«Eine breite Diskussion findet nicht statt»
TACHLES: Was war Ihre Motivation, das Midbar-Präsidium zu übernehmen?
Reto Wehrli: In erster Linie die guten Projekte, die Midbar durchführt und unterstützt, und dass diese Projekte allen offen stehen. Dazu kommen natürlich mein Interesse, meine Sympathie für Israel.
Schweben Ihnen persönlich konkrete weitere Projekte vor?
Primär geht es darum, Geld für die sehr guten laufenden Projekte aufzutreiben. Ich kann mir aber auch vorstellen, wie man das Geschäftsfeld erweitern könnte. Beispielsweise im Zusammenhang mit den Projekten zur Solarenergie aus der Wüste, die brach liegen. Israel hat eigentlich kein Energieproblem, sondern eines der mangelnden Umsetzung des Solarpotenzials.
Auf welcher Ebene liegt dieser Zusammenhang?
In der grundsätzlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Photovoltaik – bislang ein weites, brach liegendes Feld, das bearbeitet werden müsste.
Sie waren eben eine Woche lang für Midbar in Israel. Was sind Ihre neuen Eindrücke von den Projekten?
Am meisten Eindruck machte mir, die Leute zu sehen, die zu den Projekten gehören – unglaublich kompetente und engagierte Leute an der Front, die ihre Projekte mit Professionalität und auch Erfolg umsetzen. Weltklasse!
Und wie empfanden Sie die generelle Stimmung in Israel – auch in Bezug auf die Schweiz?
Zur Schweiz habe ich nichts Negatives erfahren. Die generelle Stimmung
kann ich allerdings anhand dieses
einwöchigen Aufenthalts nicht
beurteilen.
Der Nahe Osten ist im politischen
Bern für verschiedenste parlamentarische Gruppen ein Thema. Sind Sie als Nationalrat ebenfalls involviert?
Nein, und unter dem Aspekt meiner Tätigkeit für Midbar ist es auch besser, im politischen Feld nicht permanent dabei zu sein. Ich möchte mein Midbar-Amt möglichst unbeeinflusst von der Tagespolitik wahrnehmen.
Aber Ihre Tätigkeit als Politiker war doch sicher mit ein Grund, Ihnen das Präsidium anzubieten.
Davon ist auszugehen. Das Midbar-Mandat ist jedoch nicht politisch, sondern pragmatisch-praktisch.
Sie sind aber Mitglied der Aussenpolitischen Kommission (APK), für die Israel sowie der Nahe Osten im letzten Jahr ein grosses Thema war.
Nein, interessanterweise eben nicht in der APK, sondern in der Schweizer Aussenpolitik. Ich glaube aber, dass man
Israel – gleich wie andere strategische Themen – in der APK gelegentlich zu einem Thema machen muss. Und zwar unabhängig von mehr oder weniger zufälligen Aktualitäten.
Weshalb?
Es sind immer wieder mediale Wellen zu verzeichnen, die in der Schweizer Politik nicht gründlich diskutiert werden, geschweige denn abgestützt sind. Es gibt keine strategische Diskussion über die schweizerische Politik im Nahen Osten, die diesen Namen verdient! Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten agiert selbst, was ein Fehler ist, vor allem ein Fehler der APK selbst. Punktuelle Fragen werden punktuell beantwortet, aber eine breite Diskussion findet nicht statt.
In den Medien werden politische Nahost-Themen in jüngerer Zeit trotzdem immer wieder hochgekocht.
Ja, aber eben auch punktuell. Es sind immer wieder einzelne Ereignisse, und dabei stellt man fest, dass es Meinungen und Lager dazu gibt in der Schweiz. Es fehlt an einer breiten Diskussion – zumindest auf parlamentarischer Ebene.
Warum ist das so? Gibt es eine Art Angst vor diesem Thema?
Angst könnte durchaus ein Grund sein, es gibt aber auch zu wenig Angst. Gerade bei punktuellen Äusserungen finde ich es manchmal unglaublich mutig, wie schnell man da zu wissen glaubt, was Sache ist und welche Seite Recht hat.
Midbar und Keren Kayemeth Leisrael haben ja etliche Projekte, die auf verschiedenen Ebenen wirken, namentlich die Projekte für Beduinen. Was haben Sie diesbezüglich für Eindrücke erhalten?
Man versucht, die Situation dieser Menschen zu verbessern, etwa mit Wasserprojekten, die den Lebensumständen der Beduinen wirklich zugute kommen.
Soll man die Beduinen überhaupt zur Sesshaftigkeit ermutigen?
Dazu kann ich nicht generell Stellung nehmen. Die Projekte beschäftigen sich auch nicht mit dieser Frage, sondern gehen vom Faktum aus, dass es sesshafte Beduinen gibt, deren Siedlungen sich zu Dörfern und Städten verdichten.
Ist es sinnvoll, dass die israelische Regierung solche Aufgaben – die eigentlich ihr obliegen – an NGOs delegiert, die mit relativ viel Geld aus dem Ausland arbeiten?
Diese Parallelität besteht schon seit der Staatsgründung und ist historisch gewachsen. Aus meiner – vielleicht beschränkten – Sicht sehe ich nichts Kritisches an dieser Aufgabenteilung, im Gegenteil. Man hat damit beispielsweise erreicht, dass der Boden nicht den gleichen spekulativen Tendenzen unterliegt wie in anderen westlichen Ländern. Ich finde diese kollektivere Sicht solcher Güter sympathisch. Sie findet eine Parallele im schweizerischen System der öffentlich-rechtlichen Körperschaften wie Korporationen und Bürgergemeinden.
Was ist die Motivation für Midbar, sich bei solchen Projekten zu engagieren?
Die Botschaft liegt direkt in den Projekten. Es geht darum, die Lebensbedingungen in der Region zu verbessern, und Israel hat darin heute sicher eine führende Position. Wichtig ist auch der internationale Austausch, in dessen Rahmen die Ergebnisse der Arbeit publiziert werden. Darüber hinaus braucht es doch gar keine Motivation und Begründung – das Ziel zeigt sich im Akt selbst.
Wie wollen Sie die Mittel dafür in der Schweiz generieren?
Indem man die laufenden Projekte dokumentiert und vorzeigt und für das Fundraising die klassischen Instrumente – weitgehend im Mailing-Bereich – einsetzt.
Ist es auch ein Ziel, die im entsprechenden Bereich tätige Industrie und Wirtschaft in der Schweiz in die Projekte einzubinden?
Das ist durchaus möglich, und hier komme ich auch wieder auf das Sonnenenergie-Wüstenprojekt als Möglichkeit dafür zurück. Eine allgemeine Vernetzung ist weniger zielführend als konkrete Impulse, und Israel bietet doch beste Bedingungen dafür, diesem Vorhaben zum Durchbruch zu verhelfen. Dafür würde ich mich gerne einsetzen.


