Heilloser Streit
In Konstanz gibt es ein paar hundert Juden, die sich als solche bezeichnen, viele kamen aus der ehemaligen Sowjetunion. Seit einigen Jahren gibt es zwei Gemeinden, die heillos zerstritten sind, mit einander, mit dem Oberrat der Israeliten Badens beziehungsweise der Israelitischen Religionsgemeinschaft, beide in Karlsruhe, und neuerdings wird auch das Land Baden-Württemberg angegriffen. Gegenüber tachles äusserten sich David Seldner, stellvertrender Vorsitzender des Oberrats, und Peter Stiefel, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Konstanz (IKG).
An der Basis schwelt eine Kontroverse um den Neubau einer grossen Synagoge als Ersatz für jene, die 1938 zerstört wurde. Normalerweise werden die Kosten für solche Bauten zwischen dem Oberrat, dem Land und der Kommune aufgeteilt. Die Stadt Konstanz spendete ein Grundstück, aber der IKG und nicht wie üblich dem Oberrat. Die Fünfjahresfrist für den Neubau ist letztes Jahr abgelaufen, wurde aber stillschweigend verlängert. Der Oberrat will nicht bauen, weil ihm das Grundstück nicht gehört, die IKG will nicht, weil sie den Landeszuschuss selber will. Gemäss Redenmanuskript sagte Stiefel am Europäischen Tag der jüdischen Kultur im Beisein eines Konstanzer Bürgermeisters an die Adresse von Ministerpräsident Oettinger und Kultusminister Rau: «Wo bleibt unser Geld oder ist es eure Absicht, uns ein zweites Mal umzubringen?» Stiefel findet dies bis heute nicht zu scharf formuliert. Weshalb ein neues Grundstück?
In den sechziger Jahren verkaufte der geschäftstüchtige Werner Nachmann, damals im Oberrat in Karlsruhe, später auch im Zentralrat der Juden (wo ihm nach seinem Tod nachgewiesen wurde, dass er 33 Millionen Mark an Wiedergutmachungszahlungen unterschlagen hatte, und das so, dass sie bis heute nicht aufgetaucht sind), dem ebenso geschäftstüchtigen Sigismund Nissenbaum aus Polen, der nach dem Krieg in Konstanz gelandet war, das Grundstück der zerstörten Synagoge mit der Auflage, wieder ein Gotteshaus zu bauen. Die Nissenbaums errichteten später darauf ein Hochhaus mit Büros und Wohnungen, ein Mieter ist das Finanzamt Konstanz. Im Hinterhof erbauten sie eine kleine Synagoge, die sie als Privatsynagoge deklarierten, die heute aber das Herzstück der IKG ist. Als die jüdische Gemeinde Lugano aufgelöst wurde, konnten die Nissenbaums zahlreiche Kultgegenstände, Machsorim und Thorarollen übernehmen. Ursprünglich war dies eine Einheitsgemeinde, später wurde sie immer orthodoxer, es gab zahlreiche Austritte, sodass der Oberrat eine neue jüdische Gemeinde Konstanz gründete und bis heute finanziert, obwohl ihm dies angeblich vom Verfassungsgericht verboten wurde. Seit fünf Jahren erhält deshalb die IKG kein Geld mehr vom Oberrat, obwohl das alte System der Zuteilung öffentlicher Gelder durch den Dachverband gerichtlich in Frage gestellt wurde. Die Situation ist verworren, undurchsichtig und bedürfte wohl einer unabhängigen Mediation. [gb]


