Schutzpatronin moderner Künstler
Schon vier Jahre nach ihrem Tod erschien 1958 in Deutschland die erste gedruckte Erinnerung an die nach England geflohene Kunsthistorikerin Rosa Schapire. «Maler der Brücke. Farbige Kartengrüsse an Rosa Schapire» lautete der Titel des von Gerd Wietek herausgegebenen Insel-Buches. Und schon in dieser Veröffentlichung würdigte der langjährige Direktor des Altonaer Museums Rosa Schapire als ungewöhnliche Frau und berichtete «von ihrem hingebungsvollen, rastlosen Wirken für die lebendige Kunst ihrer Zeit». Auf 19 Tafeln präsentierte dieser liebevoll gestaltete Band Kartengrüsse von Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff, allesamt Vertreter des Expressionismus, Mitglieder der 1905 gegründeten Künstlergruppe Brücke.
Gewiss waren diese Künstlerpostkarten ein Medium der Verständigung, durch ihre Farbigkeit sowie durch die Konzentration von Farbe und Form aber stellen sie Kunstwerke im kleinen Format dar. Für die Adressatin der Karten, jenes unverheiratete «Fräulein Dr. R. Schapire Hamburg Osterbeckstr. 43», standen sie in enger Verbindung zum übrigen Werk des jeweiligen Künstlers, was von Schmidt-Rottluff nachdrücklich bestätigt wurde: «Da wir alle nicht gerade eifrige Briefeschreiber waren, dienten die Karten als kurze Mitteilungen über unsere Arbeit, besonders legte Rosa Schapire grossen Wert darauf, die Arbeit zu verfolgen, und so sind die meisten Karten Skizzen von Bildern oder Beobachtungen.»
«Werberin für junge Kunst»
1874 in Brody (Galizien) geboren, war sie seit 1905 in Hamburg ansässig. Bis zu ihrer Emigration verbrachte sie in der Hansestadt die produktivste Zeit ihres Lebens. Ihren Lebensunterhalt verdiente Schapire als Autorin, Übersetzerin sowie als Vermittlerin und Sammlerin von Kunst. Diese Tätigkeit erfuhr schon durch Zeitgenossen die verdiente Anerkennung; der Hamburger Jurist, Kunstsammler und -förderer Gustav Schiefler bezeichnete sie als «Schutzpatronin der modernen Künstler überhaupt». 1916 hatte sie (gemeinsam mit Ida Dehmel) den Frauenbund zur Förderung deutscher bildender Kunst gegründet. Bezogen auf die ein Jahr später in der Hamburger Kunsthalle eröffnete Ausstellung modernster Malerei schrieb Schiefler anerkennend: «Im Namen dieses Bundes veranstaltete Fräulein Dr. Schapire im Herbst 1917 in der Kunsthalle eine Schau des nachimpressionistischen hamburgischen Privatbesitzes, welche die überraschende Tatsache zur Kenntnis brachte, dass Hamburg ganz ausserordentlich reich an Werken der neuesten Kunst geworden war.»
Schapire war passives Mitglied der Künstlergruppe Brücke, wurde Mitglied der Hamburgischen Sezession, hielt Vorträge, leitete Volkshochschulkurse, führte durch Kunstausstellungen, gab zwischen 1919 und 1923 die Monatszeitschriften «Die rote Erde» und «Kündung» heraus. Daneben stand eine umfassende Publikations- und Rezensionstätigkeit, aus der das 1923 erschienene Werkverzeichnis zum grafischen Werk von Karl Schmidt-Rottluff hervorsticht. Aktivitäten, die den Schriftsteller und Journalisten Hans W. Fischer veranlassten, Schapire als «eine unermüdliche Werberin für junge Kunst» zu charakterisieren.
Der Expressionismus war ihre Passion. Und so wartet die Ausstellung, die erstmals das Wirken Rosa Schapires einer interessierten Öffentlichkeit präsentieren will, mit mehr als 170 Exponaten auf; Gemälden, Holzschnitten, Künstlerpostkarten, Skulpturen aus Schapires einstiger Sammlung, die nach ihrem Tod an amerikanische, britische, israelische, niederländische, österreichische und deutsche Museen verteilt worden war. Doch so beeindruckend die von Leonie Beiersdorf kuratierte Schau ist, so froh man über diese längst überfällige Würdigung Schapires im öffentlichen Raum sein darf, so blass, so fast unsichtbar bleibt die eigentliche Hauptperson der Ausstellung. Zwar findet sich fast in jedem Ausstellungsraum ein Bildnis von Rosa Schapire, als Tuschfeder-Zeichnung, als Kaltnadelradierung, als Holzschnitt, Aquarell oder als Ölgemälde. Bildnisse, geprägt von famoser Reduktion, eindringlicher Akzentsetzung oder leuchtender Farbigkeit. Doch die Person selbst, eingebunden in die für sie seit 1933 widrigen Zeitläufe, tritt zurück.
