Vielfalt als Chance
Warum gilt das Judentum als eine der fünf Weltreligionen? Im Grunde ist dies erstaunlich, wenn man bedenkt, dass nur etwa 14 Millionen Menschen unserer Religion angehören, während über zwei Milliarden dem Christentum oder über eine Milliarde dem Islam zuzurechnen sind. Ausschlaggebend sind zwei Gründe: Erstens hatte der jüdische Glaube eine grosse kulturprägende Bedeutung, da auch das Christentum und der Islam auf den abrahamitischen Monotheismus aufbauen. Und zweitens wurden die Juden nach der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70 in alle Himmelsrichtungen zerstreut, wodurch das Judentum rasch eine grosse Verbreitung fand.
Seit fast 2000 Jahren haben sich Jüdinnen und Juden in immer neuen Umgebungen zurechtzufinden. Dabei nahmen sie auf, was das kulturelle Umfeld anbot oder erforderte. Gerade den europäischen Juden des 19. Jahrhunderts wurde es oft schwergemacht, ihr jüdisches Erbe zu bewahren, da sie sich dessen teilweise entledigen mussten, um bürgerliche Rechte zu erhalten. Die im 20. Jahrhundert aus Osteuropa nach Amerika übersiedelten Juden wurden mit dem «American Way of Life» konfrontiert, was mitunter einen Kulturschock auslöste, den Joseph Roth in seinem Roman «Hiob» eindrücklich beschreibt. Der gegenseitige Austausch trug aber auch Früchte. Die Kultur, die Wissenschaft oder die Geschäftswelt nicht nur in den USA verdanken der jüdischen Einwanderung einige hervorragende und wegweisende Persönlichkeiten.
Auch bei uns in der Schweiz finden sich Juden aus allen Weltregionen. Die Vielfalt unserer Gemeinschaft reicht von jüdisch-schweizerischen Familien mit altem Lengnauer oder Endinger Bürgerrecht bis hin zu den aus dem Elsass, später aus Osteuropa, aus dem Maghreb-Gebiet oder der Türkei zugewanderten Juden. Namen wie Guggenheim und Bollag, Lévy und Grumbach, Schmuklerski und Kaminski oder Benzaquen und Azoulai sind Zeugen dieser Entwicklung.
Durch die unterschiedlichen kulturellen Umgebungen und die individuelle Art, darauf zu reagieren, entwickelten sich innerhalb des Judentums unterschiedliche Strömungen. Diese sind bis heute spürbar und vor allem dort erkennbar, wo Juden mit unterschiedlichem Hintergrund zusammenkommen.
Dabei unterscheiden wir uns nicht nur in Bezug auf unsere
geografisch-kulturelle Herkunft, sondern auch in unserer religiösen Praxis, in unserer politischen Meinungsbildung, in unserem Charakter und Ausdruck.
Das Finden von Kompromissen oder das Ausräumen von Meinungsverschiedenheiten gehen nicht immer problemlos vonstatten. Seit der Entstehung des Talmuds stand die Diskussion als Form des jüdischen Lernens im Zentrum. Diese Art, Positionen zu vertreten, manchmal auch lautstark, ist Teil unserer Kultur. So bleibt unsere Religion lebendig. Und daraus entsteht auch die Kraft, sich Herausforderungen zu stellen, um nicht an den Rand gedrängt oder überholt zu werden.
Neben lebendiger Vielfalt braucht eine starke Gemeinschaft aber auch ein gemeinsames Wertefundament. Der Kitt, der das Judentum zusammenhält, ist unsere auch durch Verfolgung und Vertreibung geprägte Geschichte und sind vor allem die Zehn Gebote als Quintessenz der Thora. Diese bilden in
einem nicht unbedingt religiös zu sehenden Sinn auch ein wichtiges Fundament des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft allgemein. In seiner Novelle «Das Gesetz» schreibt Thomas Mann: «Die Juden haben der Welt den universalen Gott und – in den Zehn Geboten – das Grundgesetz des Menschenanstandes gegeben.»
Der Zehn Gebote als Grundlage der Einheit in der Vielfalt sollten wir uns immer wieder erinnern und uns ihre Bedeutung vergegenwärtigen. In vielem gelingt es uns, Einheit zu leben und zu betonen – sei dies innerhalb der jüdischen Gemeinschaft oder der multikulturellen Schweizer Gesellschaft. Doch in anderen Bereichen können wir noch mehr tun, um jene Aspekte hervorzuheben, die uns über die verschiedenen jüdischen Schattierungen hinaus verbinden und die uns auch als Menschen unterschiedlicher Religionen und Nationalitäten in diesem Land zusammenhalten. Aktuelle Beispiele aus jedem Lebensbereich gibt es genug. Um Hindernisse zu überwinden, braucht es Respekt und Toleranz gegenüber Andersdenkenden, und den starken Willen, die Einheit zu bewahren.
Einheit in der Vielfalt ist keine naive Utopie. Sie ist sowohl im Judentum als auch in der Schweiz eine wunderbare Realität. Ich wünsche mir zu Rosch Haschana, dass wir uns an unserer Vielfalt erfreuen, den Herausforderungen offen begegnen und der Einheit noch mehr Sorge tragen.
Schana towa umetuka.
Herbert Winter ist Präsident des Schweizerischen
Israelitischen Gemeindebunds.


