60 Jahre Bundesrepublik Deutschland
Deutschland hat seine Reputation nach dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg in der Welt wieder zurückgewonnen, auch weil es im Land der Täter wieder jüdische Gemeinden gibt. Die Öffentlichkeit nimmt es wahr, weiss aber zumeist gar nicht, wie es im Inneren der jüdischen Gemeinschaften aussieht. Politische Appelle, Mahn- und Gedenkfeiern gehören zum gewohnten Ritus, doch wie sich seit den fünfziger Jahren die jüdischen Gemeinden entwickelt haben, vor welchen Problemen sie bis heute stehen, welche Brüche es gab, wie unterschiedlich sich das jüdische Leben in Ost- und in Westdeutschland gestaltete, um welche religiösen Richtungen und Vertretungsansprüche gestritten wird, welche Vielfalt es an sozialen, sportlichen und kulturellen Angeboten gibt – das alles blieb zumeist im inneren Kreis der jüdischen Gemeinschaft.
Das sind keine Geheimnisse, aber wer sich für innere Strukturen interessiert, muss auch Position ergreifen. Das hat die deutsche Öffentlichkeit möglichst vermieden, was dazu führte, dass man sich gar nicht um die Sache der Juden kümmerte.Die Geschichte der Juden nach 1945 in Deutschland ist nicht vergleichbar mit der in anderen westeuropäischen Ländern. Selbstverständlich wegen der Geschichte, aber auch wegen der Teilung des Landes, der Verantwortung des westdeutschen Staates, dem Zuzug von Juden aus der Sowjetunion bereits seit Anfang der siebziger Jahre und der historisch bedingten Entwicklung der jeweiligen Einheitsgemeinde bis in die neunziger Jahre hinein.
1945 konnte sich niemand vorstellen, dass sich jemals wieder Juden in Deutschland organisiert in jüdischen Gemeinden niederlassen würden. Im Nachkriegsdeutschland betrug die Zahl der jüdischen Menschen, die die Konzentrationslager oder im Untergrund überlebt hatten, etwa 15 000. Unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Lebenserfahrungen, unterschiedliche Leidenswege und unterschiedliche religiöse Ausrichtungen prägen diese heterogene Gruppe. Sie wurden erst in westdeutschen Lagern untergebracht, für die meisten war es ein Weg von einem Lager in das nächste. «Displaced Persons» wurden sie genannt, so wie es ihrer Realität entsprach: ohne Platz, ohne Heimat, ohne Ziel.
Für die etwa 200 000 Juden aus Osteuropa, die aufgrund von Pogromen und des Kalten Krieges nicht mehr in ihre alte Heimat zurückkehren konnten, war Deutschland auch Durchgangsstation auf dem Weg in die USA, nach Palästina, Grossbritannien oder Südamerika. Als 1949 die Bundesrepublik gegründet wurde, lebten etwa 25 000 Juden im Land der Täter. Zuvor waren vielerorts auch schon jüdische Gemeinden in den vier Besatzungszonen gegründet worden. In der Not entstanden Einheitsgemeinden, die bis zum heutigen Tag diesen Namen tragen. Unterschiedliche religiöse, kulturelle und nationale Wurzeln zwangen zur Einheit. So entstand schon in den frühen fünfziger Jahren in der Bundesrepublik Deutschland an der Öffentlichkeit der Eindruck, bei den Juden gebe es grundsätzlich nur eine religiöse Ausrichtung. Die grössten Gemeinden entstanden in Frankfurt a. M., Hamburg, Berlin, Köln und in München.
Antizionistische Hetze
In der DDR wollten auch Juden mithelfen, die sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Die Gründung von Kleinstgemeinden war eher eine Randsache. Doch mussten diese Juden feststellen, dass die «Säuberungsaktionen» in der UdSSR, der Slánský-Prozess in Prag sowie offener Antisemitismus ihnen das Leben erschwerten; diese gesellschaftlichen Prozesse hatten in Osteuropa auch auf die Situation von Juden in der 1949 gegründeten DDR Auswirkungen. Dazu trug auch bei, dass die Opfer aus den Konzentrationslagern nicht als jüdische Menschen oder Juden bezeichnet wurden, sondern in der DDR nur die einheitliche Bezeichnung «antifaschistische Opfer» zugelassen wurde.
