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September 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 09 Ausgabe: Nr. 9 » August 27, 2009

Die Bundesrepublik Erfolgsgeschichte mit Fragezeichen

Von Volker R. Berghahn, August 31, 2009
Amerika und der Umbau der deutschen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg.
POTSDAMER KONFERENZ Winston Churchill (l.), Robert Anthony Eden (vorne) und Josef Stalin (hinten)

von Volker R. Berghahn



Wer die Fotos der zerbombten Städte Europas und der Gesichter von Millionen von verzweifelten Menschen sieht, die 1945 oft alles verloren hatten, und diese mit Bildern zur 60. Wiederkehr der Gründung der Bundesrepublik vergleicht, wird zugeben, dass inzwischen ein enormer Wandlungsprozess stattgefunden hat. Ein entscheidender Punkt ist dabei, dass die deutsche Gesellschaft seither nicht nur wirtschaftlich, politisch und kulturell wiederaufgebaut, sondern vor allem weitgehend umgebaut worden ist. Dieser Umbau wäre ohne die materielle und ideelle Hilfe der Amerikaner nicht möglich gewesen. Deshalb sollte man sich in diesem Herbst gerade auch an ihren Beitrag an das erinnern, was die Bundesrepublik heute darstellt.

Es ist oft gesagt worden, dass das amerikanische Engagement in den Westzonen nach 1945 dem Ausbruch des Kalten Krieges und der damaligen Sorge vor einer sowjetischen Eroberung Westeuropas zu verdanken sei. Doch wir wissen heute, dass der eskalierende Ost-West-Konflikt lediglich eine amerikanische Strategie verstärkte, die bereits 1941 entwickelt worden war. Schon damals fassten die Entscheidungsträger in Washington den Entschluss, nicht nur das riesige militärische Potenzial der USA für einen totalen Sieg über Deutschland, Japan und Italien einzusetzen, sondern auch die Nachkriegswelt nachhaltig zu gestalten.
Das war eine Lehre, die die Amerikaner aus den Fehlern von 1919 gezogen hatten, als sich das Land in den Isolationismus zurückzog. Während einiger Jahre Mitte der Zwanziger beteiligten sich die amerikanische Industrie und Finanzwelt zwar an einem Wiederaufbau des durch den Ersten Weltkrieg zerstörten Europa. Ansonsten aber war eine Folge dieses Isolationismus, dass die USA sich 20 Jahre später an einem weiteren Weltkrieg beteiligen mussten, der von Hitler angezettelt worden war. Denn zusammen mit den beiden anderen Achsenmächten war das Dritte Reich zu einer Ausbeutung der eroberten Gebiete und zum Massenmord an der europäischen Zivilbevölkerung angetreten, die noch unerträglicher als die Verheerungen von 1914 bis 1918 waren. Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor und Hitlers Kriegserklärung an Washington war klar, dass die Aggressoren diesen Weltkrieg früher oder später verlieren würden, wobei der sowjetische Beitrag zum Sieg von 1945 allzu häufig unterschätzt worden ist.

Debatte über Wiederaufbau

Von Anfang an war es in den USA abgemacht, dass dieser Sieg zu einer Neugestaltung der Weltpolitik und Weltwirtschaft benutzt werden sollte. Ausser den Reden von US-Präsident Franklin D. Roosevelt brachte ein viel zitierter Artikel im «Life Magazine» schon im Januar 1941 – also lange vor Pearl Harbor – das Ziel auf den Punkt: Nach den Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts müsste man für die zweite Hälfte auf jeden Fall sicherstellen, dass diese das «American Century», das amerikanische Jahrhundert, sein würde.

