Jüdische Kunst mitten in Zürich
Von Nicole Dreyfus
Der Nürnberg Machsor hatte ein grosses Glück. Während knapp 500 Jahren überdauerte diese beinahe 30 Kilo schwere Handschrift in der Nürnberger Stadtbibliothek Zeit und Geschichte. Das gigantische, reich und golden illustrierte Werk beinhaltet alle Gebete eines jüdischen Jahres, die fünf Megilot (biblische Rollen) sowie die Haftarot, die verschiedenen Kapitel aus den Büchern der Propheten, alles mit einmaligen Kommentaren. Der Machsor, der auf das Jahr 1331 datiert wird, wurde von dem deutsch-jüdischen Geschäftsmann und Verleger Salman Schocken gegen Ende seines Lebens erworben und später von seinen Nachkommen wieder verkauft. Heute gehört er David und Jemima Jeselsohn und wird im Jerusalemer Israel-Museum aufbewahrt. Dabei können nicht nur Wissenschaftler davon profitieren; der Machsor ist über die Jüdische National- und Universitätsbibliothek im Internet auch für die Öffentlichkeit zugänglich.
«Ziel eines Sammlers ist es zwar, das jüdische Erbe zu hüten», findet David Jeselsohn. Viel wichtiger sei es aber, einem breiten Publikum die Gelegenheit zu geben, sich damit zu beschäftigen, sagt er. In diesem Sinne hat Jeselsohn weitere Höhepunkte seiner überaus umfangreichen Sammlung ans Israel-Museum oder andere Museen rund um die Welt ausgeliehen; so zum Beispiel den Stein «Gabriels Vision» oder eine Schale aus Glas und Gold, die im antiken Rom die jüdischen Gräber in den Katakomben geziert haben soll. «Es war weder ein seltener noch ein explizit jüdischer Brauch, solche Glasschalen zur Grabesdekoration zu gebrauchen. Interessant ist aber die Tatsache, dass sie jüdische Motive beinhalten», erzählt er. Auf Jeselsohns Goldschale sind eine Menora, die mit Öllämpchen angezündet wurde, ein Thoraschrank mit neun Rollen sowie Löwen und Schofar-Hörner zu sehen. Alles jüdische Motive, die ihren Beitrag zur Quellenarbeit liefern. So hat jedes Stück aus der David und Jemima Jeselsohn Collection seine Geschichte beziehungsweise ihr Besitzer weiss darum. Was auf Auktionen ersteigert oder bei Händlern gekauft wird, bedarf einer minutiösen Fleissarbeit, der sich Jeselsohn leidenschaftlich hingibt. Seit mehr als 30 Jahren forscht der israelisch-schweizerische Ökonom und Archäologe mit deutschen Wurzeln an jüdischen Kulturgütern und Kultobjekten, und dies aus klarem Interesse an der jüdischen Geschichte und ihrer Tradition.
200-jährig ist bereits alt
Weitere Höhepunkte seiner Kollektion sind Öllampen in allen Grössen, beschriebene Tonscherben, eine grosse Numismatiksammlung aus dem Gebiet des heutigen Staates Israel, erste Wiegedrucke mit jüdischem Gedankengut, so zum Beispiel ein Blatt aus dem ersten datierten hebräischen Druck, ein Raschi-Kommentar aus Italien aus dem Jahr 1475 oder der erste gedruckte Tanach von 1488, ein von der berühmten italienischen Druckerfamilie Soncino produziertes Werk. Neben weiteren Handschriften findet sich auch die erste gedruckte Erklärung einer Pessach-Haggada. Die Liste dieser Sammlung lässt sich kaum vervollständigen. Jeselsohn legt allerdings Wert darauf, dass auch Modernes gewürdigt wird. Doch was heisst neu? «Was klassische Judaica wie silberne Dosen und Becher, Leuchter oder Thorakronen betrifft, so darf etwas mit dem Attribut alt genannt werden, wenn es bereits 200 bis 300 Jahre existiert», sagt Jeselsohn. Aus dem Mittelalter hingegen seien bis heute kaum Judaica-Gegenstände überliefert worden, und alles, was älter sei, werde der Antike zugeschrieben. Künstlerisches Werk aus heutiger Zeit sammelt Jeselsohn aber auch. Zeitgenössische israelische Künstler haben für ihn zahlreiche Gegenstände für den jüdischen Ritus geschaffen.
