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September 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 09 Ausgabe: Nr. 9 » August 27, 2009

Spöttische Gelassenheit

Von Andreas Mink, August 31, 2009
Mit seinem autobiografischen Bestseller «Unter Linken» demonstriert Spiegel-Redaktor
Jan Fleischhauer, dass er an der Uni Hamburg doch mehr gelernt hat, als ihm bewusst ist.
AUTOR JAN FLEISCHHAUER Angriff auf vertraute deutsche Begriffe

von Andres Mink

Im vergangenen Mai hat der Spiegel-Redaktor Jan Fleischhauer mit «Unter Linken» eine Mischung aus Autobiografie und politischer Kampfschrift veröffentlicht, in der er sich als «einen, der aus Versehen konservativ wurde», darstellt. «Unter Linken» schreitet von der Ideologiegeschichte bis zur Ausländerpolitik ein breites Themenspektrum ab. Dabei dient die Behauptung als roter Faden, «Linke» und «die Linke» stünden hinter allen Missständen in der Bundesrepublik. «Die Linke» wird so offen definiert, dass zu ihr bundesdeutsche Gewerkschafter und Professoren ebenso zählen wie Hitler, Robespierre und die Roten Khmer. Dank der schlagzeilenträchtigen These hat sich das Buch gut verkauft und fand ein breites Medienecho. Diesem seien hier Bemerkungen hinzugefügt, die auf persönlichen Eindrücken beruhen. «Unter Linken» spricht zu Anfang des Kapitels «Wider die Herrschaft der Vernunft – die Linke und das Bildungssystem» das Studium des Autors an der Universität Hamburg Mitte der achtziger Jahre an. Dort habe ich gemeinsam mit Jan Fleischhauer etliche Seminare beim Literaturwissenschaftler Klaus Bartels verbracht. Auf der ersten Seite des Bildungs-Kapitels heisst es: «Vernunft und Wahrheit waren pluralitätsfeindliche Herrschaftsbegriffe, die als autoritär, hierarchisch oder totalitär abzulehnen waren, wie man bei den französischen Meisterdenkern nachlesen konnte, die bei mir und meinen Kommilitonen hoch im Kurs standen. Es gab aus unserer Sicht wenig Grund, diese Erkenntnis in Frage zu stellen.» Als einer, der hier ungefragt in ein Kommilitonen-Kollektiv eingegliedert wurde, möchte ich zunächst darauf hinweisen, dass sich der Autor ganz am Ende des Buches unter anderem bei Klaus Bartels bedankt, diesen aber nicht namentlich im Bildungs-Kapitel nennt. Und doch hat er in dessen Literaturwissenschafts-Seminaren die «französischen Meisterdenker» Lacan und Derrida kennen gelernt. Deren Studium hat ihn angeblich zunächst daran gehindert, «im Leben ausserhalb des Seminars Anschluss zu finden». Dies gelingt dem Autor jedoch, in dem er sich – «die geballte Faust in der Tasche» – in die Obhut von Wolf Schneider begibt, damals Leiter der Hamburger Journalistenschule von Gruner + Jahr. «Untadelig» in «gebügelter Flanellhose zum Tweedjacket» gekleidet, holt Schneider den Autoren «auf den Boden der Tatsachen einer versunkenen Welt», in der etwa «zum Bildungskanon die grossen Dramen Goethes» gehörten.

Indiz für erworbenes Wissen

Hier ist zunächst bemerkenswert, dass uns Bartels zwar dankenswerterweise Lacan, Derrida und Michel Foucault nahe gebracht hat. Aber von Haus aus war er Goethe-Spezialist. Bartels verteufelte keineswegs «Vernunft und Wahrheit als pluralitätsfeindliche Herrschaftsbegriffe», sondern brachte uns zum Nachdenken über «die Schattenseiten der Aufklärung». Bartels war weder im Gewerkschafts- noch im Sinne der Khmer Rouge ein «Linker», sondern vielmehr ein höchst anregender Frager und Zweifler, vor allem aber ein anspruchsvoller «Schleifer», der von uns Leistung und Engagement verlangte. Bei Bartels hatten wir «Anton Reiser», «Wilhelm Meister» und den «Grünen Heinrich», Thomas Mann und Robert Musil, aber auch Georges Bataille und Pierre Bourdieu zu lesen.
Bourdieus «Feine Unterschiede» finden sich in der Literaturliste von «Unter Linken». Dies ist jedoch nur ein Indiz für das Wissen, dass der Autor von «Unter Linken» bei Bartels erworben hat und das im Buch so breit aufgefahren wird: Von Jean-Jacques Rousseau, der seine eigenen Kinder ins Waisenhaus steckt, bis zum Kriminologen Cesare Lombroso oder der Auseinandersetzung mit Stil und Kleidung – all dies lernten wir damals im Philosophenturm der Uni Hamburg kennen. «Unter Linken» ist ohnehin stark von den achtziger Jahren geprägt: Warum sollte es noch der Mühe wert sein, sich über Bettina Wegeners Lied von den «kleinen Händen» (1978) zu mokieren, wie das damals im Seminar geschah und wie «Unter Linken» das heute tut?

