«Es ist eine Rettungsaktion»
Von Katja Behling
«Let your bookshelves be your gardens» – Lasst eure Bücherregale eure Gärten sein – war auf einer Wand der Galerie zu lesen. Dort, wo noch Platz war: Tausende von Besuchern drängten sich im Februar dieses Jahres über Tage in den Gängen der New Yorker Galerie. Sie waren gekommen, um den Kulturschatz zu bestaunen, den die amerikanische Niederlassung des Auktionhauses Sotheby’s erstmals in Gänze der Öffentlichkeit zugänglich machte. Eine begehbare Schatztruhe, über 2000 Quadratmeter mit deckenhohen Regalwänden: die Valmadonna Trust Library.
Die Valmadonna Trust Library ist die weltweit exklusivste private Sammlung von hebräischen Büchern und Manuskripten. Als Gesamtwerk zeugt sie von der profunden Beziehung des Judentums zum Schrifttum. Von ihrem Gründer Jack V. Lunzer über viele Jahrzehnte zusammengetragen, besteht die Sammlung aus rund 13 000 seltenen Büchern und Schriften – die ältesten stammen aus den Frühtagen hebräischen Buchdrucks. Die Präsentation in New York war gegliedert nach Städten, darunter Amsterdam, Paris, Leiden, Izmir, Bombay, Cremona, Jerusalem, Ferrara, Kalkutta, Mantua, Shanghai, Alexandria, Bagdad. Da die Schriftensammlung sowohl Antiquarisches aus Europa, Asien und Afrika umfasst als auch Dokumente aus anderen von Juden besiedelten Teilen der Welt, ist Lunzers Kollektion auch ein eindrucksvoller Beleg der globalen Verbreitung der Juden und ihrer Kultur.
Raritäten jüdischen Schrifttums
Ihren Namen erhielt die Sammlung in Anlehnung an das italienische Valmadonna, ein Dorf im Piemont, dem die Familie verbunden ist. Lunzers Frau stammte aus Mailand, sodass das Ehepaar häufig nach Italien reiste. Dort stiess Lunzer auf erste antiquarische Bücher. Er wurde fündig, entdeckte Raritäten aus Pisa, Livorno, Triest, Rom, Venedig oder Neapel. Diese papiernen Kostbarkeiten und Schlüssel zu einer untergegangenen Welt übten, so Lunzer, einen «magischen» Reiz auf ihn aus. Und wurden zum Grundstock seiner Kollektion. Der Buchdruck ist eine Erfindung des Deutschen Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert. Da Juden seinerzeit die Druckergilde nicht offenstand, entwickelte sich der jüdische Buchdruck vor allem jenseits der deutschen Grenzen. Italien, speziell Venedig, galt im 15. bis zum späten
16. Jahrhundert als das wichtigste Zentrum des europäischen Buchdrucks. Dort wurden die ersten hebräischen Bücher gedruckt. Ende des
15. Jahrhunderts entstand in der Region Kalabrien der mit hebräischen Lettern gesetzte Kommentar Raschis, eines der bedeutendsten Rabbiners des Mittelalters, zum Pentateuch, den fünf Büchern Moses. Bekannt sind noch etwa 140 Inkunabeln aus rund 40 Druckpressen in Italien.
Jack V. Lunzer, 1924 im belgischen Antwerpen geboren, machte sein Vermögen mit Diamanten und fungierte als Präsident der Industrial Diamond Company in London. Doch die wahren Juwelen des Diamantenhändlers sind seine Bücher: Zu den Schätzen der Sammlung gehören neben den Raritäten aus den Anfängen des hebräischen Buchdrucks auch eines von elf Originalexemplaren des Kommunistischen Manifests von 1848, eine Ausgabe der Märchen aus «Tausendundeiner Nacht» aus dem 19. Jahrhundert sowie eine auf das Jahr 1189 datierte handgeschriebene Bibel aus England – das einzige erhaltene Exemplar aus der Zeit vor der Vertreibung der Juden im Jahre 1290. Das historisch-museale Glanzstück der Valmadonna-Kollektion aber ist die besterhaltene Kopie des über Jahrhunderte wiederholt aufgelegten Babylonischen Talmuds, gedruckt in der Zeit von 1519 bis 1523 in Venedig. Produziert wurde diese kommentierte Talmud-Serie von dem berühmten Drucker Daniel Bomberg, zu dessen Innovationen etwa die Nummerierung der Folianten gehörte. Lunzer entdeckte dieses «Juwel», verstaubt und vergessen, in der Sammlung der Westminster Abbey und bekam es nach zähem Bemühen für seine Sammlung – im Tausch gegen eine von ihm auf einer Auktion erworbene 900 Jahre alte Schrift über die Westminster Abbey.
Die Vergangenheit bewahren
Judaica aus der Zeit vom 15. bis zum frühen 19. Jahrhundert werden auf dem weltweiten Markt sehr hoch gehandelt. Den Preis von 1 017 750 Dollar etwa erzielte die erste Nürnberger Haggada. Eine Rekordsumme soll kürzlich erst desgleichen für eine historische Esther-Rolle – das biblische Buch Esther ist auf eine Rolle (Megilla) geschrieben und wird zu Purim gelesen – gezahlt worden sein. Doch der Sammler Jack Lunzer versteht sich mehr noch als Bewahrer einer unwiederbringlichen Kultur denn als Besitzer von Kostbarkeiten. «Es ist die Geschichte unseres Volkes», sagte Lunzer zu Jahresbeginn in einem Video-Interview aus Anlass der Sotheby’s-Präsentation in New York. «Eine Reise in die unbekannte Vergangenheit.» Ihm gehe es um Verantwortung, darum, Unersetzliches zu erhalten. «Es ist teils eine Rettungsaktion», erklärte der Bibliophile seine Motivation. Nun, im Alter von 85 Jahren, möchte Jack Lunzer seine Schätze in andere Hände geben. Der potenzielle Käufer der auf einen Wert von mindestens 40 Millionen Dollar geschätzten Preziosen hat die seltene Gelegenheit, über Sotheby‘s eine Sammlung von Weltrang zu erwerben. Dem Sammler wiederum liegt daran, einen Interessenten zu finden, der erstens die Valmadonna-Kollektion zusammenhält und zweitens in der Lage ist, einen solchen Schatz angemessen wissenschaftlich zu erschliessen. Weltweit erfüllt nur eine Handvoll Institutionen diese Voraussetzungen. Die Library of Congress in Washington gehört dazu, und es heisst, die amerikanische Bibliothek sei Lunzers Wunschkandidat. Als passionierter Sammler lebt Jack Lunzer seit Jahrzehnten mit seinen und für seine Bücher. «Make books your companions», wird der jüdische Gelehrte und Übersetzer Jehuda Ibn Tibbon zitiert. Und auch dieses Zitat fand sich im Februar auf einer der Wände in der Galerie Sotheby‘s. Mache Bücher zu deinen Freunden – der Sammler Jack Lunzer hat diese Forderung auf ungewöhnliche Weise und wie kein Zweiter umgesetzt.
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.


