Erinnerung bleibt in Namen bestehen
Von Uri R. Kaufmann
Nach einer jüdischen Überlieferung rettete ein Mitglied der Familie Kalonymos im Jahr 982 in der norditalienischen Stadt Lucca Kaiser Otto II. und erhielt dafür die Erlaubnis, sich in Mainz anzusiedeln. Der wissenschaftlichen Forschung hält diese Überlieferung zwar so nicht stand, aber ein Kern Wahrheit befindet sich in ihr. Zuerst deutet der Name Kalonymos auf den Mittelmeerraum hin: Es stecken die griechischen Begriffe für «gut» oder «schön» – «kalos» – und der Name «nomos» drin, was dem hebräischen «schem tow» entspricht. Die griechische Form ist auf das in Italien zu diesem Zeitpunkt immer noch starke byzantinische Erbe zurückzuführen, von dem auch die mittelalterlichen Juden kulturell geprägt waren. Wohl angesehene jüdische Fernhändler liessen sich im 10. Jahrhundert in der wichtigen Stadt Mainz nieder, die ein Umschlagplatz für den internationalen Gewürzhandel war. Später sind Juden in Speyer und Worms (um 1034) nachgewiesen. In Worms legten sie ca. im 11. Jahrhundert einen Friedhof an, der sich bis heute erhalten hat. Der Bischof von Speyer schrieb 1084 sogar davon, die «Ehre seines Ortes» durch die Ansiedlung dieser Grosskaufleute «zu vergrössern». Er dachte wohl durchaus an Wirtschaftsförderung. Diese wohlhabenden Händler stellten bedeutende jüdische Gelehrte ein, die Talmud und Thora unterrichteten und Studenten («bachurim«) von weither anzogen.
Im 13. Jahrhundert versuchten die verschiedenen Rabbiner zu einem minimalen Konsens ihrer religionsgesetzlichen Entscheidungen zu kommen; die «Statuten der Schum-Gemeinde» («takanot schum») wurden verabschiedet. So entstand das aschkenasische Judentum in seiner spezifischen Ausprägung.
Mit diesem biblischen geografischen Ausdruck wird in der rabbinischen Literatur nach dem 10. Jahrhundert das Gebiet nördlich der Alpen, grob das des mittelalterlichen Deutschen Reiches, im Unterschied zu «zarfat» (Nordfrankreich) oder «provinzia» (Südfrankreich/Provence) bezeichnet.
Die Weisen von Aschkenas
In Speyer etwa lebte Juda ben Kalonymos (um 1150/1200), der wichtige Wörterbücher des Hebräischen verfasste und auch schon versuchte, Biografien talmudischer Grössen zu rekonstruieren. Von europäischer Bedeutung sollte Rabbiner Schlomo ben Jizchak, kurz Raschi genannt, werden, der am Rhein einen Teil seiner Ausbildung erhielt und dann den zentralen Kommentar zu Tenach und Talmud verfassen sollte. Seine Äusserungen wurden von den «Hinzufügenden» («baale hatossafot») kommentiert. Der bedeutendste unter den am Rhein wohnenden Gelehrten war Isaak ben Asher ha Levi, kurz Riba genannt (er wurde 1195 ermordet). Rabbenu Gerschom aus Mainz (um 960–1013), die «Leuchte des Exils», legte wichtige Grundlagen fest. So verbot er den aschkenasischen Juden seines Gebiets die bis anhin übliche Vielehe, mahnte das Postgeheimnis an und legte fest, dass Frauen bei einer Scheidung einverstanden sein müssen. Er erlaubte es, den Gottesdienst aufzuschieben, bis drängende Fragen entschieden seien («ikuw tefila»). Meier ben Baruch (1220–1293) finden wir in Worms, nach dem er in Würzburg und Mainz studiert hatte. Er sollte als «Maharam von Rothenburg» in die Geschichte eingehen. Noch heute sind im Machsor Gedichte von Eleasar aus Worms zu finden, der Kommentare zu den Megilot (Buchrollen) verfasste. Juda Hachassid hatte auch von rheinischen Rabbinern gelernt. Er gehörte zu den
Begründern der mittelalterlichen jüdischen Mystik Kabbala und wirkte vor allem von Regensburg aus (um 1200–1217). Er versuchte schon eine zusätzliche verborgene Bedeutung biblischer Passagen zu gewinnen, in der er ihren Zahlenwert der hebräischen Buchstaben auszählte und mit anderen verglich («gimatria»).