Nach Stalins Tod 1953 änderte sich zwar die gesellschaftliche Atmosphäre, Juden erhielten Geld zur Unterstützung der Gemeinden, doch die Anzahl der in der DDR in jüdischen Gemeinden registrierten Juden war winzig. Die grösste Gemeinde befand sich bis zur Wende 1989 in Berlin mit etwa 200 bis 250 Mitgliedern. Die DDR hatte nie ein Schuldbekenntnis oder eine Anerkennung für das von Deutschen zugefügte Leid ausgesprochen, Entschädigungszahlungen gab es keine. Erst in den achtziger Jahren öffnete sich die DDR-Führung weiter, indem sie den Präsidenten des World Jewish Congress, Edgar Bronfman, empfing, der 1988 mit dem höchsten Zivilorden der DDR ausgezeichnet wurde. Im selben Jahr wurde in Berlin die Stiftung Centrum Judaicum gegründet und die Neue Synagoge nach jahrzehntelanger Verwahrlosung restauriert.
Ab da vertrat die DDR-Führung dieselbe Politik wie 40 Jahre zuvor die BRD: Unterstützung und Anerkennung der jüdischen Geschichte sowie der jüdischen Gemeinschaft, um internatonale Reputation zu erhalten. Ende der achtziger Jahre war die DDR bereits an ihrem wirtschaftlichen Ende angelangt und hoffte auf finanzielle Unterstützung aus dem Westen. «Antizionistische» Hetze blieb all die Jahrzehnte allerdings unverändert Staatsdoktrin. In der nach der Wende noch bestehenden DDR wurde am 12. April 1990 eine Entschuldigung für die «offizielle DDR-Politik gegenüber dem Staat Israel» beschlossen. Die Mitglieder der Volkskammer baten die «jüdischen Mitbürger» für die erlittene Diskriminierung in der DDR um Verzeihung. Es wundert nicht, dass insbesondere ehemalige DDR-Bürger so gut wie keine Kenntnisse von jüdischer Geschichte oder der Situation in Nahost, besonders über die Geschichte Israels, hatten. Dagegen wurde zwar bis Anfang der siebziger Jahre in Westdeutschland auch wenig über den Holocaust und die Geschichte der Juden an Schulen verbreitet, doch dies änderte sich mit der Ausstrahlung des amerikanischen Films «Holocaust» im Jahr 1978. Auch die Studentenbewegung Ende der sechziger Jahre trug ihren erheblichen Teil dazu bei, sich offen der Geschichte zu stellen. So machte sich die westdeutsche Gesellschaft auf Spurensuche: Wo hatten Juden überlebt, wie sahen Einzelschicksale aus, Schulen, Institutionen, Medien machten sich in mannigfaltiger Art auf Entdeckungstour. Mit der Geschichte beschäftigte man sich zwar, aber nicht mit den real existierenden Juden. Zeitzeugen berichten an Schulen, Artikel und Filme erscheinen täglich; Gegenstand solcher Berichte ist meist Vergangenes.
Korruption und Veruntreuung
Mittlerweile sind die jüdischen Gemeinden an die Öffentlichkeit gegangen, wie zum Beispiel mit den bereits etablierten Jüdischen Kulturtagen in Berlin. Die Stadt bietet ein breites Spektrum an jüdischer und israelischer Kultur, doch Einblick in den Alltag der Menschen in den jüdischen Gemeinden gibt es nicht. Dieser Alltag ist jedoch vielfältig, wie unter anderem in der jüdischen Gemeinde Leipzig in Sachsen, ehemals DDR. Die Israelitische Religionsgemeinde Leipzig, Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet, zählt rund 1200 Mitglieder. Es gibt Angebote für jede Altersgruppe: Kindergruppen mit Spielen, Aktivitäten für Jugendliche oder Senioren, soziale Beratung oder Sportfeste und Veranstaltungen im kulturellen Bereich.
