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September 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 09 Ausgabe: Nr. 9 » August 27, 2009

Siegfried ist tot – es lebe die Volksaktie

Von Irene Armbruster, August 31, 2009
Zum 60. Geburtstag stellen die Deutschen fest, dass sie keine Gründungsmythen haben. 
Vielleicht ist das auch ein Teil des Erfolges einer jungen Demokratie.
KONRAD ADENAUER SPRICHT ZUM VOLK Selbst einschneidende historische Umstürze konnten keinen Gründungsmythos entfachen

von Irene Armbruster

Gehorsam und Disziplin der Untergebenen, Pflichtbewusstsein und eine dienende Haltung der Eliten – das war das Credo, welches den Preussenmythos begründete und Deutschland nachhaltig prägte. Und auch dieser Untertanengeist und die militaristische Tradition Preussens machte es den Offizieren des 20. Juli 1944 so schwer, zu Attentätern gegen Hitler zu werden. Der Mythos war mächtig, und nicht alle hatten die Souveränität Heinrich Heines, der sich im Wintermärchen schon Mitte des 19. Jahrhunderts darüber lustig machte:



Sah wieder preussisches Militär
Hat sich nicht sehr verändert.
Noch immer das hölzern pedantische Volk
Noch immer ein rechter Winkel
In jeder Bewegung, und im Gesicht
Der eingefrorene Dünkel
Sie stelzen noch immer so steif herum,
so kerzengerade geschniegelt,
Als hätten sie verschluckt den Stock,
womit man sie einst geprügelt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Schluss mit dem Preussenmythos: 1947 lösten die Alliierten auch formal den Preussischen Staat auf.  Die Siegermächte wollten den preussischen Militarismus nicht wieder aufkeimen lassen und die junge Demokratie nicht von einem soldatischen Geist beherrscht wissen. Auch wenn in den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts die preussische Toleranz, die Reform von innen und die Emanzipation der Juden vor allem in Berlin als neues Gesicht Preussens betont wurde: Der Preussenmythos konnte nicht als Gründungsmythos der Bundesrepublik dienen. Aber auch die vielen anderen Mythen und Symbole der Deutschen wurden eingemottet und verloren Reiz und Wirkungskraft. Was man 1871 zur Reichsgründung an mythenschweren Erzählungen gepflegt und an Denkmälern aufgebaut hatte, um den neuen Staat zu festigen und die Eliten einzubinden, verschwand nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach den Verbrechen des Nationalsozialismus und dem Zerstörungskrieg der deutschen Wehrmacht war das Nibelungenlied als Mythos der Tapferkeit und des Durchhaltewillens desavouiert. Der Germanenkult der Nationalsozialisten erschien lächerlich archaisch und die Wartburg war keine Trutzburg mehr.   

Bleibt die Frage, ob es für die Identität eines Staates, für sein Selbstbewusstsein und für seine Entwicklung wichtig ist, solche Gründungsmythen zu haben – oder ob es nicht gerade zum Erfolg der Bundesrepublik gehört, dass man sich nach dem Zweiten Weltkrieg dieser entledigte. Braucht eine Nation Erzählungen aus der Geschichte, die beweisen, dass man als Nation fähig ist, mit Herausforderungen umzugehen, Gefahren zu trotzen und nötige Reformen anzugehen? Für den Philosophen Hans Blumenberg haben Mythen eine geradezu überlebenssichernde Wirkung: Ängste würden durch Erzählungen vertrieben, der eigene Platz in der Welt sichtbar. 

Das Erzählen 
von Mythen reicht nicht

Auf der anderen Seite stehen die Kritiker, die immer wieder darauf hinweisen, wie sehr Mythen Instrumente der Ideologie sind und damit generell als identitätsstiftendes Moment ausscheiden: Entweder sie treiben zum Umsturz an oder sie sorgen dafür, dass die Veränderungsimpulse unterdrückt werden, je nachdem wie die Herrschaftsverhältnisse sind. Diese Kritik übersieht allerdings, dass Mythen nur dann funktionieren, wenn sie von allen Schichten der Bevölkerung mitgetragen werden. Wenn Dichter und Maler, Grossmütter und Märchenonkel dieselbe Geschichte erzählen – zumindest mit einem vergleichbaren roten Faden. Der pure Mythos von oben, wie zum Beispiel der Antifa-Mythos in der DDR, funktionierte nur begrenzt und dann auch nur in der Abgrenzung zur Bundesrepublik, der vorgeworfen wurde, den Faschismus der ewig Gestrigen nicht genug zu bekämpfen.