Es gibt auch die fromme Legende, dass das feierliche «Unetane tokef»-Gebet von Jom Kippur auf den Märtyrer und Rabbiner Amnon aus Mainz zurückgeht: Hier wird eine wichtige liturgische Schöpfung mit einer der drei Gemeinden in Verbindung gebracht. Auch wenn dies mittels Quellen nicht zu belegen ist, so verweist diese Sage doch auf die rezeptionsgeschichtliche Wichtigkeit der rheinischen Tradition im späteren Judentum. Man könnte hier auch die vielen frommen Geschichten um Raschi und Maharam anfügen, wie sie in der jiddischen Volksdichtung in Osteuropa noch bis ins 19. Jahrhundert lebendig war.
Verfolgungen im Rheinland
Einen gewissen Einschnitt bedeuten die Verfolgungen von 1096 anlässlich des Ersten Kreuzzugs und 250 Jahre später die im Umfeld der schrecklichen Beulenpest (1348/50). Man unterstellte den Juden, die Brunnen vergiftet zu haben und wollte sich an ihnen rächen. Viele wurden ermordet, einige konnte flüchten und sich verstecken. Es wurden wieder jüdische Gemeinden in Städten gegründet, doch war jetzt die Bedeutung von Speyer und Worms nicht mehr so gross. Andere Gemeinden waren an ihre Stelle getreten, Regensburg, Nürnberg, Erfurt und Würzburg. Aus Speyer wurden sie 1435 endgültig vertrieben, in Worms konnten sie sich bis auf drei Jahre (1614–1617) durch alle Zeiten hindurch bis 1941 halten. In Mainz wirkte Maharil (Jakob ben Moses Molin, um 1420/25) der die Bräuche, die «minhagim», sammelte. Sein Schüler Salman von St. Goar zeichnete seine Äusserungen auf. 1473 wurden die Juden auch von dort vertrieben und erst wieder 1583 in kleiner Zahl zugelassen.
Die Schriften der Rabbiner aus den drei Gemeinden zirkulierten später unter den europäischen Juden. Ascher ben Jechiel (1250–1327) hatte ihre Gelehrsamkeit im 14. Jahrhundert nach Spanien, nach Toledo, gebracht. Doch der demografische Schwerpunkt sollte vom 16. Jahrhundert an im Königreich Polen-Litauen liegen, wo nun bedeutende Talmudhochschulen in Lublin, Krakau, Lemberg und anderen Orten entstanden. Im 17. und 18. Jahrhundert importierten jüdische Stadtgemeinden im Westen polnische Rabbiner. Doch hielt sich unter den polnischen Juden durchaus die Verehrung für die gelehrten Weisen vom Rhein, die «chachmei aschkenas». In einer russischen Synagoge wurde ein Fantasiebild von Worms mit einem Lindwurm gemalt, der um die Stadtmauern herumkroch. Die heilige Gemeinde Worms des Mittelalters galt russischen jüdischen Gemeinden als vorbildhaft.
Die jüdischen Mystiker des frühen 18. Jahrhunderts lasen immer noch die Handschriften der rheinischen Mystiker, etwa das «sefer chassidim» von Juda Hachassid (um 1200/17) oder das «sefer rokeach» von Eleasar aus Worms (1176–1238). Trotz mehreren Jahrhunderten Differenz zwischen den «Frommen von Aschkenas» des 13. Jahrhunderts und dem Chassidismus in Polen (um 1730/80) gab es geistige Berührungspunkte.
Nun eher Provinz
Im 18. Jahrhundert hatte nur das Rabbinat von Worms noch eine überregionale Bedeutung. Der Kantor Juspa Schmasch stellte die Bräuche der jüdischen Gemeinde Worms in einem «sefer minhagim» (Buch der lokalen Bräuche) zusammen, das in zwei Kopien bis heute erhalten geblieben ist. Hier finden sich zum Beispiel genaue Hinweise auf den «holegraasch», die Namensgebungszeremonie, die in vielen jüdischen Gemeinden Süddeutschlands, im Elsass und der Schweiz verbreitet und oft nur für Mädchen vorgesehen war. Mit den erfolgreichen Kriegen des revolutionären Frankreich kam auch die Pfalz unter französische Herrschaft. Juden waren dort nach 1792 gleichgestellt und durften aus der ländlichen Umgebung nach Speyer ziehen. Mainz wurde etwas später Teil des französischen Kaiserreichs, und so erfreuten sich auch hier die Juden der rechtlichen Gleichstellung bis 1814. Die grossherzoglich-hessische Regierung wählte im Revolutionsjahr 1848 hier mit Ferdinand Eberstädt sogar einen jüdischen Kandidaten zum Bürgermeister der Stadt Worms, einer der ersten Juden in dieser Funktion in Deutschland überhaupt.
