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2. Oktober 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 40 Ausgabe: Nr. 40 » October 1, 2009

Ahnenforschung kommt im Internet-Zeitalter an

von Hillel Kuttler, October 1, 2009
In der Ahnenforschung besteht nicht selten ein Zusammenhang zwischen auseinanderfallenden Quelltexten und Hochgeschwindigkeits-
Internetverbindungen.

Den wachsenden Einfluss moderner Kommunikationsmittel auf die Genealogie erlebte beispielsweise die in Tel Aviv lebende Schelly Talalay Dardashti. Im Rahmen eines Workshops über neue technische Möglichkeiten in der Ahnenforschung, den sie vor einigen Jahren in Barcelona geleitet hatte, lernte Dardashti den ehemaligen Anwalt Maria José Surribas kennen. Heute arbeitet Surribas als selbstständiger Genealoge. Unter anderem hat er Dardashti dabei geholfen, ihre Wurzeln in der katalonischen Ortschaft Lerida zu erforschen. Heute kann Schelly ihre Familie dort bis ins Jahr 1353 zum jüdischen Weinmacher Moshe Talalaya zurückverfolgen.
«Ohne unsere modernen Geräte», sagte Dardashti, «würden wir tun, was wir immer schon getan haben: Uns mit Staub und vergilbtem Material befassen und Gesichtsmasken tragen, wie es Maria José in Madrid tut. Moderne Technologie ermöglicht es aber, Informationen mit Menschen zu teilen, die am gleichen Thema interessiert sind. Wir kooperieren und lernen voneinander.»

Digitale Stammbäume

Die Forschungsmöglichkeiten, die neue Technologien ermöglichen, waren das Thema an einer Konferenz, welche die International Association of Jewish Genealogy Societies kürzlich in Philadelphia durchführte. Fast 900 Personen nahmen teil. Die Redner, zu denen auch Vertreter von Firmen gehörten, die auf Ahnenforschungssoftware spezialisiert sind, behandelten Themen wie die Erstellung digitaler Stammbäume, das Durchforsten von Datenbanken, die Auswahl der richtigen Software, die Zusammenarbeit mit anderen Forschern über soziale Netzwerke sowie den Einsatz von Gesichtserkennungsverfahrungen zur Identifizierung von Verwandten auf Fotografien.
«Bis jetzt sind Geschichte und Genealogie – zwei miteinander verbundene Themenkreise – Dinge, mit denen sich vor allem Betagte beschäftigen», meint Daniel Horowitz. Horowitz leitet die Bereiche Genealogie und Übersetzungen für My Heritage, eine israelische Software- und Internetfirma. Die Situation verändere sich aber, denn moderne Werkzeuge würden das Erforschen der Vergangenheit «cooler» machen. «Zweifelsohne spielt die Technologie eine sehr wichtige Rolle bei den Bemühungen, junge Leute für Genealogie zu interessieren», sagt Horowitz. «Sobald ein Computer benutzt wird, um zu forschen oder Informationen auszutauschen, fühlen sich junge Leute angezogen. Das Ausmass von jungen Menschen, die auf Websites wie Facebook aktiv sind, ist schlicht unglaublich. Soziale Netzwerke sind ein sehr guter Ansatzpunkt, um Junge für Genealogie zu begeistern.»
An der Konferenz nahmen zwar nur wenige Teenager und junge Erwachsene  teil, doch sprachen viele Teilnehmer von ihren jungen Kindern, die vom Genealogie-Virus angesteckt worden seien. Barbara und Richard Wissokur kamen aus Boston mit ihrer Tochter Amy Wissokur-Graham. Wenn Barbara die Familiendatenbank aktualisiert, schickt sie Amy eine 
E-Mail, und Amy gibt ihrerseits die Informationen an ihre drei Kinder weiter, die sie für ein Schulprojekt nutzen. «Sie arbeiten schon so lange an der Sache», sagt Amy über ihre Eltern, «dass meine Mutter damit rechnet, dass ich sie weiterführe.» Die neuen Möglichkeiten sind auch für Ruth und Moshe Epstein-Glicksberg, zwei Rentner aus Haifa, Gold wert.

Das Material besser organisieren

Ruth hat bisher viele Details ihrer Familiengeschichte von Hand auf Papierstückchen gesammelt. Dann begann sie, die Daten in das Computerprogramm Family Tree Marker zu übertragen. Ihre verstreuten Notizen seien ein «schreckliches Durcheinander – viel Arbeit, aber ineffizient und unorganisiert». Das Computerprogramm sei ideal, weil es ihr viele Möglichkeiten biete, das Material zu organisieren und andere Datenbanken zu durchsuchen. Ruth und Moshe waren schon zweimal in Salt Lake City, um die riesige, auf Mikrofilm aufgenommene Sammlung europäischer Daten der Mormonen zu durchsuchen. Bei der Durchsicht von Tausenden von Dokumenten hat Ruth bereits die Todesdaten ihrer Grosseltern und anderer Verwandter gefunden. Moshe wiederum erforscht via Internet das Schicksal von Menschen, deren Namen sich auf der Rückseite alter Familienfotos finden. Um mehr Informationen über den Zweig seiner Familie zu finden, der aus Weissrussland und Litauen in die USA ausgewandert ist, durchsucht er regelmässig die online zugänglichen Daten amerikanischer Volkszählungen und das Sterberegister der US-Sozialbehörde.
Fortlaufend eröffnen sich neue Möglichkeiten. So wurden kürzlich Archive des Internationalen Suchdiensts des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz im deutschen Bad Arolsen für die Öffentlichkeit freigegeben – eine Fundgrube für Forscher. Und My Heritage verbindet Forscher heute mir 1536 Datenbanken in aller Welt; ancestry.com wiederum gibt jedes Jahr Millionen Dollar aus, um Dokumente zu digitalisieren, die online erforscht werden können. «Das heisst mit anderen Worten», sagte Dardashti, «dass jemand, der über eine Internet-Verbindung verfügt und in einer Jurte in der Mongolei sitzt, in Besitz aller relevaten Informationen gelangen kann. Wir sagen immer: Wenn du heute nicht findest, wonach du suchst, dann versuche es morgen wieder.»      





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