logo
9. Oktober 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 41 Ausgabe: Nr. 41 » October 8, 2009

Nach dem Video

October 8, 2009
Editorial von Jacques Ungar

Versäumnis. Nach dem Videoclip mit Gilad Shalit als Hauptfigur und der Hamas als Regisseur im Hintergrund muss die Regierung Binyamin Netanyahu sich daran machen, die Scherben aufzuräumen, welche heute dank der israelischen Politik den Arabern und Palästinensern gegenüber in allen Bereichen des jüdischen Staates herumliegen und Freund wie Feind gefährden. Seit 1948 haben israelische Regierungen es reihenweise versäumt oder bewusst unterlassen, die Araber des Landes – heute über ein Fünftel der Gesamtbevölkerung – gesellschaftlich, wirtschaftlich, kulturell und politisch als Teil der Trägerschaft des Staates zu integrieren, mit gleichen Rechten und Pflichten wie die Juden. Was damals noch machbar erschien – die Schaffung einer Gemeinschaft zwischen jüdischen und arabischen Israeli – ist heute unmöglich. Auch jene Israel-Araber, die von ihrer religiösen Einstellung und politischen Weltanschauung her wenig oder nichts am Hut haben mit den fundamentalistisch-islamischen Brüdern auf beiden Seiten der «grünen Linie», werden sich, wenn ihnen ihr Leben lieb ist, hüten, aufzumucken. Mit der Forderung nach einer Verdrängung der Islamischen Bewegung in die Illegalität und der Verhaftung von Scheich Raëd Salah, Leiter der nördlichen Filiale der 
Bewegung, werden Vizepremier Silvan Shalom und andere Minister nach den tagelangen, von Salah angeheizten Unruhen in Jerusalem im Volk zwar viel Verständnis erwecken. Täuschen wir uns aber nicht: Solche Forderungen bekämpfen höchstens die Symptome, nicht aber die Ursachen. Auf einen verhafteten Salah folgen im Nu fünf noch fanatischere Nachfolger. Ein Salah, notabene israelischer Bürger, hinter Gittern lässt sich genauso wenig zum Schweigen bringen wie der lebenslängliche Häftling und Tanzim-Chef Marwan Barghouti. Aufrufe wie jene von Minister Shalom schiessen ebenso am Ziel vorbei wie der Appell des rechtsnationalen Knessetabgeordneten Arieh Eldad, die Bewegung «Frieden jetzt» wegen Landesverrats vor Gericht zu stellen. Dessen ungeachtet darf Israel Salahs ständige Aufrufe an Araber und Palästinenser, zur «Rettung Jerusalems» in die Hauptstadt zu eilen, nicht tatenlos hinnehmen.



Judaisierung. Wie verfahren die Situation ist, zeigt der Appell von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas an die arabische Welt, die Bestrebungen der Muslime und Araber gegen israelische «Judaisierungsversuche» Jerusalems wirkungsvoller zu unterstützen. Zusammen mit den vor allem von al-Jazirah millionenfach verbreiteten Hetztiraden des Predigers Yusuf al-Qaradawi – er hat den heutigen Freitag zum «Tag des Zorns» und zum «Al-Aqsa-Tag» deklariert – manifestiert sich hier eine immer gefährlichere Verwischung der Grenzen zwischen rationalem und emotionalem Denken. Und die Welt schweigt im besten Falle. Nach dem Videoclip mit Gilad Shalit weiss jeder Israeli, dass der Preis, der für den IDF-Korporal zu zahlen sein wird, praktisch derjenige sein wird, den die Hamas schon seit drei Jahren fordert. Dieser Umstand ist ein Affront Shalit, seiner Familie und den zahllosen Rekruten gegenüber, die heute fürchten müssen, dass der Staat, der sie an die Front schickt, sie möglicherweise nicht «um jeden Preis» von dort zurückholen wird.

Eine dritte Intifada? Überlagert wird die Furcht der Wehrmänner von der Angst vor einer dritten, von fanatisierten Imamen entfachten Intifada, deren Ausbruch heute nicht mehr so unwahrscheinlich erscheint wie auch schon. Israelische Politiker müssen beweisen, dass ihre Denk- und Handlungsweise über ihre eigenen Nasenspitzen und die persönlichen Ambitionen hinausgeht.



» zurück zur Auswahl