«Mir hat man in Wien alles genommen»
Ein heikles Gipfeltreffen: Im Juni dieses Jahres fand die fünftägige Prager Konferenz zu Holocaust-Fragen (vgl. tachles 25/09) mit der Annahme der «Theresienstädter Erklärung» und einer Feierstunde im ehemaligen Ghetto Theresienstadt statt. Die Zusammenkunft in Prag stand in der Nachfolge der in Sachen Restitution wegweisenden Konferenz in Washington im Jahre 1998. In der tschechischen Hauptstadt erörterten die Teilnehmer neben Restitutionsfragen auch die soziale Lage der Holocaust-Überlebenden und das Thema Bildung und Gedenken. Im Verlauf der Tagung wurde erneut deutlich, dass die umfangreichen Entschädigungsleistungen der Bundesrepublik international anerkannt werden. «Die Prager Konferenz zeigt, dass wir uns unserer besonderen Verantwortung bei der Aufarbeitung von NS-Unrecht und den Folgen des Holocaust bewusst sind», erklärte Bundesaussenminister Frank-Walter Steinmeier dazu in Berlin. Die «Theresienstädter Erklärung» spiegelt das Bemühen wider, den heute hoch betagten Überlebenden des Holocaust Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Auseinandersetzungen um die Rückerstattung von weltberühmten Gemälden von Egon Schiele oder etwa Ernst Ludwig Kirchner bestimmen seit über zehn Jahren verstärkt die Schlagzeilen der Kunstwelt. Die Aufsehen erregende Restitution der sogenannten «Goldenen Adele», das von Gustav Klimt 1907 vollendete Bildnis der Wiener Industriellengattin Adele Bloch-Bauer, rückte das Problem Raubkunst weltweit in den Mittelpunkt des Interesses: 1903 hatte der Kunstsammler und Mäzen Ferdinand Bloch den Jugendstilkünstler Gustav Klimt gebeten, seine Frau zu porträtieren. Kein anderes Bild, heisst es, habe der Maler ähnlich sorgfältig vorbereitet wie das Bildnis «Adele Bloch-Bauer, Dame in Gold». Nach dem «Anschluss» Österreichs begann auch der Ausverkauf des beschlagnahmten Bloch-Bauer-Vermögens. Man habe ihm in Wien alles genommen, schrieb der jüdische Zuckerfabrikant Bloch 1941 an den Maler Oskar Kokoschka. Nach einem Restitutionsverfahren wurde das Bild viele Jahrzehnte später einer Nichte des Industriellen zuerkannt. Sie verkaufte es. Der New Yorker Kosmetikkonzernchef Ronald S. Lauder erwarb das Ölgemälde 2006 für – unbestätigte – 135 Millionen Dollar, die höchste Summe, die bis dato für ein Gemälde bezahlt wurde. Lauder, Präsident des World Jewish Congress, hängte das Bildnis von Adele Bloch-Bauer als eine Art «Mona Lisa von Manhattan» an die prominenteste Stelle seiner der deutschen und österreichischen Kunst gewidmeten Neuen Galerie am New Yorker Central Park.
Grösster Kunstraub aller Zeiten
So weltbekannt die «Goldene Adele» und der Ankauf durch den engagierten Kunstsammler Lauder ist, so unbekannt und vergessen sind die Namen vieler anderer bedeutender jüdischer Kunstsammler. Ein ungewöhnlicher und von Experten und Kritik hoch gelobter Bildband («Verlorene Leben, verlorene Bilder. Jüdische Sammler und was aus ihren Kunstwerken wurde», Sandmann-Verlag) schliesst diese Lücke. Das Buch erzählt von bekannten und weniger bekannten Menschen und ihren Sammlungen, die während des Nationalsozialismus zerschlagen und nie wieder rekonstruiert worden sind. Die internationale Bestsellerautorin Melissa Müller, die Restitutionsexpertin Monika Tatzkow sowie der Schriftsteller Thomas Blubacher und der Jurist Gunnar Schnabel rekonstruieren exemplarische Sammler-Geschichten mit viel Gespür. «Dem Vergessen entgegenwirken» wollen die Autoren und mit ihrer Publikation eine historische Lücke schliessen. Zu den von ihnen vorgestellten Biografien gehören die des mondänen Geschwisterpaares Francesco und Eleonora Mendelssohn, das im Berlin der Weimarer Republik Furore machte, die von Leo Bendel, Adele und Ferdinand Bloch-Bauer, Lil-ly und Claude Cassirer, Oscar Huldschinsky und Ann Sommer, Alma Mahler-Werfel, Max Silberberg, Max Steinthal, Walter Westfeld, Karl Grünwald, Paul Westheim, Sophie Küppers-Lissitzky, Jacques Goudstikker sowie von Alfred und Thekla Hess. Die Familie des jüdischen Schuhfabrikanten Alfred Hess etwa förderte die Avantgarde. Hess war mit Künstlern wie Wassily Kandinsky, Max Pechstein, Lyonel Feininger, Otto Dix und Alexej von Jawlensky befreundet, Bilder von Karl Schmidt-Rottluff, Emil Nolde und Max Pechstein zierten das Erfurter Privathaus. Kirchners «Berliner Strassenszene» von 1913, das wie kaum ein zweites Bild für das Pro und Kontra der Kunstrestitution steht, befand sich fast
20 Jahre im Besitz der Familie Hess, bevor es gegen Ende 1936 zwangsverkauft und 2006 zurückerstattet wurde. In Breslau hatte der Industrielle Max Silberberg eine umfangreiche Sammlung zusammengetragen. Über der Anrichte im heimischen Speisezimmer hing ein Bild von Vincent van Gogh, ausserdem besass Silberberg bedeutende Arbeiten von Manet, Monet, Pissarro und seinem Freund Max Liebermann sowie von Paul Klee und Henri Matisse. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und dem erzwungenen Umzug in eine kleine Mietwohnung musste Silberberg in Versteigerungen den Grossteil seines Besitzes veräussern. Zu den von den Autorinnen aus der Vergessenheit geholten Sammlern gehören auch Alphonse Mayer und Louis Nathaniel de Rothschild: Unmittelbar nach dem «Anschluss» 1938 wurden die Wiener Häuser der Brüder von der Gestapo versiegelt, um die dort befindlichen Kunstgegenstände, so die elegante Umschreibung, «sicherzustellen» – über Monate räumten SS-Trupps anschliessend das Palais Rothschild aus.
