Der Vater der pakistanischen Atombombe
In Pakistan ist Abdul Khader Khan ein Nationalheld. Er gilt als Vater der pakistanischen Atombombe und ist für die weltweite Verbreitung von Nukleartechnologie, Ausrüstung und Know-how verantwortlich. In den sechziger Jahren hat er in Holland studiert. Hier hat er gelernt, wie man Uran mittels Zentrifugen anreichert. Nachdem Indien 1974 einen nuklearen Sprengkörper zur Explosion gebracht hatte, übertrug ihm der damalige pakistanische Premier Zulfikar Ali Bhutto die geheime Aufgabe, Atomwaffen zu entwickeln.
Khan stahl die Pläne für die benötigte Zentrifuge in Holland und schmuggelte sie nach Pakistan. In den neunziger Jahren, nachdem er die nukleare Aufrüstung von Pakistan vollendet hatte, trat er aus dem Staatsdienst aus und begann, sich um seine eigenen Geschäfte zu kümmern. Er gründete eine private Gesellschaft und reiste in den Nahen Osten. Dort bot er sein Wissen zuerst Algerien, Ägypten, Syrien und Saudi-Arabien an, wurde aber abgewiesen. Iran und Libyen dagegen nahmen sein Angebot an und zahlten ihm Millionen. Khan richtete ein Schmuggelnetz ein, das diesen beiden Staaten – und dem Vernehmen nach auch Nordkorea – Ausrüstung und Know-how vermittelte.
Sollte Iran eines Tages über eine Atombombe verfügen, wird es hauptsächlich Khans Verdienst sein. «Er erschien auf unserem Radar», gab der ehemalige Mossad-Chef Shabtai Shavit vor rund zweieinhalb Jahren zu, «doch wir massen ihm nicht die gebührende Wichtigkeit bei. Das war einer unserer grössten Fehler.»
Als Khans Machenschaften bekannt wurden und sein Schmugglerring auf-flog, wurde er in Pakistan verhaftet und gründlich verhört. Unter Druck der Administration Bush war der damalige pakistanische Präsident Musharraf gezwungen, Khan unter Hausarrest zu stellen. Dieser dauerte rund fünf Jahre, doch kürzlich ist Khan entlassen worden.
«Niemand hat mich aufgespürt», sagte Khan seinem Interviewer. «Nach dem indischen Atomtest von 1974, der in Pakistan eine Hysterie ausgelöst hatte, dachte ich, mit Bhutto sprechen zu müssen und ihm von meinen Fähigkeiten zu berichten,
eine Bombe herzustellen. Ich hatte Erfahrungen aus erster Hand mit der Technologie, und ich wusste, wie sie funktioniert. Pakistans technologische Infrastruktur existierte damals schlichtweg nicht, und Bhutto bat mich, die Arbeit zu überwachen. Es war Bhuttos Entscheid, die Bombe zu bauen.»
tachles: Woher kam das Geld?
Abdul Khader KhaN: Das Programm war nicht teuer. Unser Jahresbudget lag bei 20 bis 25 Millionen Dollar. Darin enthalten waren der Kauf und die Erschliessung von Land, der Bau der Zentrifugenanlage in Kauta, das Anstellen von Wissenschaftlern und der Kauf von Material im Ausland. Das Gesamtbudget für 25 Jahre betrug weniger als eine halbe Milliarde Dollar.
Wann haben Sie die Zentrifugen
entwickelt?
Am 6. April 1978 gelang es uns zum ersten Mal, Uran anzureichern, allerdings auf einem niedrigen, nicht waffenfähigen Niveau. Es reichte aber aus, um zu zeigen, dass wir in der Lage waren, Uran anzureichern.
Wann begannen Sie zu glauben, dass Sie spaltbares Material für Atomwaffen besitzen?
Wir erreichten Anfang 1983 eine Anreicherung von 90 Prozent, und im Dezember 1984 schrieb ich dem Präsidenten, damals General Zia, dass die Bombe bereit sei und wir sie mit einer Woche
Vorwarnung testen könnten.
Warum beschlossen Sie damals, keinen Test durchzuführen und die Bombe nicht zu zünden?
Wir waren Alliierte der USA im Krieg gegen die Sowjetunion in Afghanistan. Wir baten Zia und seine Leute, den Test zu genehmigen, doch sie meinten, dieser hätte harte Konsequenzen. Weil die USA bei unserem Atomprogramm ein Auge zudrückten, damit wir den Krieg in Afghanistan unterstützten, bot sich uns die Gelegenheit, das Programm weiter zu entwickeln. Die Tests könnten wir auch zu
einem späteren Zeitpunkt durchführen.
Und so geschah es tatsächlich: Erst 1998 führte Pakistan als Reaktion auf Indiens Atomprogramm Atomtests durch. Auf die Frage nach dem Aufbau des nötigen Einkaufsnetzes meinte Khan: «Weil ich seit 15 Jahren in Europa lebte, war ich mit der dortigen Industrie und den Anbietern bestens vertraut. Ich hatte alle ihre Adressen, und als ich nach Pakistan zurückkehrte, begann ich, Ausrüstung von ihnen zu kaufen. Dann fingen wir an, die gleiche Ausrüstung über andere Länder zu kaufen – über Kuwait, Bahrain, Abu Dhabi, die Vereinigten Arabischen Emirate und Singapur. Der Westen konnte mit uns nicht Schritt halten. Wir waren immer einen Schritt voraus.»
Von wem erwarben Sie das Know-how für den Bau von Raketen?
Von China und auch von Nordkorea.
Und Iran?
Iran war daran interessiert, nukleare Technologie zu erhalten. Und weil Iran eine wichtige islamische Nation ist, wollten wir, dass sie auch darüber verfügen. Die westlichen Länder übten in dieser Sache Druck auf uns aus, was nicht fair war. Wenn Teheran in den Besitz einer Atombombe gelangt, werden wir einen starken regionalen Block haben, der den internationalen Druck zurückweisen kann. Irans nukleare Macht wird die israelische neutralisieren. Wir empfahlen Iran, die Anbieter zu kontaktieren und die Ausrüstung von ihnen zu erwerben.
Was war mit Libyen?
Libyen erwarb die Ausrüstung von den gleichen Anbietern, die für die Belieferung von Pakistan und Iran zuständig waren, und zwar über die gleiche Drittpartei in Dubai.
Wer war diese Drittpartei?
Eine Gesellschaft, mit der wir in Kontakt traten, wenn wir die Ausrüstung in Europa nicht erwerben konnten. Es waren Muslime aus Sri Lanka.
Die Schlussfolgerung aus dem Interview ist klar: Ein Land, das entschlossen ist, zur Atommacht zu werden, wird dies auch dann tun, wenn seine Technologie und Infrastruktur auf niedrigem Niveau sind. Es gibt genug Anbieter, die insgeheim das Nötige zur Verfügung stellen können. Die Produktion von Atomwaffen ist nicht sonderlich teuer. Pakistan brauchte neun Jahre dafür. Die iranische Situation ähnelt der pakistanischen. Teheran begann 2002, Uran anzureichern. Heute weiss das Land, wie man dies tut, und besitzt die nötige Menge, um spaltbares Material zu produzieren. Die Iraner haben auch bereits Raketen, die mit Bomben bestückt werden können.


