Zwischen Sein und Schein
Der 90 Jahre alte Dov Kofman, Anführer der wenigen orthodoxen Juden in Birobidschan, der jüdisch-autonomen Region in Russland, spürt offenbar sein Alter. Jedenfalls erklärte er per Mail seinem Freund und Wohltäter in Tokio, Alexander Kleinerman, dass er nicht mehr weitermachen könne. Kofman plant, nach Israel zurückzukehren und seinem Wohltäter die Verantwortung über die Thorarolle zu übergeben, welche die jüdische Gemeinde in Japan den Juden in Birobidschan einst zur Verfügung gestellt hat. «Ich bin zuversichtlich», schrieb Kofman in seinem Mail, «dass die Synagoge hier weiter existieren wird.»
Die Synagoge liegt in einem Aussenquartier von Birobidschan, der Hauptstadt von Russlands jüdisch-autonomer Region. Die Stadt ist ein Relikt eines verfehlten sowjetischen Plans aus den dreissiger Jahren, Juden im Fernen Osten von Russland, unweit der chinesischen Grenze, anzusiedeln.
Kofmans Abgang sagt einiges aus über den rätselhaften Charakter dieser jüdischen Kapitale an ihrem 75. Geburtstag. Die Stadt mit ihren 80 000 Einwohnern wächst für russische Verhältnisse rasch, und abseits des Hauptplatzes finden sich eine neuere Synagoge und ein jüdisches Gemeindezentrum. Manchmal gewinnt man aber den Eindruck, die Politur des Judentums in Birobidschan sei nicht dicker als die frische Farbschicht, die in der ganzen Stadt für die Geburtstagsfeierlichkeiten verwendet wurde. Politisches Zweckdenken und regionale Unabhängigkeit scheinen eher Motive zu sein für eine Betonung der jüdischen Kultur, wie sie etwa in den auf Jiddisch gedruckten Plakaten zum Ausdruck kommt. Die schwindende jüdische Bevölkerung in der Region macht nämlich nicht mehr als fünf Prozent der Gesamtbevölkerung aus.
Die Stadt erhält von der Regierung in Moskau ein jährliches Kulturbudget zur Unterstützung jüdischer Aktivitäten, etwa ein internationales jüdisches Kulturfestival in der Woche vor dem Geburtstag. Mitte September organisierte zudem die jüdische Bildungsorganisation Limud eine Konferenz in Birobidschan.
Gescheiterte Versuche
Die jüdisch-autonome Region, rund 6000 Kilometer von Moskau entfernt, ist einzigartig im Mosaik der verschiedenen Einheiten, welche die Russische Föderation ausmachen. Alle anderen autonomen Regionen sind mit der Auflösung der Sow-
jetunion zu unabhängigen Republiken deklariert worden. Nur Birobidschan und seine Umgebung sind nach Ansicht von Mikhail Chlenov, Generalsekretär des Eurasisch-jüdischen Kongresses, nicht stark genug, um als eigene Republik zu überleben. Zudem will man Israel nicht durch die Schaffung eines weiteren jüdischen Staates auf die Zehen treten. Der Status der Region ist laut Chlenov eine «heikle Angelegenheit». Es sei nicht leicht gewesen, die jüdisch-autonome Region ins Leben zu rufen, doch sie zu eliminieren wäre seiner Meinung nach noch schwieriger. In Chlenovs Wagen fährt der Schreibende in hohem Tempo an den Überresten von Kollektivfarmen vorbei, in denen vor 75 Jahren jiddisch sprechende Bauern versuchten, die von Moskitos verseuchten Sümpfe unter Kontrolle zu bringen.
Mitte der dreissiger Jahre nahmen zahlreiche jüdische Immigranten die Strapazen der mehrere tausend Kilometer langen Reise aus dem europäischen Russland oder von noch weiter weg auf sich, um sich in der autonomen Region niederzulassen. Viele von ihnen zogen aber schon bald wieder weg, nachdem die blühend grüne sowjetische Propaganda der Wirklichkeit mit harten Wintern und sumpfigen Geländen gewichen war. Andere wiederum verliessen die Gegend nach der Gründung von Israel, einer gastfreundlicheren jüdischen Heimat.
Heute allerdings steht die Region vor einem Wirtschaftsboom. Ab 2014 oder schon früher werden auf einer Eisenbahnbrücke über dem Amur-Fluss gekörntes Eisen und andere Metalle von Russland nach China mit seiner blühenden Wirtschaft transportiert werden. Die Brücke ist der erste von Russland und China gemeinsam errichtete Grenzübergang. Allerdings ist nicht klar, ob und wie diese Aussichten den jüdischen Geist der Region stärken werden.
Finanzielle Engpässe
Birobidschan glich einerseits immer anderen sowjetischen Städten vergleichbarer Grösse, doch der jüdische Charakter machte die Stadt speziell. Jiddisch ist hier eine offizielle Sprache. Statuen jüdischer Geiger und anderer Musiker schmücken die Stadt. Über dem Brunnen vor dem Bahnhof prangt eine Menora, und Tevje aus «Anatevka» ist in Bronze gehauen auf seinem Heuwagen zu sehen – ein jüdisches Disneyland. «All das ist schön und gut», sagt Igor Magadenko, ein pensionierter Anwalt, «aber der Lebensstandard der Menschen ist gesunken. Es gibt keine Arbeitsplätze, und die Wölfe in der Regierung sind vor allem interessiert an den Profiten, die hier gemacht werden.»
Marina Gitikh lebt in einem verlotterten Zwei-Zimmer-Haus, wo Ende der zwanziger Jahre die erste jüdische Kollektivfarm gegründet worden war. Die arbeitslose Frau wohnt hier mit ihrer betagten Mutter und einem Sohn aus zweiter Ehe. «Wir gehen nicht in die Stadt zur Geburtstagsfeier», sagt sie und giesst sich Bier in einen Teebecher. «Warum sollten wir mit diesen Menschen feiern, wenn es keine besseren Unterkünfte oder Arbeit für uns gibt?»
Laut Rabbi Mordechai Scheiner, 2002 in Birobidschan eingetroffener Emissär der Chabad-Bewegung, macht die Gemeinde harte Zeiten durch. Chabad selber durchlief letztes Jahr eine Finanzkrise, als ihr Hauptspender einen grossen Teil seines Vermögens verlor. Roman Leder, Vorsitzender der Gemeinde, welche die neue Synagoge und das Gemeindezentrum betreibt: «Die finanzielle Hilfe von Chabad für diese Stadt ist um die Hälfte gekürzt worden.» Das American Jewish Joint Distribution Committee, der grösste Wohltäter der jüdischen Gemeinde der Stadt, hatte ebenfalls vor bevorstehenden Kürzungen gewarnt, doch diese sind bisher nicht Tatsache geworden. Die neun vom Zentrum unterstützten Gemeindegruppen setzen ihre Aktivitäten uneingeschränkt fort.