Noch viele Raubkunstfälle ungeklärt
Im grössten Kunstraub aller Zeiten enteignete das Naziregime etwa 600 000 Kunstwerke aus jüdischem Privateigentum. Die stufenweise Ausplünderung jüdischen Kunstbesitzes, ja der Entzug ganzer Sammlungen, war Bestandteil der NS-Politik ab 1933. Seit 1919 gab es in Deutschland bereits eine «Ausfuhrverbotsverordnung» für herausragende Kunstwerke. Auf diese Weise sollte nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches, später nach der Inflation 1921 und der Weltwirtschaftskrise von 1929 und 1930 ein kultureller Aderlass abgewendet werden, schreibt der Rechtsanwalt Gunnar Schnabel, mit Monika Tatzkow Autor des Buches «Nazi Looted Art. Handbuch der Kunstrestitution weltweit». Das NS-Regime instrumentalisierte diese Verordnung, um generell die Ausfuhr von Kunstwerken rassisch oder politisch Verfolgter zu verhindern und deren Vermögen im Deutschen Reich einzuziehen. Nach Hitlers Machtübernahme versuchten viele jüdische Sammler, Kunstwerke ins Ausland zu retten oder ins Exil mitzunehmen. Manche überliessen ihren Besitz Freunden oder Verwandten oder verkauften zu Schleuderpreisen. Deponierte Ware, oft in der Hoffnung auf bessere Zeiten oder, zur Nachsendung bestimmt, in Speditionen gelagert, wurde zwangsversteigert. Auch in den besetzten Gebieten wurde reiche Beute gemacht. Mit den Errungenschaften wurden Museen und private Sammlungen bereichert – einschliesslich der des Kunstfanatikers und verhinderten Malers Adolf Hitler. Die Museumsdirektoren wiederum sagten, unabhängig von ihrer persönlichen politischen Haltung, zumeist nicht Nein zu der einmaligen Chance, sich erstklassige Kunstwerke zu Preisen weit unter Wert für ihre Museen zu sichern – und machten sich so zu Komplizen des Systems.
Problematische Wiedergutmachung
Das Autorenteam um Melissa Müller und Monika Tatzkow gibt, etwa am Beispiel der prominenten Komponisten-Witwe Alma Mahler-Werfel und dem Gemälde «Sommernacht am Strand» von Edvard Munch, das im Mai 2007 nach jahrzehntelangem Streit an die Enkelin von Alma und Gustav Mahler, Marina Fistoulari-Mahler, zurückgegeben wurde, tiefe Einblicke in die Problematik der Restitution und Wiedergutmachung. Seit 1945 bemühen sich Geschädigte und Erben um die Erstattung ihrer verlorenen Bilder. Indes stehen die Diskussion um die Rückgabe von Kunstwerken und Kulturgütern, die während des Nationalsozialismus entzogen worden sind, sowie die Provenienz-Forschung seit Dezember 1998 unter neuen Vorzeichen. Damals verpflichteten sich in Washington 44 Staaten, darunter Deutschland, Österreich, Frankreich und die Niederlande, das Problem Raubkunst zu lösen. Alteigentümer und Erben wurden ermutigt, ihre Ansprüche geltend zu machen. Seitdem machten einige spektakuläre Debatten um Rückerstattung und Herausgabe – allen voran Kirchners 2006 zurückerstattete «Berliner Strassenszene» und Klimts «Adele» – weltweit Schlagzeilen. Doch noch immer sind viele verfolgungsbedingte Verluste ungeklärt, pochen Anspruchsteller auf ihr Recht. Die Prager Konferenz rückte dies und damit die Notwendigkeit von Provenienzforschung einmal mehr in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. So fordern die Erben von Sophie Lissitzky-Küppers bisher vergeblich das Bild «Sumpflegende» von Paul Klee, das derzeit im Münchner Lenbachhaus hängt, zurück: Diskussionen um die Rückgabe geraubter Kunstgegenstände an jüdische Besitzer oder deren Nachfahren sind mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bei Weitem nicht abgeschlossen.


