tatsächlich hat er sie in seine Arbeit einbezogen, als Berater, Kopisten oder als Korrektoren seiner Manuskripte. Rabbi Jehuda tat sich als Kommentator des Talmud nach Raschis Vorbild hervor. Nach dem Tod seines Schwiegervaters war er es, der Raschis Kommentar Tractate Makkot (Strafen) des Talmud abschloss. Jehudas Sohn Rabbi Shmuel (Rashbam) wurde selbst ein Weiser. Aber die berühmtesten und am meisten bewunderten unter Raschis Enkeln waren Rabbi Meirs Sohn, Jakob, besser bekannt als Rabbenu Tam. Das gleiche Attribut wird dem Patriarchen Jakob in der heiligen Schrift zugeordnet. Tam bedeutet «vollständige Frömmigkeit». Bei dessen Geburt war Raschi fast 60.

Rabbenu Tam hatte ein dramatisches, wenn nicht tragisches Leben und er überstand Zeiten der Gefahr und des Leids. Als 47-Jähriger wurde er von hasserfüllten Kreuzfahrern angegriffen, die ihm fünf Kopfwunden zufügten. «Du bist der Grösste Israels», schrien seine Angreifer: «So wollen wir an dir Rache nehmen für unseren gekreuzigten Herren. Wir wollen dir die Wunden schlagen, die ihr unserem Herrn zugefügt habt!» Er war bereits alt, als die jüdische Gemeinde in Blois des Ritualmordes beschuldigt wurde. Der Rabbiner befahl allen Juden Frankreichs in Solidarität mit ihren bedrohten Brüdern und Schwestern einen Fastentag einzuhalten. 31 von ihnen verloren ihr Leben.

Im Allgemeinen identifizierten sich Raschis Schüler – die zahlreich waren und produktiv – , indem sie lehrten, was sie «aus seinem Mund» empfangen hatten. Wenn sich ein wahrer Lehrer im Lauf der Zeit durch die Qualität seiner Schüler auszeichnet, so ist Raschi einer der grössten.


Elie Wiesel ist Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger. Der gekürzte Text publiziert der aufbau exklusiv als Vorabdruck. Das Buch kommt in
der Reihe «Jewish Encounters» bei Schocken Books heraus.

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