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25. September 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 39 Ausgabe: Nr. 39 » September 24, 2009

Abschied vom Vater der «Neocons»

von Andreas Mink, September 24, 2009
Am 18. September verstarb Irving Kristol im Alter von 89 Jahren. Er gilt als einer der einflussreichsten Denker Amerikas nach 1945.
IRVING KRISTOL Als «Neocon» hatte er Einfluss auf Generationen amerikanischer Denker und Intellektueller

Am 18. September ist Irving Kristol in einem Krankenhaus in Virginia 89-jährig einem Krebsleiden erlegen. Der Publizist war in den letzten Jahren kaum noch öffentlich aufgetreten, aber die Nachrufe lassen keinen Zweifel an Kristols Einfluss auf Generationen amerikanischer Politiker und Intellektueller. So nennen ihn die grossen Blätter den «Architekten» oder «Paten des Neokonservatismus». Karl Rove, der persönliche Berater von George W. Bush im Weissen Haus, sagte, Kristol habe die Republikaner zu einer «Partei der Ideen» gemacht. Er nahm damit Bezug auf einen bekannten Ausspruch Kristols, in dem dieser die Republikaner nur halb im Scherz als «dumm» bezeichnet hatte. Aus dieser Spitze spricht die für den Essayisten charakteristische Streitlust, die ihm zeitlebens auch permanent Konflikte mit Weggefährten und Verbündeten eingebracht hat.

Ein skeptischer Aussenseiter

Dazu trug auch die von Kurswechseln geprägte intellektuelle Entwicklung Kristols bei. Sein Biograf Jacob Heilbrunn hat ihn als einen Aussenseiter bezeichnet, der nach gesellschaftlicher Anerkennung strebte, seine Skepsis gegenüber den amerikanischen Eliten aber nie ganz aufgegeben hat. Heilbrunn erklärt dies auch aus der Herkunft Kristols als Sohn armer jüdischer Immigranten. Laut Heilbrunn ist der Neokonservatismus keine klar umrissene Ideologie, sondern eine um den Begriff der Freiheit zirkelnde Haltung, die sich über Feindbilder wie den Wohlfahrtsstaat oder die Sowjetunion definiert. Kristol hat seine wechselnden Positionen nie in grundlegenden Büchern, sondern als Autor und Herausgeber kleiner Zeitschriften wie «The Public Interest» oder dem von der CIA finanzierten «Encounter» dargelegt, ehe er Zugang zu Establishment-Institutionen wie dem «Wall Street Journal» oder der Denkfabrik American Enterprise Institute fand. Obwohl er stets Einfluss auf die Eliten haben wollte, hat Kristol nie seinen romantischen Glauben an das «Gute» im amerikanischen Volk verloren – wahrscheinlich ein Überbleibsel seiner jugendlichen Begeisterung für den Kommunismus. Gleichwohl hat er einmal über unterschiedliche «Arten der Wahrheit» geschrieben, die dem jeweiligen Bildungsgrad und der Intelligenz der Leute angepasst sein müssen: Den von Kristol gerne als Zeugen oder Referenz herangezogenen «einfachen Leuten» sind demnach nur sehr einfache Versionen zumutbar, die ganze Komplexität eines Gedankens ist dagegen nur einigen Eingeweihten zugänglich.   

Wechsel zu den Republikanern

1920 in Brooklyn geboren, fand Kristol als Student am New Yorker City College zu einem trotzkistischen Zirkel. Dank seiner guten Lehrer und der überwiegend jüdischen Studentenschaft wurde das City College damals als «Harvard des jüdischen Proletariats» bezeichnet. Die Gegnerschaft der Trotzkisten-Gruppe zu Stalin mutierte nach 1945 in einen vehementen Antikommunismus, der Kristol zu einem frühen Unterstützer des Senators Joe McCarthy machte. Dies führte zum Bruch mit vielen seiner Freunde. Kristol blieb dennoch den Demokraten treu und schloss sich in den sechziger Jahren Parteifreunden wie dem späteren Senator Daniel Moynihan an. Diese sogenannten Neocons lehnten den unter Präsident Lyndon B. Johnson expandierten Wohlfahrtsstaat als Behinderung privater Initiative ab und plädierten für eine harte Linie im Vietnam-Krieg. Die Wege Kristols und zahlreicher Freunde trennten sich über dem Indochina-Konflikt und der Rolle von Richard Nixon darin: Während Kristol um 1970 von den Demokraten zu den Republikanern wechselte, blieb etwa Moynihan der alten Partei treu.

An der Realität gescheitert

Kristols Einfluss erreichte seinen Höhepunkt während der Präsidentschaft von Ronald Reagan, der sich die von den Neocons geforderte antikeynesianische «Angebotspolitik» und die Deregulierung der Wirtschaft zu eigen machte. Aussenpolitisch plädierten Kristol und Eleven wie Paul Wolfowitz oder Richard Perle weiterhin für die selbstbewusste Projektion amerikanischer Stärke bis in die letzten Winkel des Erdballs. Zu den Schülern Kristols zählt auch sein Sohn Bill, der das Wirken seines Vaters als Herausgeber der Zeitschrift «Weekly Standard» und Kommentator auf Fox-TV fortsetzt. Wie sein Vater ist auch Bill Kristol stets auf der Suche nach einem Hoffnungsträger, einem mehrheitsfähigen Politiker, der die Ideen der Neocons den «einfachen Leuten» schmackhaft machen kann. Es ist kein Zufall, dass Bill Kristol zu den Entdeckern und frühen Unterstützern von Sarah Palin gehört, der republikanischen Vizekandidatin im letzten Präsidentschaftswahlkampf. Allerdings schlägt sein Sohn wie einst Irving Kristol selbst schnell kritische Töne an, wenn ein Ronald Reagan oder George W. Bush von der «reinen Lehre» abweicht oder aber Misserfolge erntet.
Um seine geistige Entwicklung zu charakterisieren, hat sich Kristol einmal als Liberalen bezeichnet, der von Realitäten überfallen worden sei. Heilbrunn zufolge sind die Neocons jedoch an der Wirklichkeit gescheitert: Die von ihnen propagierten Kriege in Afghanistan und in Irak erscheinen heute als katastrophale Fehlentscheidungen, die Amerikas Macht und Ansehen deutlich reduziert haben. Auch Kristol selbst hat in seinen letzten Lebensjahren zunehmend an Einfluss über den rechten Rand der amerikanischen Politik hinaus verloren, da er sich als unbeirrbarer «Falke» im Palästina-Konflikt immer mehr christlich-fundamentalistischen Gruppierungen zugewandt hat.    


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