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23. Oktober 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 43 Ausgabe: Nr. 43 » October 22, 2009

«Der Preis ist eine Ehre»

von Gisela Blau, October 22, 2009
Mit der Auszeichnung für den Rapper Stress überraschte das Komitee des Nanny-und-Erich-Fischhof-Preises 2009. Als restlos verdient gilt der Preis an den Doyen der Schweizer Fahrenden, Robert Huber, Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse.
RAPPER STRESS Die Jugend politisieren

Mit diesem Preis wird das Lebenswerk von Robert Huber gewürdigt», sagt Claudia Kaufmann. Die Ombudsfrau der Stadt Zürich, früher Generalsekretärin im Departement von Bundesrätin Ruth Dreifuss, ist am kommenden Donnerstag die Laudatorin für den Präsidenten der Radgenossenschaft der Landstrasse. «Robert Huber hat sich jahrzehntelang für die Anliegen der Jenischen und Sinti in der Schweiz eingesetzt», so Claudia Kaufmann. «Es ist ihm gelungen, in einer anfänglich feindlichen, mit vielen Vorurteilen und Ressentiments gegenüber den Fahrenden beladenen sesshaften Gesellschaft mit dazu beizutragen, dass eine Gesprächskultur, aber auch ein gewisses gegenseitiges Vertrauen zwischen den Sesshaften und den Fahrenden entstand. Den Preis für ihn verstehe ich als Anerkennung seiner Verdienste, die Lebensbedingungen der Fahrenden als Minderheit nachhaltig zu verbessern und ihrer Kultur zur Anerkennung zu verhelfen.»

Robert Huber ist tief bewegt, denn die Verleihung des Preises sei für ihn als Opfer der Pro-Juventute-Aktion «Kinder der Landstrasse» und Verdingkind alles andere als selbstverständlich. Sein Ziel sei stets gewesen, Bedingungen für die Fahrenden zu schaffen, damit nie mehr geschehen kann, was geschehen ist. Er fürchtet um sein Lebenswerk und will jeden Tag, solange er kann, für die Fahrenden kämpfen, dazu verpflichte ihn auch dieser Preis.

Engagierter Rap

Als der Musiker und Rapper Andres And­rekson alias Stress von seinem Zürcher Manager Eric Kramer hörte, ihm sei der Fischhof-Preis verliehen worden, fragte er ihn, ob er auch alles richtig verstanden habe. «Bisher wurden ältere Menschen damit ausgezeichnet, auch wichtigere als ich», sagt der Mann mit dem Bühnennamen Stress. «Für mich ist es deshalb eine Ehre, auch eine grosse Freude, ihn zu erhalten. Ich habe erfahren, wer den Preis stiftete und warum, und ich finde, dass er Sinn macht. Es ist superwichtig, wenn von Zeit zu Zeit daran erinnert wird, dass es Menschen gibt, die gegen den Rassismus kämpfen.» Andres, der auch schon mal mit einem Rap namens «Fuck Blocher» aufgefallen war, kam als 12-Jähriger aus Estland in die Schweiz. «Ich war ein Ausländer, ich wuchs mit Leuten verschiedenster Herkunft auf, und ich lebe in einem extrem bunten Umfeld. Ich bin ein gutes Beispiel für den Wert verschiedener Kulturen, denn sie waren alle gut für mich, sie machten mich als Person reicher. Die Förderung der Swissness ist wirklich toll, aber gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass eine Mischung von Kulturen zu unserem Land gehört, und sobald wir dies akzeptieren, wird es uns allen besser gehen.»

Eric Kramer, Manager von Stress, freut sich extrem über den Fischhof-Preis: «Erst war ich überrascht, weil bisher nur renommierte Persönlichkeiten und Politiker ihn erhalten haben und nicht wir, die in aller Bescheidenheit Musik machen. Aber Stress engagiert sich schon lange gegen Rassismus und Intoleranz und äussert sich auch öffentlich dagegen. Mit Musik kann man Inhalte vermitteln, die auch junge Leute hören.»

Junges Publikum politisieren

Peter Rothenbühler wird die Laudatio für Stress halten. «Die Anfrage des Preiskomitees war für mich eine gute Gelegenheit, ihn vorher persönlich kennenzulernen», sagt der bekannte Journalist und publizistische Leiter der Edipresse in Lausanne, wo auch Stress lebt. «Ich freue mich für ihn und finde es toll, dass er den Preis als Ehre bezeichnet, die er vielleicht gar nicht verdient hat. Er ist ein guter, gescheiter Typ», sagt Rothenbühler. «Ich hoffe, dass dank diesem Preis auch sein wenig politisiertes junges Publikum mit dem Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus bekannt gemacht wird. Aber ich denke, dass es noch andere Leute gegeben hätte, die den Fischhof-Preis mindestens so sehr verdient hätten wie Stress.»

Michael Chiller-Glaus präzisiert die Motive für die Auswahl der diesjährigen Preisträger. Der Geschäftsführer der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) und der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (GMS), die den Nanny-und-Erich-Fischhof-Preis gemeinsam verleihen, betont, Stress setze sich seit Jahren gegen Rassismus, gegen Diskriminierung und für Toleranz ein: «Er übt auch eine wichtige Signal- und Vorbildfunktion für die Jugend aus. Er bietet der Jugend Inhalte. Seine Texte und Botschaften haben Gehalt, er engagiert sich, und das entspricht den Zielvorstellungen von GRA und GMS für den Fischhof-Preis.»

Die Begründung für Robert Hubers Preis fällt Chiller-Glaus ganz besonders leicht: «Sein ganzes Lebenswerk zeichnet ihn aus. Er wurde zu einem geachteten Ansprechpartner, auch für Behörden, er schuf bessere Bedingungen für die Fahrenden, und wir honorieren diese Leistung.»







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