Buch zur Provokation

Bei Bartels haben wir Goethe auch als einen Autoren betrachtet, der sich mit den seltsamen Wegen auseinandersetzt, auf denen Verdrängtes an die Oberfläche findet. Es hat in diesem Sinne etwas Goethisches an sich, dass selbst das Konzept von «Unter Linken» an die Bartels-Seminare erinnert: Dort haben wir an zahlreichen Beispielen nachgelesen, wie autobiografisches Schreiben dazu dient, einem Leben nachträglich Sinn und Richtung zu verleihen. Dabei fallen notwendigerweise Fakten unter den Tisch, die nicht in das neue Selbstbild passen. So verschweigt «Unter Linken» etwa die Tätigkeit des Autors als wissenschaftlicher Mitarbeiter von Bartels. Zumindest in meiner Erinnerung war Jan Fleischhauer damals kein wie auch immer definierter Linker. Klug, ebenso leistungsfähig wie -willig, ehrgeizig und nicht vernarrt in dogmatische Positionen, so ist mir der Autor im Gedächtnis geblieben. Eine fundamentale Wandlung hat er in meinen Augen seither nicht durchlaufen, auch wenn er die Bartels-Seminare und das Zusammentreffen mit Wolf Schneider als Wendepunkt seiner Biografie beschreibt.
Daher überrascht es nicht, dass auch der Begriff «konservativ» merkwürdig leer erscheint. «Unter Linken» geht hier nicht weit über Tweed und Flanell, also Stilfragen hinaus. Dazu gehört auch eine als «spöttische Gelassenheit» definierte Lebenshaltung. Bei der Lektüre des Buches werden die Umrisse einer Idealfigur erkennbar, die katholische Anflüge hat, aber auf jeden Fall die feinen Unterschiede bei erlesenen Getränken kennt und nach alter Herrenart darauf achtet, ob sich eine Frau noch kurze Röcke an den Beinen leisten kann. Dieser «Konservative» hält auch dann an seiner spöttischen Gelassenheit fest, wenn kleine Geister am Klimawandel verzagen oder sonstwie die Contenance verlieren. Letztlich geht es hier nur um die Differenzierung von den Mitmenschen, also um die feinen Unterschiede, die auch in Deutschland Oben und Unten definieren.

Darin könnte auch die Bedeutung von «Unter Linken» über den Tag hinaus liegen. Auch vor dem laufenden Wahlkampf betrachtet, haben «Links» und «Rechts» in Deutschland anscheinend so viel an Bedeutung verloren, dass sie zu leeren Hülsen geworden sind. Doch wie die Diskussion um das Buch zeigt, haben diese Hülsen ihre Funktion als Identifikatoren noch so weit beibehalten, dass Attacken auf die vertrauten Begriffe starke Reaktionen provozieren. Doch diese laufen ins Leere, da «Unter Linken» zwar eine Flut von Recherchen und Wissen aufbietet, aber letztlich zu überzogen und arm an konkreten Verbesserungsvorschlägen ist, um eine fruchtbare, gesellschaftliche Diskussion auszulösen. Dies hat die Kritik frustriert. Deutsche Rezensenten tun sich schwer mit diesem Beispiel für das Kulturgut Buch, das von einer breiten Bildung zeugt, aber nur der Provokation und letztlich dem Umsatz und der Profilierung des Autors dient, nicht aber der Förderung des Gemeinwohls. Es mag altmodisch oder konservativ klingen, aber diese Reaktion spricht dafür, dass die Vernunft immer noch ein sicheres Zuhause in Deutschland hat.
Darüber hinaus reflektiert das Buch die Entwicklung der Medienbranche, die es auch für prominente Printjournalisten ratsam erscheinen lässt, sich auf anderen Kommunikationsplattformen wie Büchern, Blogs oder im TV zu etablieren. Von Amerika aus gesehen ist all dies jedoch nicht verwerflich, sondern ein vertrautes Muster. Hier machen Journalisten wie Bill O´Reilly, Glenn Beck oder Ann Coulter seit Jahr und Tag mit Büchern Auflage und Furore, die Konservativen ihre schlimmsten Ressentiments bestätigen und bei Liberalen und Progressiven provokant «die Knöpfe drücken». «Unter Linken» reicht nicht an die überkandidelte Aggressivität und die tollkühne Realitätsverweigerung heran, die etwa die Bestseller von Ann Coulter auszeichnen. Aber es ist bemerkenswert, dass dieses amerikanische Genre politischer «Knopfdruck-Bücher» nun auch in Deutschland einzieht. Was würde
Goethe dazu sagen?   

Andres Mink ist aufbau-Redaktor und lebt in New York.


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