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September 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 09 Ausgabe: Nr. 9 » August 27, 2009

60 Jahre Umbau

August 31, 2009

Die Weichen zur Gründung des neuen, freiheitlich-demokratischen Staates in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands wurden leise gestellt, ohne Pomp und Paukenschläge.

Daran erinnert Walter Laqueur in seinem Beitrag zu dieser Ausgabe über 60 Jahre Bundesrepublik: Nachdem der Verfassungskonvent auf Herrenchiemsee Mitte August 1948 den Entwurf des Grundgesetzes ausgearbeitet hatte, trat die Verfassung der Bundesrepublik am 24. Mai des folgenden Jahres in Kraft. Nach den ersten Wahlen im August 1949 versammelten sich Bundestag und Bundesrat am 7. September vor 60 Jahren zu ihren konstituierenden Sitzungen.

Es folgte eine Erfolgsgeschichte, die der Historiker Volker Berghahn in seinem Beitrag «enorm» nennt: «Ein entscheidender Punkt ist dabei, dass die deutsche Gesellschaft seither nicht nur wirtschaftlich, politisch und kulturell wiederaufgebaut, sondern vor allem weitgehend umgebaut worden ist.» Berghahn erinnert an die zentrale Rolle der USA beim Umbau Deutschlands, ein Umbau, der bis heute andauert. Dass Siegermächte dafür gesorgt haben, dass «dieses unheimlich starke Volk» nie wieder zur Gefahr für die Welt wurde, betont auch Egon Bahr. Als Zeitzeuge der Gründung und Architekt der Bonner Aussenpolitik analysiert Bahr die bundesdeutsche als Geschichte eines «schwierigen Vaterlandes». Dieses hat in seinen Augen zwar mit der Wiedervereinigung das Ziel der Selbstbestimmung erreicht. Doch Bahr erwartet noch langwierige Bauarbeiten bis zur Erreichung der «inneren Einheit», der noch massive wirtschaftliche und mentale Unterschiede zwischen «Ossis und Wessis» im Wege stehen.

Anhand der Geschichte der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik erklärt Uri Kaufmann, wie sehr das Wort vom «schwierigen Vaterland» gerade für die Opfer der Naziherrschaft zutrifft. Es grenzt an ein Wunder, dass sich nach 1945 im besetzten Deutschland überhaupt wieder jüdisches Leben entwickelt hat. Kaufmann erinnert daran, dass auch der aufbau 1951 den damals in Deutschland lebenden Juden dringend zur Auswanderung riet. Dass es anders gekommen ist und die Gemeinden heute 105 000 Mitglieder zählen, ist in Kaufmanns Augen eine Bestätigung ihres Beharrungswillens, aber auch der politischen Bemühungen in Bonn und Berlin. Diese haben laut dem in Heidelberg lebenden Historiker und Publizisten jedoch auch zu einer übergrossen Abhängigkeit der jüdischen Gemeinden vom deutschen Staat geführt. Ohne Errungenschaften wie das neue Gemeindenzentrum in München zu übersehen, kommt Kaufmann schliesslich zu dem Befund: «Doch ist unter den Mitgliedern leider wenig an jüdischer Substanz vorhanden. Vermutlich fast die Hälfte der Kinder von Gemeindemitgliedern besucht nicht einmal den jüdischen Religionsunterricht. So stellt sich die Frage nach der Kontinuität jüdischen Lebens in Deutschland trotz der grossen Zuwanderung seit 1989.»

Neben den hier gedruckt erscheinenden Beiträgen seien auch zwei Essays zur Bundesrepublik erwähnt, die auf unserer Website www.aufbauonline.com zu finden sind: Der Essener Kulturwissenschaftler Harald Welzer demontiert den Mythos von den «stillen Helden», den Rettern von Juden im Holocaust, und kommt zu zukunftsweisenden Einsichten über «Handlungsspielräume für Menschlichkeit». Gisela Dachs erinnert an die «Jeckes», die nach Israel ausgewandert sind und dort ihr altes Europa weiterleben lassen wollten.    


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