Zeitgeschichte an dritter Stelle
Mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten war die «galizische Jüdin» (Schiefler) ausgegrenzt, in allen ihren kreativen Möglichkeiten eingeschränkt. Veröffentlichungen waren nur noch unter Pseudonym möglich. Vorträge konnten nur noch in ihrem privaten Salon vor engsten Freunden oder im Jüdischen Kulturbund gehalten werden. Als die Kulturlosigkeit der Nationalsozialisten in der 1937 in München erstmals gezeigten Ausstellung «Entartete Kunst» gipfelte, wurde Schapire dort als «Kritikerin der Systemzeit» angeprangert. Ein von Karl Schmidt-Rotluff angefertigter Holzschnitt, ein Bildnis Rosa Schapires, hing in dieser Ausstellung, die in zwölf weiteren deutschen Städten gezeigt wurde. Als die Ausstellung 1938 in einem Gebäude der Hamburger Schulverwaltung gezeigt wurde, interessierten sich 136 000 Menschen dafür. In der Schapire-Ausstellung zeigt ein überdimensionales Foto die auf Einlass wartenden Hamburger. Durch dieses Foto muss der heutige Besucher gehen, um in einen von bläulichem Kaltlicht bestimmten Raum zu gelangen, der Schapires Auswanderung nach England sowie ihre langwierigen Bemühungen um «Wiedergutmachung» der ihr zugefügten Schäden dokumentiert. In diesem durchaus eindringlich bürokratische Kälte symbolisierenden Raum begegnet man Schapire nur noch bedingt als einer selbstbestimmt Handelnden. Zwar gelang es ihr auf bislang nicht geklärte Weise, Teile ihrer Sammlung nach England zu retten, doch verdeutlichen die ausgestellten Dokumente die Phasen fiskalischer Verfolgung. Aus Rosa war nunmehr Rosa «Sara» Schapire geworden; der Zwangsname war nur einer der Zwänge, denen sie schon längst unterlag.In letzter Minute gelang ihr die Flucht. In einem Brief von 1948 schrieb sie an eine Freundin: «Ich bin am 18. August 1939 in London angekommen, genau zwei Wochen später begann der Krieg. Ich kam mit einem Transitvisum her und der Absicht, sobald ich die Einreiseerlaubnis erhalte, nach Amerika zu gehen (…) Die Nazis hatten mich so ausgeraubt, dass ich mit genau zehn Mark hier angekommen bin, mehr durften wir ja gar nicht aus Deutschland herausnehmen. Das einzige, was ich von meinem ganzen Besitz hergerettet habe, ist meine grosse Schmidt-Rottluff-Sammlung (…) Meine Möbel, meine ganze Bibliothek und alles übrige war im Lift bei meinem Spediteur in Hamburg geblieben und wurde bereits im ersten Kriegswinter beschlagnahmt und versteigert, ebenso die als Lagergeld in Hamburg für Transport nach New York hinterlegten tausend Mark.» Die jetzt in Hamburg gezeigte Ausstellung verbleibt gerade bezüglich der Drangsalierung, der Ausraubung Rosa Schapires bei allzu vornehmer hanseatischer Zurückhaltung. Sie überlässt es dem geneigten Besucher, die trockenen, in ihren Auswirkungen demütigenden amtlichen Dokumente selbst zu verstehen und zu interpretieren. Es ist eben ein Museum für Kunst und auch Gewerbe, in dem Zeitgeschichte wohl erst an dritter Stelle kommt. Dass Schapires Exil kein Zuckerschlecken war, sie bis zu ihrem Tod in bescheidenen, ja ärmlichen Verhältnissen leben musste, die von ihr beantragte «Wiedergutmachung» erst posthum bewilligt wurde, dies alles muss sich der Betrachter selbst erschliessen, wo entschiedene Pointierung am Platz gewesen wäre.Schapire, die sich im englischen Exil auch weiterhin unermüdlich für moderne deutsche Kunst einsetzte, noch im September 1953 in der Leicester Museum and Art Gallery eine Ausstellung zu Schmidt-Rottluff organisierte und den Eröffnungsvortrag hielt, kehrte nicht mehr nach Deutschland, nach Hamburg, zurück. Sie starb am 1. Februar 1954 auf der Freitreppe der Londoner Tate Gallery, jenem Museum, dem sie noch zu Lebzeiten das 1919 von Schmidt-Rottluff geschaffene Gemälde «Bildnis Dr. Rosa Schapire» zugesagt hatte.
«Rosa. Eigenartig grün. Rosa Schapire und die Expressionisten». Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, bis 15. November; danach vom 6. Dezember bis 21. Februar 2010 in den Kunstsammlungen Chemnitz.
Als Gemeinschaftswerk deutscher wie englischer Kunsthistoriker erschien zur Ausstellung ein reich illustrierter Katalog: Sabine Schulze, Leonie Beiersdorf (Hg.): Rosa. Eigenartig grün. Rosa Schapire und die Expressionisten, Ostfildern 2009.


