Die Machenschaften von Scheich Raëd Salah
Vielen Israeli und Juden läuft heute noch ein kalter Schauer den Rücken hinab, wenn sie den Satz «Der Tempelberg ist in unseren Händen» hören, womöglich noch in einer Original-Audioversion. Dabei sind bereits 42 Jahre verstrichen, seit der damalige Generalstabschef Motta Gur ihn während des Sechstagekriegs formuliert hatte, nachdem israelische Truppen auf dem heute so umstrittenen Berg in Jerusalem eingetroffen waren.
Aufgeheizte Stimmung
Darüber, inwieweit der Tempelberg effektiv in israelischen Händen ist, gingen in den letzten Tagen die Meinungen weit auseinander. Nicht etwa, weil Philosophen diverser Religionsbekenntnisse sich am runden Tisch heftig, aber gesittet den Mund wund geredet hätten. Vielmehr war es einer einzigen, notorisch bekannten Person gelungen, die Stimmung ausgerechnet an Sukkot, dem Laubhüttenfest, wenn sich traditionsgemäss täglich Zehntausende gläubiger Juden vor der Jerusalemer Westmauer zum Priestersegen einfinden, bis zum Siedepunkt anzuheizen. Der für seine regelmässige antiisraelische und antijüdische Hetze bekannte Scheich Raëd Salah, Führer der Nordsektion der Islamischen Bewegung, hat die Araber dies- und jenseits der «grünen Linie» aufgerufen, unverzüglich auf den Tempelberg zu kommen, um die Al-Aqsa-Moschee vor «extremistischen Siedlern» zu retten. Damit sorgte der Scheich dafür, dass die ohnehin schon unstabile Atmosphäre zwischen Juden und Muslimen – das Ganze ist längst keine sachlich-politische Auseinandersetzung mehr, sondern eine emotional-religiöse – einen nur noch schwer zu kontrollierenden Hitzewert erklomm.
Nachdem Salah am Dienstagabend dazu aufgefordert hatte, Jerusalem «in Brand zu setzen», verhaftete ihn die Polizei zwar kurzfristig wegen Aufhetzung, liess ihn aber nach wenigen Stunden wieder frei. Es darf zu bezweifelt werden, dass der Gerichtsbeschluss, Salah 30 Tage den Zutritt nach Jerusalem zu verwehren, ausreicht, um die Lage nachhaltig zu beruhigen.
Radikale Hasstiraden
Beobachter fürchten vielmehr, die Saat, die der rabiate Geistliche gelegt hat, werde demnächst aufgehen. Wer mit der Persönlichkeit des Scheichs und seiner Beweggründe nicht sehr vertraut ist, dem sei in Erinnerung gerufen, dass Salah jedes Jahr in Umm el-Fahm eine von Zehntausenden von Menschen besuchte islamische Kundgebung veranstaltet, an der zur Rettung von Jerusalem und der Al-Aqsa-Moschee aufgerufen wird. Halten wir uns die jüngsten Zitate Salahs vor Augen, bereitet es Schwierigkeiten, überzeugende Gründe dafür zu finden, dass Salah noch auf freiem Fuss und im Genuss aller Rechte eines israelischen Bürgers ist. «Wenn wir den Zionismus nicht beseitigen», sagte der Scheich am Dienstag in Jerusalem, kurz bevor er die Stadt verlassen musste, «wird es keinen Frieden geben. Wir werden nicht zögern, jeden Preis zu zahlen, um die Al-Aqsa-Moschee zu retten.» Aber auch aufs politische Parkett wagt sich Salah mit seinen Slogans, wobei seine Argumente von seinen fanatisierten Anhängern mit blindem Kadavergehorsam verinnerlicht werden. So warf Salah unlängst «diesem verrückten Netanyahu» vor, den ganzen Nahen Osten in Brand setzen zu wollen. Ein Vorwurf, den er besser an seine eigene Adresse richten sollte. Die Muslime würden, so meinte Salah in einer Predigt, ihre Ehre erst dann wieder zurückerhalten, wenn Israel aus Jerusalem abziehe. Nicht mehr und nicht weniger.
Extremisten verurteilen
Angesichts der antizionistischen und antiisraelischen Hetztiraden des Raëd Salah wundert es nicht, dass sich Anhänger der chassidischen, virulent antizionistischen Neturei-Karta-Sekte in Jerusalem mit dem Scheich ablichten liessen. Die in ihre Feiertagskaftane gekleideten Männer trugen dabei Plakate mit sich, auf denen unter anderem zu lesen war: «Stoppt die kriminell-grausame zionistische Unterdrückung unserer palästinensischen Brüder.» Die Argumente der Neturei Karta, die sich besonders gerne in der Gesellschaft des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad fotografieren lassen, sind sattsam bekannt. Würden nicht die internationalen Medien in diesen bedauerlichen, anachronistischen Figuren eine goldene Gelegenheit erblicken, um Israel einen weiteren Schlag zu versetzen – man dürfte die Sekte ruhigen Gewissens ignorieren und totschweigen. So aber sollten sich alle geistigen Grössen des jüdischen Volkes in aller Welt zusammentun und das Unwesen dieser Extremisten bedingungslos verurteilen.
Ein Fass Dynamit
In Erwartung eines besonders «heissen» heutigen Freitags haben die israelische Polizei, der Grenzschutz und andere Sicherheitsorgane Tausende von Truppen an den neuralgischen Punkten der israelischen Hauptstadt zusammengezogen, in der Hoffnung, es werde gelingen, die Pläne palästinensischer Rowdies und Scharfmacher im Keime zu ersticken. Diese Woche war es bisher vor allem der Aufmerksamkeit der Uniformierten und ihrem gut funktionierenden Geheimdienst zu verdanken gewesen, dass es trotz randalierender und Steine werfender Palästinenser (auf dem Tempelberg entdeckten die Polizisten zahlreiche Reservelager an Steinen) auf jüdischer Seite kaum Verletzte gab. Die Verlautbarungen auf israelischer wie auf palästinensischer Seite lassen allerdings auf eine bewusste Verhärtung der Positionen schliessen. Yitzhak Aharonovitch etwa, Minister für öffentliche Sicherheit, sprach der Polizei ein Lob für die Verhaftung Salahs aus: «Die Polizei geniesst meine volle Unterstützung. Wir werden fortfahren, dem Gesetz auf kompromisslose Weise zur Geltung zu verhelfen.» Demgegenüber warnte Hatem Abdel Kader, der ehemalige palästinensische Minister für Jerusalemfragen, vor einer dritten Intifada, die durch die anhaltende Gewalt in Jerusalem und die nicht abebbenden Spannungen rund um den Tempelberg ausgelöst werden könnte. Israels Beschlüsse seien bisher «sehr gefährlich» gewesen, und wenn der Staat in der Sache nicht einen Rückzieher mache, sei die Explosion kaum noch zu verhindern.
«Der Tempelberg ist in unseren Händen» – in diesen Slogan verbeissen sich mit zunehmender Hartnäckigkeit und abnehmender Kompromissbereitschaft beide Seiten. Wem es gelingt, dieses Fass Dynamit rechzeitig zu entschärfen, wird mit
Sicherheit ein Kandidat für den Friedensnobelpreis 2010 sein.


