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11. September 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 37 Ausgabe: Nr. 37 » September 10, 2009

Obamas Vietnam?

von Andreas Mink, September 10, 2009
In Afghanistan geraten die westlichen Streitkräfte ins Hintertreffen, während Präsident Hamid Karzai offensichtlich in grossem Stil Wahlbetrug betrieben hat und zunehmend an Glaubwürdigkeit verliert. Damit stellt sich für Barack Obama schneller als erwartet eine schicksalhafte Frage: abziehen oder nachdoppeln am Hindukusch?
US-SOLDATEN IN AFGAHNISTAN Die Kritik an der Strategie Obamas wird immer deutlicher

Wenn Barack Obama nach einer kurzen Sommerpause wieder die Arbeit aufnimmt, muss er nicht nur die Meinungshoheit in der Gesundheitsdebatte wiedergewinnen. In den vergangenen Wochen hat sich zudem das amerikanische Engagement in Afghanistan zu einem existentiell bedrohlichen Problem für Obamas Präsidentschaft entwickelt. Noch im letzten Herbst teilten Experten, die Medien und das Wahlvolk ganz überwiegend die Einschätzung Obamas, der Kampf gegen die Taliban und die al-Qaida in Afghanistan und in den angrenzenden paschtunischen Stammesgebieten Pakistans sei ein «guter» und im Gegensatz zur Irak-Invasion «notwendiger» Krieg. Angesichts der offenkundigen Wahlmanipulationen des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai und anhaltender militärischer Rückschläge haben gerade in den vergangenen Tagen namhafte Stimmen auf beiden Seiten des politischen Spektrums den Einsatz amerikanischer Truppen in Afghanistan vehement kritisiert. Dabei fehlt nur selten der Vergleich mit dem Vietnam-Krieg, bei dem die USA in gut 15 Jahren 56 000 Tote auf dem Schlachtfeld (gegenüber etwa fünf Millionen meist zivilen Opfern in Indochina) verloren hat, und der die Nation in eine tiefe wirtschaftliche und innenpolitische Krise stürzte.

Rascher Abzug gefordert

So rief mit George Will der bekannteste konservative Kolumnist des Landes nach einer radikalen Wende in Afghanistan. Kaum unterstützt von den Nato-Partnern, fehle es dem Pentagon an Soldaten, um seine Strategie «freikämpfen, halten, aufbauen» durchzuführen. Zudem existieren laut Will am Hindukusch nicht einmal Ansätze einer funktionierenden Staatlichkeit, um nach der Vertreibung der Taliban etwa aus der Provinz Helmand lokale Bevölkerungen zu schützen und zum Wiederaufbau anzuspornen. Will fordert daher den raschen Abzug westlicher Bodentruppen. Die effektive Bekämpfung von al-Qaida traut er Spezialeinheiten, der Luftwaffe und ferngesteuerten Drohnen zu. Ähnlich äusserte sich der liberale «New York Times»-Kolumnist Thomas Friedman. Er hebt auf den Wahlbetrug ab und entrüstet sich darüber, dass Karzai auf die Wut der Afghanen über zivile Opfer westlicher Luftangriffe mit Attacken gegen die USA reagiert, statt der Nato zur Seite zu stehen. Friedman ist entsetzt darüber, dass Washington «nach acht Jahren Krieg keinen Partner in Kabul hat», dem «freigekämpfte» Provinzen «übergeben» werden könnten. Dabei erwähnt Friedman nicht einmal, dass erhebliche Anteile westlicher Aufbauhilfen als «Schutzgelder» an die Taliban fliessen.
Mit dem Historiker Andrew Bacevich und dem ehemaligen republikanischen Senator Chuck Hagel stossen zwei konservativ-libertäre Vietnam-Veteranen in das gleiche Horn. Unabhängig voneinander drängen beide Obama, die amerikanischen Ziele in Afghanistan endlich genau zu definieren. Um diese zu verwirklichen, solle der Präsident Alternativen zu einem eskalierenden Militäreinsatz auf unabsehbare Zeit entwickeln. Hagel geht noch weiter, indem er feststellt, Amerika habe «alle Lektionen von Vietnam» vergessen: Kein Land habe heute die Macht, anderen Nationen seinen Willen und seine Werte aufzuzwingen. Versuche, dies dennoch durch den Einsatz «grosser Landheere in historisch komplexen, gefährlichen Regionen» zu erreichen, mündeten in einem Desaster. Hagel ruft deshalb nach «frischem Denken», um eine neue Ära der multilateralen und dauerhaften Zusammenarbeit Washingtons mit regionalen und globalen Mächten einzuläuten.

