Unscheinbare Tafel statt Mahnmal
UNAUFFÄLLIG Die Informationstafel zur jüdischen Geschichte in Bern hebt sich kaum von der Bundeshaus-Fassade ab.
Spanische Touristen gehen achtlos an der Informationstafel «Jüdische Präsenz im mittelalterlichen Bern» vorbei, die seit wenigen Tagen auf Kellerfensterhöhe an der Fassade des Bundeshauses Ost hängt. Warum dieser diskrete Standort? «Denkmalpflegerische Aspekte waren der Knackpunkt», erklärt Armand Baeriswyl gegenüber tachles. Der Historiker, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern den Text verfasst hat, räumt ein, dass der Standort «nicht optimal» sei. Es sei
geprüft worden, ob die Tafel auf dem Sandstein angebracht werden könne, doch hätte dies zu Konflikten mit der Denkmalpflege geführt. Immerhin sei die Tafel nun besser gegen Regen und Sonneneinstrahlung geschützt.
«Sehr enttäuscht» zeigte sich Anne-Marie Guzman, als sie an ihrem Ferienort in Israel von tachles über die Platzierung der Tafel informiert wurde. Als frühere Präsidentin der Jüdischen Gemeinde Bern hatte Guzman die Verhandlungen geführt; im Februar 2008 entschied sie sich gemeinsam mit Baeriswyl, Gustave Marchand, dem Direktor des Bundesamts für Bauten und Logistik als Hausherr, und Peter Schranz von der Abteilung für Kulturelles der Stadt Bern für den Standort (vgl. tachles 6/08). Sie sei jedoch davon ausgegangen, dass die Tafel auf Augenhöhe angebracht werde, und von einem Problem mit dem Sandstein sei nicht die Rede gewesen. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz wolle sie sich für eine bessere Sichtbarmachung der Tafel einsetzen – zum Beispiel durch einen schwarzen Untergrund auf dem weissen Kalkstein. Anne-Marie Guzman ist auch darüber irritiert, dass die Behörden eine Einweihungsfeier ablehnten: «Ich weiss nicht, wovor sie Angst haben», meint sie.
Die mit Abbildungen und Karten illustrierte Informationstafel ist in Deutsch und Ivrit gehalten; die Übersetzung stammt von Jacob Guzman. Der Text beschränkt sich auf die wenigen gesicherten Erkenntnisse über das jüdische Leben im mittelalterlichen Bern – so werden auch die Pogrome von 1293 und 1348 erwähnt. Die Tafel befindet sich am vermuteten Standort eines jüdischen Friedhofs; beim Bau des Bun deshauses waren drei Fragmente jüdischer Grabsteine gefunden worden.
Die nun installierte Informationstafel geht auf einen vom Berner Stadtparlament gutgeheissenen Vorstoss vom Januar 2004 zurück, der ein «Mahnmal gegen Antisemitismus und Rassismus» forderte. Daraus wurde zunächst der Plan für ein Kunstwerk als «Hinweis auf die Gegenwart der jüdischen Religion und Kultur in Bern». Dann wurde die Sache zum nationalen Politikum, und Bundesrat Hans-
Rudolf Merz musste vor dem Parlament Fragen der Nationalräte Christian Waber (EDU) und Josef Lang (Grüne) beantworten. Ein Gespräch zwischen Marchand und Anne-Marie Guzman führte schliesslich zum Kompromiss.


