Judentum, Kommunismus und Inquisition
Für eine kleine Gruppe mexikanischer jüdischer Schriftsteller und Intellektueller ist der Maler Diego Rivera (1886–1957) – sein voller Name lautete Diego Maria de la Conception Juan Nepomuceno Estanislao de la Rivera y Barrientos Acosta y Rodriguez – eine Art Glaubensgenosse in jeder Hinsicht. Erstens stammt er mütterlicherseits von spanisch-jüdischen Konvertiten ab und zweitens teilte er die linken, kommunistischen Ansichten der Schriftsteller und Intellektuellen.
Zwar praktizierte Rivera nie das Judentum und war auch kein Mitglied der kleinen jüdischen Gemeinde von Mexiko, doch entwickelte er enge Freundschaften mit einer Anzahl prominenter Juden. Zudem illustrierte er das Buch jiddischer Poesie «City of Palaces» von Isaac Berliner. Eine Kopie der ersten Auflage des Buches findet sich, zusammen mit Artikeln aus der jiddischen Presse über die Kontakte Riveras mit jüdischen Intellektuellen, im Centro de Documentación e Investigación de la Comunidad Ashkenazí de México, einem Archiv historischer Dokumente der aschkenasischen Gemeinde von Mexiko-Stadt. Unlängst anerkannte die UNESCO das Archiv als Bestandteil ihres Programms Memory of the World, das darauf abzielt, wertvolle archivarische Sammlungen zu bewahren.
Aufschlussreiches Archiv
«Diego sagte immer, er fühle eine Nähe zu den Juden, weil er selber jüdisches Blut hatte», sagt Alicia Gojman, die Leiterin des Archivs. Dieses nahm seinen Betrieb vor 20 Jahren auf und befindet sich heute im Viertel Condesa in Mexiko-Stadt. In der Mitte des 20. Jahrhunderts war dieses Viertel ein Zentrum des jüdischen Lebens gewesen, und noch heute hat eine Handvoll jüdischer Institutionen dort ihr Domizil. Die Anfänge des Archivs gehen allerdings auf den Zweiten Weltkrieg zurück, als die Alliierten nach einem Platz suchten, wo sie die kulturelle, von den Nazis konfiszierte Hinterlassenschaft der Juden Europas hinschicken konnten.
Zu den im Archiv gelagerten Dokumenten – einige Objekte sind über 400 Jahre alt – gehören auch mit dem NS-Emblem gestempelte Bücher. Diese Bände waren für ein Museum vorgesehen, in dem die Nazis die Geschichte einer ausgemerzten Rasse zeigen wollten. Die jüdische Gemeinde von Mexiko, die zu einem grossen Teil aus Flüchtlingen aus Nazideutschland bestand, erklärte sich zur Aufnahme von 1000 Buchbänden bereit. Im Laufe der Jahre wurde das Archiv immer grösser, begannen die jüdischen Mexikaner doch, Exemplare aus ihren privaten Sammlungen beizusteuern.
Das Material von und über Rivera gehört zweifellos zu den beachtenswertesten Bestandteilen des Archivs, enthüllt es doch Aspekte der mexikanisch-jüdischen Geschichte, die bisher weitgehend unbekannt waren. Laut Alicia Gojman setzte Rivera, der mit der mexikanischen Malerin Frida Kahlo verheiratet war, seinen Einfluss bei den mexikanischen Behörden ein, um Leo Trotzki zu helfen, dem russischen Juden, der als politisch Verfolgter seine Heimat verlassen musste. Als Trotzki in Mexiko eintraf, lebte er eine Weile in Riveras Haus.
Politisch motivierte Gemälde
Zu Riveras berühmtesten Wandgemälden zählt eine Arbeit aus dem Jahre 1947. Es ist das Bild eines jungen Mädchens der Familie Carvajal, einer Gruppe spanischer Konvertiten. Die Inquisition beschuldigte das Mädchen der Ketzerei und schickte es Ende des 16. Jahrhunderts auf den Scheiterhaufen. Für Gojman ist es bezeichnend, dass Rivera seine illustrierte Geschichte von Mexiko mit einem Bild begann, das die Leiden der Juden unter der Inquisition darstellt. «Wenn ich seine Ausführungen lese und mir seine Arbeiten anschaue», sagt sie, «dann denke ich, dass er mit der Geschichte der Carvajals vertraut war. Was die Inquisition mit Juden in Spanien getan hat, berührte Rivera sehr.»