Bei der weiteren Entwicklung dieser Konzeption spielte die Lösung der «deutschen Frage» unvermeidlich eine zentrale Rolle. Dabei kam es in Washington 1944 zu Meinungsverschiedenheiten. Auf der einen Seite standen Finanzminister Henry Morgenthau und seine Anhänger, die einer scharfen Bestrafung der Deutschen und deren Ausschluss aus der Völkergemeinschaft auf viele Jahre hinaus das Wort sprachen. Auf der anderen Seite standen die «Rekonstruktionisten», die nicht nur Westeuropa, sondern auch die Westzonen Deutschlands wiederaufbauen und umgehend in die beginnende Wirtschaftsintegration der Region einbauen wollten. Dabei spielte gerade auch die  Kalkulation eine Rolle, dass man das weiterhin vorhandene Industriepotenzial der späteren Bundesrepublik als Motor für den Wiederaufbau des übrigen Westeuropa mobilisieren wollte. Schon 1945/46 trug diese Frak-tion den Sieg über Morgenthau davon.
Indessen bedeutete dies für die «Rekonstruktionisten» in Washington nie, dass beim Wiederaufbau der Westzonen ein Ziegelstein genau wie vor 1939 auf den anderen gelegt werden sollte. Vielmehr wollte man das Gebäude, in dem die Deutschen in Zukunft leben würden, grundlegend neu gestalten. Dieser Umbau war umfassend und betraf sowohl die Wirtschaft als auch die Politik und die Kultur des Landes.

Soweit es die Wirtschaft betraf, verfolgten die Amerikaner von Anfang an das Ziel, die Industrie aus ihren traditionellen und wettbewerbsfeindlichen Kartellen und Syndikaten heraus in einen liberalen Wettbewerbskapitalismus zu drängen, der dem amerikanischen ähnlich war. Denn unter dem Nationalsozialismus hatte sich in Deutschland die Totalkartellisierung durchgesetzt, so dass es nach der Abschaffung des demokratischen Wettbewerbs unter freien politischen Parteien auch in der Wirtschaft keinen Wettbewerb mehr gab – ein Zustand, der die Etablierung und Aufrechterhaltung der Hitler-Diktatur mit ihrer forcierten Rüstungspolitik für den geplanten Krieg erheblich erleichtert hatte.
Dementsprechend planten die Amerikaner schon vor 1945 nicht nur die Wiederherstellung einer demokratischen Verfassung, sondern auch die Zerschlagung der Kartelle und Syndikate sowie wettbewerbsfeindlicher  Monopolstellungen, wie sie etwa der Chemiekonzern IG Farben im Dritten Reich errungen hatte. An deren Stelle sollte eine moderne Wettbewerbswirtschaft errichtet werden, wie sie in Amerika seit dem Sherman Act von 1890, der Kartelle und Monopole verbot, herrschte. Allerdings hiess dies nicht, dass die Konzerne soweit zerstückelt werden sollten, dass es keine grossen Firmen mehr gab. Denn solche wollten die amerikanischen Planer als Motoren nicht nur für den westdeutschen Wiederaufbau, sondern auch für den der übrigen westeuropäischen Industrie benutzen.

Gegen diese Konzeption gab es dann vor allem in der von konserva
tiven Bergassessoren dominierten Schwerindustrie des Ruhrgebiets erhebliche Widerstände. Doch hatten die Amerikaner sowohl in der westdeutschen Industrie als auch in der Politik Verbündete, mit deren Hilfe nach langen Kämpfen 1957 schliesslich ein «Wettbewerbssicherungsgesetz» verabschiedet wurde, das ein Kartellverbot mit diversen Ausnahmen verhängte. Bei diesem Erfolg spielte auch Wirtschaftsminister Ludwig Erhard eine entscheidende Rolle, der dieses Gesetz einmal als das «wirtschaftliche Grundgesetz» der Bundesrepublik bezeichnete und es gewissermassen neben das «politische Grundgesetz» der Bundesrepublik stellte, das demokratische Grundrechte und den Wettbewerb unter den Parteien im politischen Markt garantierte.

Meinungsumfragen 
in Westdeutschland

Wie die Amerikaner glaubte auch Erhard, dass seine Wettbewerbswirtschaft im Gegensatz zu der alten Kartellwirtschaft dynamisches Wachstum und Prosperität bringen würde. Dieser von ihm proklamierte «Wohlstand für alle» einer modernen, auf die Produktion von zivilen Gütern und zivilen Konsum hin orientierten Gesellschaft würde sich wiederum stabilisierend auf die im Grundgesetz verankerte politische Demokratie auswirken. Denn diese blieb gerade auch in den Augen Washingtons nach den Jahren der Hitlerdiktatur gefährdet – gab das allgemeine Wahlrecht doch den Wählern die Möglichkeit, anstelle der grossen verfassungstreuen Parteien auch für solche zu stimmen, die radikale Lösungen anboten.