Die jüdische Gemeinde Worms war bis zur Zeit der NS-Verfolgung sehr stolz auf ihre alte Tradition, befand sich doch hier der älteste jüdische Friedhof Europas, der mindestens auf das 11. Jahrhundert zurückging. Noch 1934 organisierte die Gemeinde eine grosse 900-Jahr-Feier der Synagoge, an der Rabbiner Leo Baeck aus Berlin sprach.
Worms war für die Nazis Symbol der Alteingesessenheit der Juden, und so zerstörten sie nach dem 10. November 1938 die altehrwürdige Synagoge bis auf den Grund. Wertvolle Sandsteinteile liessen sie einbetonieren. Nach 1949 entschloss sich die deutsche Bundesregierung, diese Synagoge zu rekonstruieren, obwohl sich dort keine jüdische Gemeinde mehr gebildet hatte. Dieses kostspielige Unterfangen war heiss umstritten, unter Juden wie Christen gab es Befürworter und Gegner. 1961 wurde der Bau unter allerhöchstem Protokoll feierlich eingeweiht. Kurz zuvor hatte es in der jungen Bundesrepublik an über 150 Orten Schmierereien an jüdischen Objekten gegeben, die teilweise allerdings von der DDR über ihr Ministerium für Staatssicherheit gesteuert worden waren. Wollte man mit der Feier dem Ausland zeigen, dass es jetzt ein anderes demokratisches Deutschland gab, das sich entschieden vom Antisemitismus distanzierte? Nach 1961 wurde die Synagoge vereinzelt von jüdischen Soldaten der nahen amerikanischen Garnisonen genutzt, etwa zu Rosch Haschana, zu einem Gemeinde-Seder an Pessach oder zu privaten Hochzeitsfeiern.
Nach 1989
Durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion nach 1989 haben sich in Speyer und später in Worms kleine jüdische Gemeinden gebildet. Die Gemeinde in Mainz wurde schon unmittelbar nach der Befreiung im Mai 1945 erneut gegründet, blieb aber bis 1989 klein.
Es gibt wegen der Verfolgungsgeschichte des 20. Jahrhunderts in Deutschland keine Kontinuität zu den jüdischen Gemeinden in der Zeit vor 1938. Andererseits sind doch Monumente erhalten geblieben, so die Tauchbäder in Worms und Speyer, und einzelne Grabsteine wurden bei Grabungsarbeiten in Mainz in den zwanziger Jahren gefunden und überstanden die Zeiten unentdeckt im Fundus des Rheinischen Landesmuseums. Im Kellergeschoss eines Hauses in Speyer versteckten sich die Grundmauern der mittelalterlichen Synagoge, die nun mit der Mikwa ein gut präsentiertes Ensemble bilden.
Der Friedhof in Worms blieb erhalten, weil – wie berichtet wird – der damalige Stadtarchivar behauptete, die NS-Führung wolle den Friedhof als Beispiel für die «ausgestorbene Rasse» vorweisen. Heute ist der Friedhof eine Touristenattraktion, die leider auch am Schabbat zugänglich ist, was ja gegen das Religionsgesetz verstösst. Vielleicht hat der Wormser Oberbürgermeister doch einmal ein Einsehen und lässt die Beachtung jüdischer Gebräuche auf dem Wormser jüdischen Friedhof zu, auch wenn der Samstag ein attraktiver Tag für den Tourismus der Stadt ist. Mainz kann eine neue Synagoge einweihen, für Speyer gibt es Pläne. Allerdings sind die dortigen Juden in zwei Gruppen gespalten, die sich heftig streiten. Eine untersteht dem Landesverband der jüdischen Gemeinden in der Rheinpfalz mit Sitz in Neustadt an der Weinstrasse.
In der Schweiz, in Israel und der übrigen Diaspora aber tragen nicht wenige jüdische Familien noch die Erinnerung an die grosse Zeit in ihrem Familiennamen, etwa wenn sie Wormser, Wurmser, Spira, Speyer, Menz oder Mainzer heissen. ●
Uri R. Kaufmann ist Historiker und Publizist. Er lebt in Berlin.


