Jubiläum und Finale
Mit dem letzten Schofarton im Betsaal der Jüdischen Gemeinde Kreuzlingen ging der Jom Kippur 2009/5770 zu Ende. Er verkündete auch das Ende des Herzstücks dieser Gemeinde , die vor genau 70 Jahren gegründet worden war. Gemeinsam gingen die letzten Mitglieder und angereisten Freunde anschliessend zum «Anbeissen» nach dem Fasttag ins Alterszentrum, wo seit Jahren die jüdischen Anlässe stattfinden. Und alle waren traurig, weil sie wussten, was geschehen würde: Am folgenden Morgen wurde das Mobiliar des Betsaals an der Hafenstrasse sorgfältig verpackt und nach Gailingen transportiert. Auch die Gebetbücher und weitere Gegenständewerden dort eine neue Heimat finden.
Zusammenhalt ohne Betsaal
«Wir haben uns trotz unserer gedrückten Stimmung damit getröstet, dass das Judentum auch ohne Tempel überlebt hat und dass wir nun versuchen müssen, den Zusammenhalt auch ohne unseren Betsaal aufrechtzuerhalten», sagt Roy Wiehn, Historiker der Universität Konstanz, der mit Rolf Hilb gemeinsam die Geschicke der Gemeinde und auch ihre letzte Abwicklung betreut. «Wir hoffen, dass Besuchergruppen in unserem alten Betsaal besinnliche Stunden feiern werden. Wir werden jedenfalls, sobald alles fertig aufgebaut ist, eine gemeinsame Erinnerungsfahrt nach Gailingen unternehmen.» Die traditionellen Sederabende sollen weiterhin in Kreuzlingen stattfinden. Und Rabbiner Tovia Ben-Chorin will auch in Zukunft alle paar Monate aus Berlin anreisen. Was bleibt, ist der gepflegte jüdische Friedhof in Kreuzlingen-Bernrain, der durch einen Vertrag mit der politischen Gemeinde für alle Zeiten abgesichert ist.
Gailingen ist eine logische Wahl für die Artefakte aus Kreuzlingen. Das fand auch Detlev Girres, Präsident des Vereins für jüdische Geschichte in Gailingen, der sich um den Aufbau des Museums im früheren jüdischen Schulhaus kümmert. «Wir freuen uns sehr, dass uns der Kreuzlinger Betsaal anvertraut wurde», sagt Girres zu tachles. «Er wird nicht eigentlich Teil des Museums sein, sondern nach notwendigen baulichen Massnahmen im nächsten Jahr im Dachgeschoss eins zu eins wieder aufgebaut, damit unsere zahlreichen jüdischen Besucher dort innehalten und beten können.»
Nicht wenige der Kreuzlinger Juden stammten aus dieser Region, aus Wangen, Höri, Randegg. Raphael Wieler-Bloch beschrieb in seinem Buch «Verstrickungen» in Fakt und Fiktion einiges dieser Geschichte. Die Strickwaren-Wielers allerdings, die das Geschick der Jüdischen Gemeinde Kreuzlingen massgeblich prägen sollten, stammten aus Chemnitz und Posen. Zu dieser Familie gehört der bekannte Regisseur Jossi Wieler; mit seinen Eltern und Geschwistern war er nach Israel ausgewandert, kehrte dann aber berufeshalber in den deutschen Sprachraum zurück.
Ein Kreis schliesst sich
Am Mittwoch holte Girres, der als Archivar in Konstanz tätig ist, bei Rolf Hilb eine der drei Kreuzlinger Thorarollen ab, die weiterhin im Thoraschrank aufbewahrt werden soll, und brachte sie ehrfurchtsvoll nach Gailingen. «Sie stammt aus Wangen am Untersee und kam nach der Zerstörung der Synagoge und dem Diebstahl der Kultgegenstände in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 auf Umwegen über Konstanz nach Kreuzlingen», erläutert Girres. «Wir konnten nicht mehr herausfinden, ob dies noch vor oder erst nach dem Zweiten Weltkrieg geschah.» Die beiden anderen Thorarollen hat Hilb mit Leihverträgen den liberalen Gemeinden in Zürich und Genf anvertraut. Rolf Hilb und seine Frau Uschi waren das letzte Paar, das im Betsaal geheiratet hatte. Seine Eltern waren als erste dort getraut worden.
