Die Mär vom Schmelztiegel
Immigration und Integration. Drei private religiöse Schulen in Petah Tikva taten sich schwer, äthiopische Immigrantenkinder zu Beginn des neuen Schuljahres in ihre Institutionen aufzunehmen. Daran konnte zunächst auch der Beschluss des israelischen Erziehungsministeriums nichts ändern, den betreffenden Schulen die staatliche Finanzhilfe zu entziehen – immerhin 60 bis 75 Prozent ihres Jahresbudgets. Erst der Druck auf die Schulen, um den sich die israelischen Oberrabbiner angesichts der wachsenden Empörung nicht länger drücken konnten, führte dazu, dass die fehlbaren Bildungsverantwortlichen in Petah Tikva, der Not gehorchend und nicht dem eigenen Triebe, sich fürs Erste fügten. Keiner kann aber garantieren, dass es nächstes Jahr nicht wieder zum gleichen erbärmlichen Theater kommen wird, in Petah Tikva oder wo auch immer im Lande aschkenasisch-hellhäutig dominierte Schulen um ihre ebenso elitistische wie ungerechtfertigte Vormachtstellung fürchten. Sozusagen um Salz in die Wunde zu streuen, schlug der Bürgermeister von Petah Tikva vor, die äthiopischen Kinder in säkularen Bildungsinstitutionen einzuschulen, wobei ein speziell für sie aufgebotener Rabbiner ihr geistig-religiöses Wohl zu gewährleisten hätte. Der sephardische Oberrabiner Schlomo Amar lehnte das Ansinnen in Bausch und Bogen ab, und Rabbi Ovadia Yosef (Shas) wies die Schulen seines Netzes an, jedes äthiopische Kind aufzunehmen, das darum ersucht. Politisch klug, denn die nächsten Wahlen kommen bestimmt.
Rassistisch, arrogant. Da setzten sich Alija-Aktivisten jahrelang, teils unter Gefährdung ihres eigenen Wohlergehens, dafür ein, Juden aus Ländern der Bedrängnis den Weg ins Land ihrer Vorväter zu ebnen, und dann benehmen sich Leute, denen ein gütiges Schicksal oder der Holocaust die Gunst der frühen Einwanderung oder der Geburt in Israel selber beschert hat, auf eine Art, die sich nur als rassistisch und arrogant beschreiben lässt. Der Schmelztiegel der Nationen, als der Israel immer wieder über den grünen Klee hinaus gelobt wird, ist auch über 60 Jahre nach der Staatsgründung nicht viel mehr als eine Ansammlung von fein säuberlich getrennten Töpfen und Töpfchen, in denen jede Landsmannschaft ihr eigenes Süppchen kocht und auslöffelt. Hin und wieder vermengen sich schwarze, braune oder weisse Spritzer, doch aufs Ganze betrachtet sind das kaum mehr als Alibiübungen und Augenwischerei.
Schande. Präsident Shimon Peres spricht mit Blick auf Petah Tikva von einer «Schande», die kein Israeli akzeptieren könne, Premier
Binyamin Netanyahu von einem «unserem Ethos widersprechenden moralischen Terroranschlag», und Ex-Erziehungsminister Yossi Sarid ruft das ganze israelische Bildungswesen zum Streik auf, wenn auch nur ein einziges kleines Mädchen draussen vor der Tür bleiben muss, ohne zu wissen warum. «Das ganze System ist ohne innere Werte», betont Sarid, «wenn auch nur ein einziger schwarzer Junge isoliert und beschämt wird.» Wahre Worte, doch ist es Zeit für Taten. Sollte Israels Gesellschaft chronisch indifferent bleiben, müsste die Diaspora in Szene treten, etwa indem Schulen, Universitäten, Kindergärten oder -heime sich vor Erhalt von Spenden schriftlich und verbindlich verpflichten müssten, Schutzbefohlenen «völlige soziale und politische Gleichheit» zu garantieren, ungeachtet von «Religion, Rasse oder Geschlecht». Die in Anführungszeichen gesetzten Worte entstammen der Unabhängigkeitserklärung von 1948.


