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11. September 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 37 Ausgabe: Nr. 37 » September 10, 2009

Warum Israels Linke verschwunden ist

September 10, 2009
Carlo Strenger zur Lage in Israel

Israels Linke ist verschwunden: Sowohl parlamentarisch als auch in der Öffentlichkeit ist sie kaum noch vertreten.



Auf den ersten Blick mutet das paradox an, denn das Programm der Linken hat sich in vielerlei Hinsicht durchgesetzt, wie auch Yossi
Sarid bei seinem endgültigen Abschied von der Knesset meinte: Die Idee eines palästinensischen Staates, vor wenigen Jahrzehnten noch ein Tabuthema in der israelischen Gesellschaft, wird heute von einer breiten Mehrheit akzeptiert.

Die Linke ist verschwunden, weil es ihr nicht gelungen ist, ein realis-
tisches Bild des Konflikts mit den Palästinensern zu vermitteln. Das ideologische Fundament der Linken basierte auf einer simplen Prog-
nose: Wenn wir den Palästinensern einen Staat in den 1967 eroberten Gebieten anbieten, dann wird der Slogan «Frieden jetzt» Wirklichkeit
werden.

Dann aber ging alles in eine falsche Richtung. Nach der Lancierung des Osloer Prozesses versorgte die neu gegründete palästinensische Behörde ihre Kinder mit gewalttätigen, antiisraelischen und oft ungeschminkt antisemitischen Schulbüchern. Die Selbstmordattentate von 1996 sind von Arafat nicht verhindert worden – er soll sie sogar, wie einige meinen, unterstützt haben. Was die Linke vollends in die Knie zwang, waren die Schlappen von Camp David im Jahre 2000 und von Taba 2001 sowie der Ausbruch der zweiten Intifada.

Eigentlich hätte Israels Linke nur eines zu sagen brauchen: «Wir haben uns geirrt in unseren Vorhersagen. Wir haben die Komplexität der Situation unterschätzt. Wir sahen nicht, dass die Palästinenser nicht bereit sind, auf das Recht auf Rückkehr zu verzichten, und wir haben auch das Ausmass des mörderischen Hasses gegen Israel nicht richtig eingeschätzt. Wir glauben immer noch, dass wir die Besetzung so rasch wie möglich beenden müssen, doch wir müssen der Realität ins Auge blicken.»

Anstatt zuzugeben, dass sie sich teilweise geirrt hatte, versuchte die Linke, alle Fakten wegzuerklären, die sich nicht mit ihren Ansichten deckten, indem ausschliesslich die Politik Israels für die palästinensische Taten verantwortlich gemacht wurde. Die Linke argumentierte, die Bombenanschläge von 1996 hätten stattgefunden, weil der Osloer Prozess zu langsam vorwärts ging und weil die Palästinenser Rache üben wollten für die gezielte Tötung von Yihie Ayash. Camp David scheiterte, weil Premier Ehud Baraks Angebot ungenügend war. Die zweite Intifada brach aus, weil Ariel Sharon im September 2000 den Tempelberg besuchte. Die Hamas kam an die Macht, weil wir die Fatah zu Kollaborateuren der Zionisten gemacht haben – und so weiter.

Das Denken der israelischen Linken wird von einem Konzept bestimmt, das ich LSES (Linkes Standarderklärungssystem) nenne. Diese intellektuelle Konstruktion gewann in Europa und den USA in den sechziger Jahren, nach Beendigung des europäischen Kolonialismus, an Popularität. Das grundlegende Prinzip von LSES ist einfach: Unterstütze immer den Unterdrückten, vor allem wenn er nicht westlich ist, und stelle für die Taten des Unterdrückten jeweils westliche Mächte an den Pranger, am liebsten die USA und deren Alliierte. Alles Aggressive oder Destruktive, was eine nicht westliche Gruppe sagt oder tut, muss mit der westlichen Dominanz oder Unterdrückung erklärt werden. Das reicht vom Aufkommen der al-Qaida, das den USA in die Schuhe geschoben wird, weil diese die Mujaheddins in Afghanistan nach dem Abzug der Sowjetunion fallen gelassen hat, bis hin zur Korruption und Gewalt in Afrika, die mit den Nachwehen des europäischen Kolonialismus begründet werden.

LSES fusst auf einem sehr fragwürdigen psychologischen Modell: Es geht davon aus, dass alle Konflikte verschwinden, wenn man nur nett ist zu den Menschen. Dieses Modell ignoriert schlicht und einfach den Wunsch des Menschen nach Dominanz und Macht und einem Glaubenssystem, das ihm Selbstachtung verleiht. In der Folge geht LSES getarnt als humanitäre Grundhaltung davon aus, dass nicht westliche Gruppen keinen eigenen Willen besitzen. Alles, was sie tun, fühlen oder wollen, ist lediglich eine Reaktion auf den Westen. Auch fehlt jeder Respekt für nicht westliche Gruppen: Man geht davon aus, dass sie nicht verantwortlich sind für ihre Taten; alles, was sie tun, muss durch die Unterdrückung durch den Westen erklärt werden.

Wer sich die Erklärungen der Linken für das Verhalten der Palästinenser anhört, kann leicht zum Schluss gelangen, Israel sei omnipotent, während den Palästinensern jeglicher eigene Wille fehle. In Gesprächen mit Palästinensern hört man oft, dass sie das Gefühl haben, die Rechte respektiere sie mehr als die Linke, die immer vorgibt, zu wissen, was die Palästinenser wirklich wollen.

Ich möchte mit aller Klarheit betonen, dass ich den berühmten Ausspruch von Jeshajahu Leibowitz voll unterstütze, der meinte, er sei nicht sicher, ob Israels Politik seit 1967 Ausdruck einer bösartigen Dummheit oder einer dummen Bösartigkeit sei. Ich bin ausserdem nach wie vor der Meinung, dass die Besetzung möglichst rasch ein Ende finden muss. Ich denke aber auch, dass die Palästinenser in ihrer Dummheit Israel in nichts nachstehen und bislang jeden nur erdenklichen Fehler begangen haben. Ich denke, die Linke sollte ihnen den Respekt einräumen, sie für ihre Taten in die Verantwortung zu nehmen, und nicht über sie zu sprechen, als ob sie missbrauchte Kinder seien, wie es LSES vorschreibt.

Die Beendigung des Konflikts mit den Palästinensern ist Israels vordringlichstes Problem, und die Linke wird nicht an Popularität gewinnen, wenn sie grüner oder sozialistischer wird. Will Israels Linke etwas an Glaubwürdigkeit zurückgewinnen und die Wähler davon überzeugen, dass sie eine Rolle spielen kann, muss sie der israelischen Öffentlichkeit ein vernünftiges Bild von der Realität vermitteln. Und die Linke braucht einen Plan, der intelligenter ist als die Taktik der Rechten, (erfolglos) zu versuchen, der Welt zu erklären, dass der Konflikt sich nicht lösen, sondern nur verwalten lässt.  


Carlo Strenger wurde in Basel geboren, unterrichtet heute an der psychologischen Fakultät der Universität Tel Aviv und ist Mitglied des Permanent Monitoring Panel über Terrorismus der Weltföderation der Wissenschaftler.



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