Das erklärt, warum die Amerikaner in den fünfziger Jahren den Westdeutschen fortwährend durch Meinungsumfragen den Puls fühlten. Was ausser dem Wirtschaftsaufschwung deren Identifizierung mit der Bundesrepublik als ihren Staat beschleunigte, war die Absicherung gegen Not und Krankheit. Auch die sozialstaatliche Entwicklung haben die Amerikaner im Prinzip unterstützt, wie sie diese auch im eigenen Land vorantrieben hatten. Erst in den achtziger Jahren begann unter US-Präsident Reagan in Amerika der Abbau des sozialen Netzes. Im Gegensatz dazu blieb dieses in der Bundesrepublik trotz mancher Reformen auch über 1989 hinaus erhalten. Dies hat die Integration der ostdeutschen Bevölkerung nach dem Zusammenbruch der DDR sicherlich ebenso erleichtert, wie es in den letzten Jahren gelang, mit Hilfe des Netzes ein dramatisches und politisch möglicherweise gefährliches Absinken des Lebensstandards zu verhindern.
Gerade weil das Zusammenspiel von wirtschaftlicher Prosperität, politisch-demokratischer Stabilität und sozialer Sicherheit, wie es Erhard, aber auch die Amerikaner 1949 ins Auge fassten, insgesamt erfolgreich gewesen ist, sind Besucher der Bundesrepublik heute immer wieder von deren Modernität beeindruckt, gerade auch wenn sie die Zustände der späten vierziger Jahre noch im Gedächtnis haben. Über sechs Jahrzehnte hinweg sind auch das Verkehrs-, Bildungs- und Gesundheitssystem immer wieder reformistisch an den gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel angepasst worden.
Das betrifft auch die bundesdeutsche Kultur. Auch hier sollte der Einfluss Amerikas nicht unterschätzt werden, wobei nicht nur an Hollywood, Jazz und Rockmusik zu denken wäre, sondern auch an die Einflüsse in der modernen Kunst, Architektur oder Literatur. Hier kam es in den meisten Fällen zu Vermischungen zwischen einheimischen und importierten Elementen. Gewiss, auch hier gab es, wie beim wirtschaftlichen Umbau, Widerstände. Dennoch trat langfristig eine teilweise «Amerikanisierung» ein. Der kulturelle Raum lockerte sich auf, war keine Kultur von Eliten mehr, sondern wurde bunter, pluralistischer, demokratischer.

So sind 60 Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik nicht nur die Ruinen von 1945 durch moderne Städte und Verkehrswege ersetzt worden. Auch die damals noch berechtigten Zweifel, ob es gelingen würde, die alte «deutsche Frage» zu lösen, ist mit dem langsamen, erfolgreichen Umbau von politischer Verfassung, Wirtschaft und Kultur beantwortet worden. Gewiss gibt es Spannungen, gerade auch im Hinblick auf die acht Millionen Zuwanderer aus allen Teilen der Welt. Doch auch diese sowie die Umweltprobleme, mit denen sich die ganze Welt konfrontiert sieht, werden in Deutschland heute sehr ernsthaft diskutiert, durch Veränderungen im Denken bewusst gemacht und in Gesetzen und im täglichen Leben angepackt. Zudem macht es nicht zuletzt die tiefe und seit 1949 bewusst vorangetriebene Integration in die Europäische Union unwahrscheinlich, dass Deutschland ein drittes Mal zu einem Herd von Kriegen und inneren Umwälzungen wird.   


Volker R. Berghahn ist Geschichtsprofessor an der Columbia-Universität in New York und Fellow der Royal Historical Society in London. Unter seinen zahlreichen Büchern zur deutschen und europäischen Geschichte finden sich viel beachtete Werke zum Kaiserreich und zur Entwicklung der Bundesrepublik.



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