Geschichte in den Händen halten
Von Yves Kugelmann
Es gibt Mäzene, Philanthropen, Sammler – und es gibt René Braginsky, der alles zusammen oder gar nichts davon ist. Denn er will in keine der Schubladen so richtig reinpassen. Braginsky ist vor allem Förderer und kreativer Ermöglicher, Individualist mit Sinn fürs Gemeinwohl, Gefühlsmensch mit analytischem Einordnungsvermögen, nonkonformer Entrepreneur mit Sinn für Überraschungen. Und überdies ganz Familienmensch. Zu seinem bevorstehenden 60. Geburtstag macht er sich und der Öffentlichkeit das grösste Geschenk gleich selbst: Die erste Ausstellung der Braginsky-Sammlung, die weltweit zu den bedeutendsten ihrer Art gehört. Ein Freund habe ihn vor Jahrzehnten zum Sammeln motiviert, erzählt er im Gespräch mit dem aufbau.
Vertiefte Einblicke hat er auf der Suche nach einer Birkat Hamason zur Bar Mitzwa seines Sohnes David im Jahre 1992 erhalten. Als er keine geeignete Ausgabe fand, liess er kurzerhand einen Nachdruck eines alten Manuskripts anfertigen und tauchte danach in die Welt der alten jüdischen Schriften, Haggadot, Megilot Esther und Ketubot (Hochzeitsurkunden) ein, die ihn immer mehr faszinieren sollte.
Jüdischer Kosmos
«Es war und ist schon ein spezielles Gefühl, Schriftwerke aus der Vergangenheit, aus dem 14. oder 15. Jahrhundert, in der Hand zu halten, die über so viele Generationen überlebt haben», sagt Braginsky heute. Und mit bodenständiger Bescheidenheit und trotzdem etwas Stolz in den Augen sagt er: «Wenn ich in diesen Tagen durch die Räume mit all den Büchern schreite, bin ich schon ein wenig überwältigt von dieser Welt der Schriften und Bücher, die sich hier angesammelt hat. Jedes einzelne mit einer unglaublichen Geschichte, jedes einzelne Stück, das durch so viele Hände und letztlich bewegte Geschichte ging.» Ausschlaggebend für die Sammlung war vorab René Braginskys Bauchgefühl, das ihn schon im Wirtschaftsleben weit nach vorne gebracht und vor einigen Fehlinvestitionen bewahrt hat. Eine Strategie oder Vision für die Sammlung hatte er zu Beginn nicht. Er kaufte, was ihm gefiel und für ihn persönlich einen Wert ausstrahlte. «Ein besessener Sammler war ich nicht, und trotzdem wurde mit der Zeit eine Sammlung von Büchern und Kunstgegenständen daraus.» Zusammen mit Menahem Schmelzer (vgl. Seite 16) begann er die Sammlung zu katalogisieren, und er liess sich auch von ihm bei der Erweiterung weitgehend führen. René Braginsky sammelte über viele Jahre einen Schatz an, den er erst in den letzten Monaten, bei der Arbeit für die bevorstehende Amsterdamer Ausstellung, so richtig zu entdecken wusste. Ein Kosmos an kunstvollen Handschriften, Zeichnungen, wertvollen und selten gesehenen Dokumenten der Zeitgeschichte. Stücke, die Jahrhunderte jüdischer Schrift- und Zeichenkunst, jüdischen Lebens und Vermengung mit dem aufzeigt, was Jüdinnen und Juden in Wien, Venedig, Prag, Berlin, Amsterdam und vielen anderen Orten umgab. Da finden sich Prunkstücke wie etwa die Haggada von Charlotte von Rothschild – jede Seite ein faszinierendes Kunstwerk für sich. Da ist etwa auch die Prager Haggada, die den Betrachter mit jüdischer Geschichte intensiv konfrontiert. Da finden sich Kaligrafien, Illustrationen, Illuminationen, Endogramme, Stukkaturen, Einbände, Detailzeichnungen, Dichtungen, eine umfassend dargelegte jüdische Kunstgeschichte, die auch immer wieder beeindruckende Auseinandersetzungen mit dem Bildverbot liefert.
Für Familie und Gemeinschaft
Mit unverbrauchter, schon fast kindlicher Freude und Neugierde ist Braginsky – gemeinsam mit einem Expertenteam – bei der Arbeit an einem umfassenden Katalog zur Ausstellung in eine Welt abseits von Zahlen und Hochfinanz eingetaucht. «Das hat mich alles zu faszinieren begonnen, und ich war erstaunt, was wir alles an Werten und exklusiven Stücken gekauft haben. Zudem bin ich aber in meinem Leben an einen Punkt gelangt, an dem ich mich an dieser Sammlung auch selbst erfreuen und sie unserem Sohn David einmal richtig präsentieren möchte, umso mehr, als ich die kostbaren Stücke ja nicht zuhause aufbewahren kann, sondern sie in einem auswärtigen Safe wegschliessen lassen muss.» Da spricht wieder der Mäzen, der mit seiner Gattin Susanne Braginsky-Roth abseits der öffentlichen Wahrnehmung zu einem der gewichtigsten Förderer der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz wurde. Ein Schulhaus für die jüdische Schule Noam, die Förderung des Archivs für jüdische Zeitgeschichte der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich oder der Freundeskreis des Weizmann-Instituts in Rehovot sind nur einige wenige seiner karitativen Aktivitäten, von denen auch die Öffentlichkeit wenig Kenntnis hat. Mit ihrer Familienstiftung unterstützen die Braginskys jährlich viele Projekte im In- und Ausland, im jüdischen und nicht jüdischen Bereich der Erziehungs-, Kultur- und Wohltätigkeitsförderung. Und vielleicht hat die Zuwendung zur jüdischen Schrift auch Susanne und René Braginskys Weg zum Verlegertum geebnet, als sie Ende der neunziger Jahre die Herausgabe der «Jüdischen Rundschau» förderten, später Verleger der Magazine tachles, revue juive und heute des Monatsmagazins aufbau wurden.