Dabei war der DDR durchaus bewusst, dass das Erzählen von Mythen allein nicht reicht. Es müssen sichtbare Symbole für diese Erzählungen gefunden werden, ebenso Rituale. Auch davon war in der jungen Bundesrepublik kaum mehr was vorhanden. Der aktuelle Versuch, die Potsdamer Garnisonkirche wieder aufzubauen, die ein in Stein gehauenes Symbol des preussischen Militarismus war und vor der Goebbels den «Tag von Potsdam» inszenierte, bei dem Hindenburg über dem Sarg von Friedrich des Grossen Hitler die Hand reichte, zeigt, wie hilflos die deutschen konserva-
tiven Eliten sind, Mythen neu zu beleben.
Selbst eine erfolgreiche, friedliche Revolution, die zum Sturz der DDR und dem Zusammenbruch der Mauer führte, konnte keinen Gründungsmythos der Bundesrepublik entfachen. Die Erfahrung, ein verhasstes System zu stürzen, war eine rein ostdeutsche Erfahrung. Der Westen sah dabei verwundert zu. Dass der 9. November als Tag des Mauerfalls nicht zelebriert werden kann, weil es eben auch der Tag der Reichspogromnacht ist, gehört zu den Ironien der Weltgeschichte. Der Staatsfeiertag wurde der 3. Oktober, der Tag, an dem die neuen Bundesländer der Bundesrepublik beitraten. Die wochenlangen Proteste und Montagsdemonstrationen in der DDR fanden keinen Niederschlag in der offiziellen Symbolik zur Wiedervereinigung. Diese Mythenarmut rächt sich nun: Der wirtschaftlichen und politischen Krise in den neuen Bundesländern steht keine positive Vision gegenüber. Die melancholische Ostalgie ist davon noch die harmloseste Folge.

Auch wenn gerade der Einheitskanzler Helmut Kohl immer wieder die gemeinsame Sprache des wiedervereinigten Deutschlands betonte – es gelang dafür nicht, eine gemeinsame Narration zu finden, obwohl die Weimarer Klassik, der Gründungsmythos des deutschen Bildungsbürgertums im 19. Jahrhundert sozusagen, vor der Türe lag. Auch wenn im Schillerjahr 2009 die Brottüten mit Gedichten des schwäbischen Dichters bedruckt werden, die Deutschen begreifen sich nicht mehr als Volk der Dichter und Denker – auch weil der darin eingeschlossene deutsche Sonderweg im Zeitalter von Europa nicht mehr möglich ist. Weil auch der Rhein mit seinen Märchen und Mythen inzwischen ein reiner Touristenort ist und die Ausein-andersetzungen mit Frankreich, die den Mythos mitbegründeten, endgültig begraben sind, kann man zum 60. Geburtstag der Bundesrepublik sich der Einschätzung des Professors für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität, Herfried Münkler, anschliessen: «Verglichen mit ihren europäischen Nachbarn oder den USA ist die Bundesrepublik Deutschland eine weithin mythenfreie Zone.»

