Das Jahr eins danach
Die Welt. Was für ein Jahr. Wirtschaftskrise, politische Krisen, Systemkrisen und Moralkrisen konfrontieren Gesellschaften weltweit mit grundlegenden Fragen und stürzen viele Menschen in existentielle Not. Westliche Marktwirtschaften gehen knapp am Kollaps vorbei, der zuerst be- und seit jeher gefürchtete Run auf Banken findet nur punktuell statt. Ein Jahr nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers titelt das Nachrichtenmagazin mit realistischem Pessismus: «Warum die Welt durch die Finanzkrise ärmer, aber nicht klüger wurde» und bringt auf den Punkt, woran gerade die westliche Gesellschaft krankt: Blindheit und Verblendung. Die Geister, die niemand rief, werden wir nun nicht mehr los.
Die Wirtschaft. Es ist die grosse Ohnmacht der Politik, die auch nach dem Warnschuss blockiert bleibt. Trotz der äusserst heftigen und kritischen Rede von US-Präsident Barak Obama am Montag wird sich in Sachen Regulation, Aufsichtscontrolling und lascher politischer Rahmenbedingungen wenig ändern. Bald werden Manager, Banker und andere wieder fremdes Geld zuerst für die eigene Agenda missbrauchen anstatt im Sinne von Unternehmen und Volkswirtschaft zu wirtschaften. Die Wirtschaftskrise zeigt die Kapitulation des Kapitalismus und entlarvt ein System, dass sich selbst fressen kann. Doch die Krise führte nicht zur nachhaltigen Erkenntnis, der Taten folgen. Verursacher und Verantwortliche sind letztlich von der Krise marginal betroffen und reiten schon wieder auf der Aufschwungswelle, während andere vom Krisentsunami lahmgelegt wurden.
Die jüdische Welt. Auch in der jüdischen Gemeinschaft hat die Krise erhebliche Konsequenzen nach sich gezogen. Gerade in dieser Solidargemeinschaft, da viele Aktivitäten, Institutionen, Menschen in einem Übermass durch karitative Gelder finanziert werden, sind viele doppelt ge- und betroffen. Zum einen fehlen Spenden, zum anderen wurden an den virtuellen Märkten viele Gelder von Organisationen vernichtet und enorme Summen grossen und kleinen «Madoffs», denen gerade jüdische Institutionen reihenweise
auf den Leim gingen, anvertraut. Entlarvt wurden fehlende Cooperate Gouvernance, fahrlässiger Umgang mit öffentlichen Geldern und hochriskante Spekulationen, die der Gesellschaft erdrutschartig Kapital entzogen. Die Anarchie ist nicht ausgebrochen, was aus einer Mischung aus Glück und der Tatsache resultiert, dass die moderne Gesellschaft selbst aus solchen Krisen heraus- und vorwärts gehen kann. Doch es ist ein waghalsiger Pfad dem Scheitern entlang. Wenn dieses ausgeschlossen werden soll, dann müssen die Kultur des Zusammenlebens, die stets propagierte Solidarität und der Wunsch nach einer gerechten Gesellschaft allen voran von den Eliten, von Privilegierten und Menschen in Verantwortungsfunktionen wahrgenommen werden, ohne dass andere Menschen, Institutionen oder Gemeinschaften in Abhängigkeiten geraten oder unfrei werden. Gerade in einer Kultur, in der das Geben und die Fürsorge, die «zedaka», derart verankert sind und immer wieder stolz verkündet werden, ist wohl einiges zu verändern, damit gerade die diesbezueglichen Worte in Texten wie «Al Chet Schechatanu» und «Awinu Malkeinu» an den hohen Feiertagen in der Synagoge nicht scheinheilig ausgesprochen werden.