Emotionaler Zugang zu Büchern
René Braginsky geht es mit all seinen Engagements stets ums Fördern und Ermöglichen und nicht darum, Einfluss zu nehmen. Was ihn auszeichnet, ist nicht die materielle Hilfe allein, sondern die Grosszügigkeit, jene Projekte und die dafür Verantwortlichen, die er unterstützt, in Freiheit Dinge entfalten und umsetzen zu lassen. Er, der freiheitsliebende und unabhängige Mäzen, lässt jenen, die er fördert, genauso die Freiheit und Unabhängigkeit – keine Selbstverständlichkeit in Zeiten, in denen Geld zum Mass aller Dinge geworden ist und den Geist führt. Und in diesem Sinne sieht er sich auch als Besitzer vieler zeithistorisch wichtiger Schriften lediglich als Teil der Geschichte auf dem Weg dieser Schriften: «Bis jetzt habe ich noch nie auch nur ein einziges Stück verkauft, wobei es bei Gelegenheit vorkommen könnte, dass ich bei Duplikaten das weniger schöne der Exemplare verkaufen würde. Vorerst freue ich mich einfach für die Familie und mich selbst, dass wir eine solche Sammlung zusammenstellen und in jüngster Zeit auch aufarbeiten und in einem tollen Katalog festhalten konnten.» Und dies zeigt sich auch, wenn er auf seine bedeutende Kunstsammlung impressionistischer Gemälde angesprochen und gefragt wird, ob die Gefühle für beide Sammelobjekte die gleichen seien. «Der emotionale Zugang zu den Büchern mit der mit ihnen verbundenen Historie ist wohl stärker. Mit Gemälden lebe ich, im Gegensatz zu den Büchern, im Alltag.»
Der Verantwortung für diese unersetzlichen Werte ist sich Bragnisky bewusst: «Diese Verantwortung war auch schon bei der Zusammenstellung der Ausstellungsstücke zu spüren. Abgesehen davon ist auch – ganz profan – die Wertsteigerung dieser Schriften beachtlich; die Preise haben über die letzten 20, 30 Jahre deutlich zugelegt. Es wäre heute schwierig, nochmals eine solche Sammlung aufzubauen.» Bei solch wesentlichen historischen Werken stellt sich immer rasch auch die Frage, ob die Öffentlichkeit ein Anrecht auf solche Stücke in privatem Besitz habe. «Nein, eine solche Sammlung ist eine private Angelegenheit, jedenfalls solange solche Stücke öffentlich zum Verkauf und teilweise auch den Museen angeboten werden. Natürlich fehlt den Museen oft das Geld, und ich war in dieser Hinsicht auch schon behilflich, die Finanzierung aufzutreiben, wenn ein Haus ein Stück absolut haben wollte. Mir ist wichtig, dass die Sammlung auch über unsere Zeit hinaus als solche bestehen kann und dass gewisse Stücke in jüdischer Hand bleiben. Aber es ist klar, dass wenn man die Möglichkeit hatte, eine solche Sammlung anzulegen, man auch der Welt etwas davon zurückgeben möchte.»
Aufarbeitung für die Wissenschaft
Dass die Ausstellung zuerst nach Amsterdam geht, ist kein Zufall. «Das Rosenthalianum hat die grösste Judaica-Sammlung und verfügt über ausgewiesene Fachleute, die auch mit den Experten, mit denen ich bis jetzt zusammengearbeitet habe, gut vernetzt sind», so Braginsky. Danach soll die Sammlung in New York, Jerusalem und vielleicht Zürich gezeigt werden. Wichtig war für Braginsky, dass die Bücher zuerst in Europa gezeigt werden, wo sie entstanden sind. Braginsky selbst ist in Basel aufgewachsen, in jener Stadt also, die mit ihren bedeutenden Talmud-Drucken selbst zu einem Zentrum jüdischer Buch- und Druckkunst des späten Mittelalters avancierte. Bald führte ihn sein Weg nach Zürich, wo er als Banker und später Investor auch innerhalb der Wirtschaftsszene Eigenständigkeit bewahren und sich nicht deren Herdentrieb unterwerfen wollte. Dieser Sinn für unabhängige Sicht- und Handlungsweise ist wohl mit ein Grund, weshalb er alle turbulenten Wirtschaftsjahre schadlos überdauerte, während viele seiner Weggefährten scheiterten. Braginsky ist eben kein Anpasser, sondern ein eigenständiger Denker, der sich auch stets mit den richtigen Experten zu umgeben wusste. Dies gilt auch für die Ausstellung in Amsterdam, für die er mit den weltweit renommiertesten Wissenschaftlern auf dem Gebiet der Judaica zusammenarbeitet.
In Amsterdam werden 104 Exponate ausgestellt. Zürich ist insgesamt etwa mit den Familiensammlungen Braginsky, Jeselsohn, Flörsheim und Rom zu einem der weltweiten Zentren von Judaica avanciert. Da liegt die Frage nahe, ob nicht ein Museum geplant werden sollte. «Das ist sicherlich eine Möglichkeit. Im Moment konzentriere ich mich aber darauf, die ganze Sache so aufzuarbeiten, dass wir gewisse Manuskripte auch der Wissenschaft zur Verfügung stellen und vielleicht später einen zweiten Teil öffentlich zeigen können.»
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.