Dieses Spektrum bietet mehr oder weniger jede jüdische Gemeinde in Deutschland, wobei die grösseren Gemeinden zudem eigene Kindertagesstätten, Seniorenheime oder Schulen betreiben. Die jüdischen Gemeinden beziehungsweise die jeweiligen Landesverbände erhalten jeweils von der Landesregierungfinanzielle Unterstützun. Das führte vereinzelt zu Skandalen wegen Veruntreuung. Die Jüdische Gemeinde Berlin schleppt ein Millionendefizit mit sich. Selbstbedienungsmentalität, Korruption und Vetternwirtschaft existieren hier ebenso wie andernorts. Die Medien jedoch halten sich dabei mit ihrer Berichterstattung dezent zurück, verglichen mit der Medienpräsenz bei Skandalen in Wirtschaftsunternehmen oder der Politik.
Heterogene Gemeindenlandschaft
Dem Zentralrat der Juden in Deutschland gehören derzeit 23 Landesverbände mit insgesamt 107 jüdischen Gemeinden und etwa 104 000 Mitgliedern an. Der Zentralrat, der die Einheitsgemeinde propagiert, um deren politisch-gesellschaftliches Sprachrohr zu sein, wurde 1950 gegründet. Die Vorsitzenden haben sich mal mehr, mal weniger zu Problemen und Fragen der deutschen Politik geäussert. Die Union progressiver Juden, der rund 3000 Mitglieder angehören, ist nach dem Zentralrat die zweitgrösste Vereinigung jüdischer Gemeinden in Deutschland. Sie kämpfte mit Erfolg gegen den Alleinvertretungsanspruch des Zentralrats. Nach früheren Kontroversen zwischen beiden Organisationen kam es in letzter Zeit wieder zu einer Annäherung. Auch andere religiöse Gruppierungen wie zum Beispiel der Bund gesetzestreuer jüdischer Gemeinden in Deutschland hat angekündigt, demnächst seine «Vertretungs- und Förderungsansprüche» gegenüber der Bundesregierung geltend zu machen.
Das allergrösste Problem, über das die Öffentlichkeit wenig erfährt, ist die Zusammensetzung der Mitgliederstruktur. Die jüdischen Gemeinden in Ostdeutschland bestehen zu nahezu 100 Prozent aus Juden, die im Rahmen der politischen Entwicklung nach der Wende nach Deutschland eingewandert sind. In vielen Gemeinden ist Russisch die Standardsprache. Die Einwanderer haben ihre Kultur und dementsprechende Lebenserfahrungen mitgebracht, die den alt eingesessenen Juden in den Gemeinden fremd ist. Sie verfügen über geringe berufliche Perspektiven – oft ohne genügende Kenntnisse der deutschen Sprache, der osteuropäischen Kultur verhaftet und von staatlichen Transferleistungen abhängig. Heinz Galinski, der langjährige Gemeindevorsitzende der Berliner Gemeinde, hatte Anfang der siebziger Jahre erkannt, dass die jüdische Gemeinschaft vergreisen würde, wenn keine Zuwanderer aus dem Osten dazukommen würden.
Nach der Wende stieg die Zuwanderung ins enorm an. Heute gibt es einige jüdische Gemeinden, in denen an die 80 Prozent der Mitglieder osteuropäische Wurzeln haben. Das wird Auswirkungen haben und trägt heute schon zu erheblichen Spannungen bei. Doch diese Spannungen werden nicht öffentlich ausgetragen und kommuniziert; ausser wenn nach Gemeindewahlen der oder die Vorsitzende ans Mikrofon tritt und stereotyp verkündet, dass die Hauptaufgabe der Gemeindearbeit die Integration der Zuwanderer sei. Bleibt die Frage, wer sich bei wem zu integrieren hat.


