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18. September 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 38 Ausgabe: Nr. 38 » September 17, 2009

Vom Architekten zum Weinbauer

von Jacques Ungar, September 17, 2009
Versteckt in den Judäischen Bergen liegt die Ortschaft Nes Harim auf rund 700 Metern Höhe. Und versteckt in Nes Harim liegt die vor zwölf Jahren gegründete Weinkellerei Katlav des Weinbauers Yossi Yittach. Ein Porträt.
DER SCHEIN TRÜGT Das Fasslager der Weinkellerei Katlav macht einen eher bescheidenen Eindruck, doch die angebauten Weine sind von 
höchster Qualität, wie etwa der Cabernet Sauvignon und der Wadi Katlav (rechts oben) zeigen

Die Weinkellerei Katlav in Nes Harim ist ein echter Insidertipp für Freunde eines wirklich edlen Tropfens und guten Essens, denn eine exklusive Mahlzeit kann im dazugehörigen Gourmet-Restaurant genossen werden. Weinbauer Yossi Yittach ist das Beispiel für einen Mann, der aus der Routine eines erfolgreichen Architekten-Alltags ausbrach und sich nach Nes Harim zurückzog, wo seine aus Marokko eingewanderte Familie schon vor über einem halben Jahrhundert mit dem Weinanbau begonnen hatte, diesen allerdings nicht kommerziell nutzte. Vor knapp zwölf Jahren füllte der 48-jährige Yossi Yittach die ersten Flaschen mit selbst angebautem Wein ab. Heute produziert er in seiner Weinkellerei Katlav jedes Jahr 15 000 bis 18 000 Flaschen, 6000 davon sind Chardonnay (weiss), der Rest ist Rotwein. Derzeit im Angebot sind der Merlot und der Cabernet Sauvignon (beide aus dem Jahr 2006) sowie der Wadi Katlav, ein ungefiltertes Gemisch aus Cabernet Sauvignon (50 Prozent), Merlot (40 Prozent) und Syrah (zehn Prozent). Der Wadi Katlav wird 18 Monate lang in französischen Eichenfässern gelagert. Der Chardonnay dagegen lagert 13 Monate in gebrauchten Eichenfässern (das Alter und die Gebrauchsintensität der Fässer beeinflussen Geschmack und Bouquet der Weine ganz besonders). Er ist ebenfalls ungefiltert und wird mit zehn Prozent Viognier angereichert. Yittach benutzt für den Chardonnay Trauben aus Weinbergen im Jerusalemer Wald.

Begehrter Qualitätswein

Von der Grösse her gilt der Familienbetrieb als typische Boutique-Kellerei. Wenn Hochbetrieb herrscht, legen auch Yittachs drei Kinder und seine aus Tunesien stammende Gattin Malki Hand an und arbeiten in der Kellerei oder im dazugehörigen Gourmet-Restaurant mit. 60 bis 70 Prozent der Produktion gehen ins Ausland, vorwiegend in die USA. Yittach ist sehr an einer Ausweitung seines Geschäftes nach Europa interessiert. Katlav-Weine können nur direkt vor Ort gekauft oder bestellt werden (Sendungen ins Ausland sind möglich), nicht aber in den einschlägigen Geschäften. Trotz drängender Nachfrage liefert Yittach seinen Wein auch nur an zwei Restaurants der gehobenen Klasse in Jerusalem (Canela und Angelica). Werbung wird kaum betrieben; Empfehlungen und Mund-zu-Mund-Propaganda genügen bisher vollauf, um die Marke Katlav begehrt zu machen. Allerdings deutet das Einstellen einer PR-Frau darauf hin, dass Yittach künftig den Marktgepflogenheiten wohl mehr Rechnung tragen muss, vor allem wenn er, was zu vermuten ist, seine Kapazitäten ausbauen will. Preislich liegen der Chardonnay und der Rotwein von Katlav heute mit 90 beziehungsweise 130 Schekel pro Flasche klar im höheren Segment des israelischen Angebots. Yossi klagt aber keineswegs über Absatzschwierigkeiten, im Gegenteil.

Blühender Weinbau

Der Moschaw Nes Harim liegt in den Judäischen Bergen, eine knappe halbe Autostunde südwestlich von Jerusalem. Vorbei am malerischen Ort Ein Kerem fahrend, beeindruckt schon auf der Hinfahrt auf den Strassen 386 und 3866 das mit den schweizerischen Voralpen vergleichbare hügelige Panorama, und in Nes Harim selber geniessen die Besucher bei klarer Witterung und der stets wehenden leichte Brise eine Fernsicht bis hinab zum Mittelmeer. Weil der rot gefärbte Stamm des in der Gegend viel vorkommenden Erdbeerbaums (Arbutus) die Wälder prägt, wählte Yittach erst den hebräischen Namen «Ktalav» für seine Weinkellerei, und weil dieser Namen schwierig auszusprechen war, entschied sich der Weinbauer für die im Volk geläufige Verballhornung «Katlav», die ebenso leicht und rund über den Lippen geht, wie der Wein von diesen aufgenommen wird.
Yossi Yittach sagt über seine Arbeit: «Der Weinanbau eröffnete mir eine neue Welt, und mit dem Pflanzen der ersten Weinreben änderte sich mein Leben.» Er besitzt neben den Fähigkeiten des Weinbauers auch die nicht minder wichtige Gabe, seine Gäste mit Erzählungen zu begeistern, in denen er Details über seine Techniken und Legenden über die Anfänge seines Wirkens in Nes Harim zu einer Einheit zusammenfliessen lässt, die die Zuhörer in Bann schlägt und die Zeit im Fluge vergehen lässt. Archäologische Funde belegen blühenden Weinanbau in dieser Gegend schon vor Tausenden von Jahren, zu Zeiten des Jerusalemer Tempels, und Katlav vereinigt in sich die uralten traditionellen Prozesse der Traubenernte (vor allem während der Nacht wegen der niedrigeren Temperaturen) und der Weinherstellung mit modernster Technologie.

Gourmet-Restaurant

Bei aller Liebe für Traditionen ist Yossi Yittach auch ein erfolgreicher Geschäftsmann. So leitet er den Weinclub der Judäischen Berge, dem 28 Kellereien der Gegend und damit die überwiegende Mehrheit angehören. Sein zentrales Ziel ist das Erschliessen der Region für Touristen; es gibt bereits zahlreiche Zimmer für Übernachtungen und Frühstück. Auch möchte er die lokalen Weine weiter verbreiten. Zudem hat er einen lukrativen Nebenzweig entwickelt: In gekonnter Gourmet-Manier kocht Yossi Yittach in der Kellerei von Nes Harim (nach vorheriger Reservation unter www.katlavwinery.com) für Gruppen von 25 bis 60 Leuten ein rustikal-romantisches – und koscheres – Diner, dem eine gewissen Exklusivität nicht abzusprechen ist. Die Kosten pro Person liegen bei 180 bis 200 Schekel, was heute weniger als 60 Franken sind. Die Preise pro Gedeck variieren je nach Sonderwünschen.  





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