Die Geduld ist am Ende

Jenseits erheblicher Unterschiede werden die Parallelen zwischen 
Vietnam und Afghanistan tatsächlich jeden Tag deutlicher. So fühlten sich John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson innenpolitisch stets unter dem Druck konservativer «Falken», die den zunächst antikolonialistisch geprägten Konflikt in Vietnam zum Lackmustest für die Standhaftigkeit der Demokraten im Kampf gegen die rote Gefahr hochstilisierten. Auch Obama sah sich im Wahlkampf genötigt, «Stärke» zu demonstrieren, indem er zwar zum Abzug aus Irak, aber zur Eskalation am Hindukusch aufrief. Als Präsident hängt ihm dieses opportunistische Versprechen wie ein Mühlstein am Hals: Obama, seine Berater und das Pentagon können die schon in Vietnam ungelöste Frage nicht beantworten, wie Washington ein Land verteidigen und stabilisieren soll, dem der innere Zusammenhalt und überhaupt eine funktionierende Zivilgesellschaft fehlen. Brachte das korrupte Militärregime in Saigon die Präsidenten John F. Kennedy, Lyndon B. Johnson und Richard Nixon um den Schlaf, so plagten sich George W. Bush und nun Obama mit Hamid Karzai. Dieser hat es in acht Jahren versäumt, etwa eine eigene Partei aufzubauen, die ihm zumindest die Bildung einer landesweiten Hausmacht ermöglicht hätte. Als Erbe eines aristokratischen Paschtunenclans konnte er nicht verhindern, dass der zunächst religiös motivierte Guerillakrieg der Taliban zu einem Volksaufstand der Paschtunenstämme gegen das korrupte Kabul und die «ungläubigen» Besatzer mutierte. Stattdessen ist Karzai zu einem «Kriegshelden» neben anderen geworden, dessen Verwandtschaft kräftig im Opiumhandel mitmischt.

Ein schweres Erbe

Selbstverständlich hat Obama dieses Schlamassel am Hindukusch von George W. Bush und dessen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld geerbt, die nicht die Weitsicht hatten, Karzai gegenüber Stammesführern und Gangsterfürsten wie Rashid Dostum zu stärken. Doch die Uhr lässt sich nicht mehr zurückdrehen und nun geht die Geduld der Amerikaner mit Afghanistan zu Ende. Inzwischen lehnt eine Mehrheit der US-Wähler das zunehmend blutige Engagement dort ab.
Wie die Umfragen und die Medienstimmen zeigen, kann Obama allmählich nur noch auf ewige «Falken» wie John McCain oder Neocons wie Bill Kristol und Robert Kagan zählen. Als Reaktion auf die Will-Kolumne haben beide einen offenen Brief mit unterzeichnet, in dem sie Obama auffordern «sämtliche Mittel bereitzustellen, um diese Anstrengung erfolgreich zu Ende zu führen.» Damit ist die anscheinend bevorstehende Bitte des neuen Oberkommandierenden Stanley McChrystal um zusätzliche Truppen gemeint. Es ist bemerkenswert, dass bekennende «humanitäre Interventionisten» wie die nun in Obamas UN-Stab tätige Samantha Power derzeit stillhalten, also beispielsweise nicht vor den schlimmen Folgen eines Taliban-Siegs für die Mädchen und Frauen Afghanistans warnen.

Aufstand 
kritischer Generäle?

Insider vermuten, dass McChrystal und sein Stab mit ihrer Nachfrage um Truppen Obama die Konsequenzen der Strategie «freikämpfen, halten, aufbauen» drastisch vor Augen führen wollen: Will der Präsident diesen Weg gehen, muss er in Afghanistan deutlich und auf lange Sicht scheitern. McChrystal will so vermutlich auch dokumentieren, dass er nicht für ein allfälliges Desaster nach dem Muster Vietnams verantwortlich ist. Womöglich teilt der General sogar die Skepsis von George Will. Dieser hat von unerhoffter Seite Unterstützung bekommen: Nun wurde ein E-Mail veröffentlicht, in dem ihm der ehemalige Oberkommandierende des US Marine Corps, General Chuck Krulak, seine «totale Zustimmung» ausspricht. Der 67-jährige Krulak hat in Vietnam eine ganze Schatulle von Orden errungen und erklärt, McChrystal benötige für einen Erfolg Hunderttausende von Soldaten. Diese seien bekanntlich nicht verfügbar, weniger bekannt sei dagegen, dass neben den Soldaten auch das Kriegsmaterial der amerikanischen Streitkräfte «zerschlissen» sei und dringend einer Auffrischung bedürfe. Zudem seien Kriege im 21. Jahrhundert stets auch ideelle Auseinandersetzungen, so Krulak: «Ideen kann man nur mit besseren Ideen bekämpfen, nicht mit Kugeln» – in Afghanistan fehlten den Amerikanern aber ebenso die Ideen wie eine klare Definition ihrer Ziele und ihres Gegners. Krulak schlägt vor, aus der Luft unterstützte «Jagd-» und «Tötungskommandos» auf die Al-Qaida-Führung anzusetzen und die Opiumernte komplett aufzukaufen, um die Bauern zu gewinnen und die Taliban zu schwächen. Krulak schliesst mit der Bemerkung, viele Militärs im Ruhestand und im aktiven Dienst teilten seine Auffassung. Damit könnte Obama das Schicksal von George W. Bush drohen, dessen Irak-Politik 2006 ebenfalls einen Aufstand kritischer Generäle in den Abendnachrichten provoziert hat. Die Wahlniederlagen für die damalige Regierungspartei in Washington liessen danach nicht lange auf sich warten.  





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