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Oktober 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 10 Ausgabe: Nr. 10 » October 12, 2009

Schrift als Chiffre der Transzendenz

October 12, 2009
Die Kalligrafie, der Sofer und die Heilige Schrift.
ALEPH Der erste Buchstabe im hebräischen Alphabet

von Yves Kugelmann

Im Anfang war das geschriebene Wort. Der jüdische Urmythos geht wohl weniger auf die Schöpfung selbst denn auf die Offenbarung zurück. Die Offenbarung Gottes am Berge Sinai oder vielleicht doch viel mehr der Schrift, die Gott begründet. Die Offenbarung, in deren Zentrum gemäss den «Sprüchen der Väter» die schriftliche und mündliche Überlieferung steht und die nach dem Auszug aus Ägypten auf dem Weg zur Offenbarung erstmals das jüdische Volk benennt. Eine Chronologie, die den Universalismus schon als Grundbedingung kennt.
Das Verhältnis zur Schrift und zum Schrifttum ist wesentlich in einer Religion, die heute vor allem die Schrift und keine Heiligtümer kennt. Da war die Schrift alles: Heimat in der Wüste, Kunst in einer Welt der Bildverbote, einzig greifbare Sphäre in einem monotheistischen Glaubensverdikt. Das Heilige wird zur Schrift und die Schrift zum Heiligtum. Und so ist der Kult um die Schrift, das Schreiben und Worte selbst das, was Judentum im Ursprung ausmacht.

Die Offenbarung, in deren Mittelpunkt die Worte «naase wenischma» («machen und verstehen») standen und Moses, der die Gesetzestafeln in Stein meisselte, ist eine Offenbarung der Worte und der Schrift. Gott erscheint nicht, verbirgt sich hinter einer Wolke und lässt Worte auf die Menschen niederdonnern. Moses wird zum Schreiber und weniger zum Volksobersten. Moses schreibt die jüdische Verfassung.
So ist auch nachvollziehbar, dass in der jüdischen Tradition dem Sofer, dem Schreiber, eine besondere Bedeutung zukommt. Er, der mit jedem Buchstaben am Heiligtum weiterschreibt. Schriften mit Quellentexten sind heilig, werden nicht weggeworfen, sondern auf dem Friedhof bestattet und wie Menschen, wie das Göttliche behandelt. Alles Judentum entspringt der Schrift und endet im Wort. Alles Judentum entspringt dem Unbildlichen und etabliert durch die Schrift das Abstraktum des Nicht-Bildes. Heinrich Heines Bezeichnung der Heiligen Schrift als das «portative Vaterland» vermittelt, wie sehr jüdisches Sein und Denken vor allem Kultischen oder Nationalen in der Schrift begründet war und seinen Ausdruck fand. Und sein Satz aus der Tragödie «Almansor» mit Blick auf die Verbrennung des Korans während der Kreuzzüge erhielt nach der Schoah eine ganz neue Konnotation und verweist auf die enge Verbindung zwischen jüdischer Tradition und Büchern: «Das war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.»

Das Lernen, die Interpretation der Schriften, war über Generationen in Blütezeiten oder in Zeiten der Verfolgung Antrieb sowie zugleich Verpflichtung für die Menschen. Die Schrift hielt alles zusammen, die Schrift vielleicht viel mehr noch als der Glaube – die Schriften und die Debatte um die Schrift.
Eine Debatte, wie etwa der Talmud zeigt, in der nicht Gott den Mittelpunkt bildet und geradezu eine weltliche Diskussion um Transzendentales etabliert wird. Die Quellen, die Schrift, das Wort waren in der jüdischen Literatur und Kunst oft unausgesprochener oder ausgesprochener Ausgangspunkt, bis hin etwa zu Franz Kafkas Novelle «Die Strafkolonie», in der den Angeklagten ihr Urteil durch einen komplizierten Apparat in den Körper geritzt wird und sie dabei sterben. Ein eindringliches Gleichnis, das bald schon als visionäre und seismografische Anklage totalitärer Systeme verstanden werden konnte und zugleich in Kafkas Auseinandersetzung mit der Schrift als Absolutum wurzelte, die durchaus Bezüge zur «Strafkolonie» in Ägypten aufweist.

Wie in der arabischen Hochkunst der Kalligrafie ist auch im Judentum die Schrift, das Schreiben, das Wort zum Mittler zwischen Transzendenz und Mensch, zur Chiffre des Heiligen geworden und von Menschen zur höchsten Disziplin in Kunst, Denken, Liturgie entwickelt worden. Die Buchmetapher weitet sich bis ins Gebet aus, wenn in der Liturgie zu den hohen Feiertagen der Wunsch formuliert wird, ins Buch des Lebens eingetragen zu werden. Ausdruck findet all dies in der jüdischen Kalligrafie, die in den letzten Jahren vermehrt Aufmerksamkeit erlangte, etwa durch wichtige Funde, wie die Qumran-Rollen, die Erforschung der Wissenschaft, Ausstellungen in Museen oder Judaica-Sammlungen, die Handschriften und künstlerisch gestaltete Bücher nach dem Zweiten Weltkrieg wieder vermehrt ins Zentrum rückten.

Das Wort, die Inschrift letztlich ist auch das, was vom Menschen übrig bleibt und eine eigene Welt der Chiffre formuliert, die die Ohnmacht vor dem Ewigen und Ganzen mit Worten darlegen und auffangen soll. Im Anfang war das geschriebene Wort und im Ende erinnert es an die Menschen. Schriften und Menschen werden beerdigt und sind Schatten des Heiligen an sich.


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