Stolz auf eigene Leistung

Dennoch ist die Bundesrepublik im Sinne von Max Weber nicht eine völlig aufgeklärte Gesellschaft, die konsequent den Weg vom «Mythos zum Logos» gegangen ist. Die Quelle ist nur eine andere, wie die Politikwissenschaftlerin Eva Hausteiner betont: «Ebenso massgeblich für die Identität von Konsumgesellschaften sind im kollektiven Bewusstsein verankerte Erinnerungen an ökonomische Erfolgsgeschichten und Gründungserzählungen, also Wirtschafts- und Konsummythen.» Und die haben in Deutschland die Gestalt des Volkswagens, des Mercedessterns oder wie Münkler in seinem Buch die «Mythen der Deutschen» schreibt: «Nachdem es mit Panzerflotten und Panzerarmeen vorbei war, hat kaum etwas den deutschen Anspruch auf Weltgeltung so deutlich verkörpert wie das Automobil aus Stuttgart.» Mit Hilfe der Währungsreform, dem Marshallplan und der Einführung eines freien Marktes durch den populären Zigarre rauchenden Wirtschaftsminister Ludwig Erhard wurde die Bundesrepublik nicht nur wieder aufgebaut und zu einer Demokratie, sondern es gelang, diese Erfolge zum Mythos des Wirtschaftswunders zu stilisieren.

Dabei gehörte Selbstbetrug dazu. Die äussere Unterstützung vor allem der Amerikaner wurde wegerzählt. Was zählte, war der Stolz auf die eigene Arbeitsleistung. Das Wirtschaftswunder hatte man sich selbst verdient, und das «Wunder von Bern», bei dem Deutschland 1954 Fussballweltmeister wurde, kam bereichernd hinzu. Der Vorteil an diesem Alltagsmythos, der auch das Phänomen der «Trümmerfrauen» einschloss, war, dass er nicht gefeiert und zelebriert werden musste, sondern dass er wirklich im kollektiven Gedächtnis Einlass fand. Diesem Gedächtnis versuchte sich auch Helmut Kohl nach der Wende zu bedienen. Er organisierte die Vereinigung nach dem alten Rezept: erst die Währungsreform, dann «blühende Landschaften». Aber der Wiederaufbau «Ost» funktionierte nicht in dem Masse wie sein altes Vorbild – der Mythos entwickelte keine neue Kraft mehr.
Wurden im Falle Kohls die Wirtschafts- und Konsummythen noch von der Politik gesteuert, hat sich seit den neunziger Jahren die Wirtschaft selbst dieser Ressource bedient. Unternehmen und Agenturen nutzen wirtschaftliche Erfolgsgeschichten und einen Patriotismus, der sich ausschliesslich auf die letzten sechs Jahrzehnte bezieht, um für Produkte wie die Volksaktie der Telekom (1996) zu werben. Historiker, Schriftsteller, Künstler, aber auch die Politiker haben ihre Hoheit über die Mythen verloren – die wirtschaftlich potentesten Teile der Gesellschaft schmieden sie selbst. Eine Kombination aus zwei Akteuren – die Schröder-Regierung und die führenden Medienunternehmen – schufen 2005 die Kampagne «Wir sind Deutschland». Dabei wurde der alte Mythos des Wirtschaftswunders aufgegriffen und mit dem Manifest des amerikanischen Präsidenten Kennedy verbunden: Frage nicht, was der Staat für dich tun kann, sondern was du für den Staat tun kannst. In der neuen pathetischen Werbesprache, präsentiert von aktuellen Prominenten, hiess es: «Du bist Deutschland. Dein Wille ist wie ein Feuer unterm Hintern. Er lässt deine Lieblingsstürmer schneller laufen und Schumi schneller fahren. Egal, wo du arbeitest, egal, welche Position du hast. Du hältst den Laden zusammen. Du bist der Laden.» Eine Kampagne ist noch kein Mythos, und wie die langfristige Wirkung sein wird, ist noch offen. Dennoch sind Kampagnen vielleicht die moderne Übersetzung – oder wie Herfried Münkler es beschreibt: «Wurden die Emotionen in den klassischen politischen Mythen durch heroische Opfererzählungen, kollektive Verheissungen, gemeinsame Verpflichtungen und narrative Beglaubigungen stimuliert, so tritt in den Werbekampagnen die Erzählung in den Hintergrund: Wenig Text wird in viele Bilder umgesetzt.» Vielleicht ist das der pragmatische Umgang mit dem Thema Mythen im 21. Jahrhundert in Europa. 

Irene Armbruster war Leiterin des Berliner Büros des aufbau. Sie lebt nun in Stuttgart und arbeitet als feste Autorin für das Blatt.



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