«Es schliesst sich ein Kreis, wenn der Betsaal dorthin zurückkehrt, wo ein Teil der Vorfahren hergekommen ist», sagt Wien. «Es ist eine Fügung der Geschichte und für mich persönlich eine grosse Befriedigung. Es dämpft unsere Betrübnis, dass alles ein gutes Ende gefunden hat.»
Als nächster Anlass steht in Kreuzlingen im November oder Dezember eine Zeremonie bevor, die mit einer Buchvernissage die 70 Jahre der Gemeinde feiern wird. Professor Wiehn hat als Herausgeber einen Band mit historischem und aktuellem Bildmaterial geschaffen, der die Geschichte der Gemeinde nachzeichnet. Auch Rolf Wieler, heute beinahe 100 Jahre alt, schrieb einen Teil der Geschichte.
Wechselvolle Geschichte
Bereits am Vorabend des Neujahrsfestes hatte Roy Wiehn in seiner Ansprache im Betsaal an die wechselvolle Geschichte der Gemeinde Kreuzlingen erinnert, die am
23. August 1939 gegründet worden war. Wie die Einweihung des Friedhofs, der bereits 1937 etabliert wurde, war dies eine Reaktion auf die judenfeindliche Politik im unmittelbar benachbarten Deutschland. Zum Neujahrsfest am 1. Tischri 5700, dem 14. September 1939, wurde der Betsaal an der Hafenstrasse eingeweiht. Dies alles, sagte Wiehn, sei eine direkte Folge der zunehmenden Diskriminierung und Verfolgung der Juden in Deutschland seit Januar 1933, der Nürnberger Gesetze von 1935 und der Zerstörung der Synagoge in Konstanz in der Reichspogromnacht 1938 gewesen: «Es gehörte damals wahrlich viel Mut und Gottvertrauen dazu, direkt hinter der Grenze Nazideutschlands eine neue jüdische Gemeinde zu gründen; denn auch die Schweiz war eine ganze Weile stark bedroht.»
Die vor 70 Jahren gegründete Jüdische Gemeinde Kreuzlingen habe dann sehr bald, nämlich schon ab Ende Oktober 1940, Unglaubliches geleistet, führte Wiehn aus, «insbesondere hinsichtlich ihrer Unterstützung für die am 22. Oktober 1940 nach Gurs in Südwestfrankreich deportierten Konstanzer Juden, aber auch für nicht wenige jüdische Flüchtlinge. Diese Gemeinde hat dann überdies ein reges Gemeindeleben entwickelt, ist nach dem Zweiten Weltkrieg geradezu aufgeblüht, hat in der unmittelbaren Nachkriegszeit dann wiederum die jüdischen ‹Displaced Persons› unterstützt, die sich als befreite KZ-Häftlinge in Konstanz sammelten.»
Auch das Ende der Gemeinde, die mit grosser Wehmut erfülle, sei «eine Folge der historischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte: Denn zum Glück gab es keine neuen jüdischen Flüchtlingswellen als Folge von Pogromen, zum Glück gibt es weitgehende Freizügigkeit, zum Glück vor allem gibt es den Staat Israel. Deshalb sollten wir unsere Wehmut über diesen Abschied in der Waage zu halten versuchen durch die Einsicht
in die Notwendigkeit, dass nämlich nach
70 Jahren etwas zu Ende kommt, das seinen guten Zweck hervorragend erfüllt hat.»