Echte Ware wird rar
Egal ob Thorarollen, Bsomim-Büchsen oder Etrog-Dosen – so vielfältig, wie die jüdische Religion ist, so unterschiedlich fallen auch Kultobjekte aus, die den jüdischen Ritus im Alltag und an Festtagen möblieren. Entsprechend hat jeder Sammler seinen eigenen Zugang zu seinem Kunstschatz. Die Liebe zum Sammeln durch Elternhaus mitbekommen hat auch Felix Rom. Seine Kollektion, die grösstenteils aus silbernen Objekten des 17. und 18. Jahrhunderts besteht, hat ihren Ursprung in einer kleinen Familiensammlung. «Der Stillstand einer Sammlung bedeutet für mich gleichzeitig auch ihr Rückschritt und deswegen war es für mich wichtig, sie weiterzuführen», sagt Rom. Bedacht darauf, dass für ihn nur Objekte in Frage kommen, die mindestens 100 Jahre alt sind, will er, dass «die grosse jüdische Tradition, die sich in diesen Gegenständen darstellt, in jüdischen Häusern weitergesammelt oder zum Teil gar gebraucht wird». Roms Schwerpunkt der Sammlung macht eine beträchtliche Anzahl von Bsomim-Büchsen aus, die wohl am meisten verzierten Gegenstände in der jüdischen Religion. Sie werden für den Schabbat-Ausgang mit Kräutern gefüllt und der daraus resultierende süssliche Duft findet schliesslich seinen Gebrauch im Ritus der Hawdala. Weiter besitzt der Zürcher Anwalt neben einer grossen Kunstsammlung eine Thorarolle aus dem Familienbesitz, verschiedene Megilot Esther in Silberschatullen und etliche Etrog-Dosen. Rom legt weniger auf den Entstehungsort seiner Kultobjekte wert als vielmehr auf ihre Authentizität. «Anhand einer Gravur muss klar ersichtlich sein, wie echt ein Gegenstand ist», sagt Rom. «Ob dieser dabei aus Russland, Süddeutschland oder gar aus Persien stammt, ist für mich sekundär.» Er sieht sich aber zunehmend auch mit dem Problem konfrontiert, dass heute echte Ware rar geworden sei: «Es kursieren viele Fälschungen auf dem Judaica-Markt, und das macht es für Händler wie auch für Sammler schwer, die Perlen zu entdecken.»
Judaica zum Geburtstag
Wer wohl ebenfalls das Flair hatte, Wertvolles von der Masse zu unterscheiden, war Michael J. Floersheim. Seine bedeutende und grosse Judaica-Sammlung verdankt ihren Ursprung einem hübschen Zufall. Ein erstes Geburtstagsgeschenk seiner Frau Yonat gab ihm den Anstoss, künftig jüdische Kultobjekte zu sammeln. So entstand auch bei Michael J. Floersheim eine Kollektion von grösstenteils Bsomim-Büchsen, Chanukkiot und einer wertvollen Sammlung von Pessach-Haggadot. Die Gegenstände sind aus Osteuropa, Deutschland, Südafrika oder Italien – «sozusagen von überall her, weil es darauf ankam, was man bekommen konnte», erzählt Floersheims Witwe heute. Sie hütet die wertvollen Schätze im Andenken an ihren Mann, der in den siebziger Jahren und auch noch später einer der grössten Judaica-Sammler war. «Nach seinem Tod vor 17 Jahren entstand viel Druck von aussen, die Sammlung zu verkaufen», sagt sie. Aber sie belässt alles in seiner Vollständigkeit und hofft auf ihren Sohn, der zwar bereits Interesse an der Sammlung des Vaters zeige, aber noch zu sehr beschäftigt sei, sie weiterzuführen. Nicht minder stolz ist sie aber, wenn sie eine Bsomim-Büchse des 14. Jahrhunderts aus der Vitrine hebt. «Ursprünglich stammt diese aus dem süddeutschen Raum und muss eine der ältesten Bsomim-Büchsen sein, die es heute noch gibt», beschreibt Floersheim den grossen Gegenstand aus Holz.
Ein sehr schönes Manuskript ihrer Sammlung ist der De Bry Psalter, heute Floersheim Psalter genannt. Diese hebräische Handschrift wurde in Spanien oder Portugal gegen Ende des
15. Jahrhunderts geschrieben und auf jeder Seite reichlich verziert und illustriert. Das kleine Psalmenbuch kaufte Michael J. Fleursheim wie die meisten Objekte vor Jahren an einer Auktion. «Andernfalls kamen die Händler mit zu meinem Mann, weil sie wussten, dass er ein grosser Sammler war, und boten ihm wertvolle Sachen an», sagt Floersheim.
Die Liebe zu Judaica wurde bei Michael J. Floersheim schon früh geweckt. Als er nach dem Krieg zu seiner Familie in Holland kam, besass ein Verwandter, Salo Fleursheim, eine beträchtliche Sammlung an jüdischen Kultobjekten. Dass dieser frühe Kontakt zu Judaica ihren Mann in jungen Jahren bereits geprägt haben soll, dessen ist sich Yonat Floersheim heute sicher.
Nicole Dreyfus ist Journalistin und lebt in Zürich.


