Appell an jüdische Gemeinschaft
Nachdem der anfängliche Optimismus anlässlich des Endes des Apartheidregimes 1994 abgeklungen ist, haben viele Juden Südafrika aus wachsender Besorgnis, Kriminalität und fehlender wirtschaftlicher Möglichkeiten verlassen. Der Pessimismus in der jüdischen Gemeinschaft schien noch zuzunehmen, als Jacob Zuma, der vor etwas mehr als drei Monaten sein Amt als Staatspräsident antrat, Ende 2007 den damaligen Präsidenten Thabo Mbeki im Kampf um den Vorsitz des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) geschlagen hatte. Viele junge Juden zogen eine Emigration nach Australien oder Israel in Betracht. Zahlenmässig sank die Gemeinde inner einer Generation von 120 000 auf
80 000 Mitglieder.
Südafrika als Heimat
Dieser Tage sagte Zuma: «Dieses Land leidet unter einem massiven Mangel an Talenten. Akzentuiert wird das Problem durch die Emigration gebildeter Menschen. Wir müssen darum bemüht sein, den Trend umzukehren.» Der Präsident sprach vor rund 800 Zuhörern an der
54. nationalen Konferenz des Jewish Board of Deputies, der jüdischen Dachorganisation von Südafrika. «Menschen», fuhr Zuma fort, «die das Land verlassen haben, um im Ausland zu leben und zu arbeiten, wollen wir die Botschaft vermitteln, dass Südafrika stets ihre Heimat bleiben wird. Ich werde sie immer willkommen heissen, was auch immer ihr Beitrag zum Aufbau dieser Nation sein
möge.»
Die Emigration war eines von vielen Themen, die Jacob Zuma in seiner Rede anschnitt, deren Zweck es war, das jüdische Vertrauen in seine Verwaltung zu stärken. Der Präsident, dessen minimale formelle Ausbildung und dessen ungewöhnlicher Lebensstil (er ist mit mehreren Frauen verheiratet) in der jüdischen Gemeinschaft gewisse Sorgen ausgelöst haben, sprach auch über Religionsfreiheit, Antisemitismus und die Nahostpolitik seines Staates: «Als Präsident betrachte ich es als eine meiner Pflichten, die Einheit dieser Nation zu bewahren und gleichzeitig ihre Verschiedenheit zu pflegen. Wir müssen wachsam bleiben gegenüber jeder Manifestation des Antisemitismis und anderer Erscheinungen der Intoleranz. In Südafrika ist kein Platz für Rassismus, Stammesstrukturen, Antisemitismus und Fremdenhass.»
Zuma, der von mehreren Ministern und Provinzrepräsentanten begleitet war, wurde am Kongress herzlich begrüsst. Es war zwar das erste Mal, dass er vor der jüdischen Gemeinschaft auftrat, doch war er vor einem Jahr mit einer Delegation der Dachorganisation zusammengekommen. Mervyn Smith, Präsident des African Jewish Congress, sah in Zumas Präsenz eine «warme, den Juden Südafrikas hingehaltene Hand» sowie ein Bekenntnis der Regierung zur Religionsfreiheit. Allerdings gebe es laut Smith in der Regierung und unter den Freunden des ANC «fraglos Elemente, die nicht in diesem Masse korrekt sind». Der die politische Szene des Landes dominierende ANC ist deutlich propalästinensisch. Über 80 Prozent der südafrikanischen Juden unterstützen die oppositionelle Demokratische Allianz. Für viele Gemeindemitglieder ist Zuma persönlich weniger problematisch als seine Partei.
Eine «gute Geste»
In seiner Ansprache berührte Zuma auch den arabisch-israelischen Konflikt. «Wir unterstützen die Position der Uno und des Nahost-Quartetts, wonach die einzige lebensfähige Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts die Beendigung der Besetzung ist, die 1967 ihren Anfang genommen hatte. Diese Lösung wird den Bestrebungen beider Parteien nach unabhängigen Heimatländern durch die Formel von zwei in Frieden und Sicherheit nebeneinander lebenden Staaten für zwei Völker gerecht.» Zuma rief die Zuhörer dazu auf, Präsident Barack Obamas Bemühungen zur Förderung dieser Zielsetzungen zu unterstützen. Der südafrikanische Präsident bot auch seine Hilfe an – sein Land habe eigene Erfahrungen durch die Beendigung der Apartheid gesammelt: «In diesem Zusammenhang möchten wir mit der jüdischen Gemeischaft Südafrikas kooperieren», sagte er.
Für Dalia Lichtenstein, eine Anwältin aus Kapstadt, sind Zumas Avancen zunächst positiv. «Für den Moment ist alles in Ordnung», sagte sie. «Der Dialog muss weitergehen, und ich denke, die Übereinkunft existiert, nicht in allem miteinander einverstanden zu sein, sich aber trotzdem zu respektieren. Das ist schon ein sehr guter Anfang.» Für Jack Bloom von der Demokratischen Allianz war die Ansprache normativ. «Zuma machte gute Versprechungen, doch jetzt kommt es darauf an, was in der Praxis daraus wird.» Trotzdem sah Bloom in Zumas Auftritt eine «gute Geste».


