logo
28. August 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 35 Ausgabe: Nr. 35 » August 27, 2009

Tag der Trauer – Tag der Zuversicht

August 27, 2009
Editorial von Gisela Blau

«Nobody». Nein, zu feiern gibt es wirklich nichts am 1. September, auch wenn die offizielle Schweiz dies wieder einmal tut. Der Tag ist, wie in jedem Jahr, ein Tag der Trauer und der Besinnung. Vor 70 Jahren startete ein wahnsinniger und grössenwahnsinniger «Nobody» aus Österreich den Zweiten Weltkrieg, der 50 Millionen Menschenleben fordern sollte. Erst kürzlich ist bekannt geworden, dass noch vor dem Angriff der Bodentruppen die deutsche Luftwaffe mit einem Stuka-Geschwader eine polnische Kleinstadt ohne militärische Bedeutung zerstörte. Es war ein Fanal für die folgenden Gräueltaten des deutschen Militärs. 



Elite. Bis heute ist es unbegreiflich, dass einem dank politischer Unzufriedenheiten emporgekommenen «Nobody», mit wenigen Ausnahmen, ein ganzes Volk samt seiner geistigen, politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Elite willig, ja sogar euphorisch folgte. Und nicht nur in Deutschland gab es diese Hörigkeit. Auch in anderen Ländern der Welt, auch in der Schweiz, gab es Menschen, die blind gewisse Hoffnungen in den «Führer» setzten.

Zäsur. Für die Juden Europas war der Kriegsbeginn eine Zäsur. Sechs Jahre später waren sechs Millionen systematisch ermordete Opfer zu beweinen, darunter mehr als eine Million Kinder. Hunderttausende erlebten das Kriegsende in einem anderen Land. Schon seit der Machtergreifung der Nazis war die jüdische Bevölkerung Deutschlands gewarnt, entrechtet und entwürdigt. Niemals zuvor und niemals danach hat ein Volk, eine durch die gemeinsame Religion verbundene Menschengruppe, einen derartigen Blutzoll zahlen müssen. Die fürchterlichen Genozide an den Armeniern, in Kambodscha, Ruanda oder Darfur sollten deshalb weder «Holocaust» genannt noch mit ihm verglichen werden. Auch für die Juden, seit Jahrtausenden durch Verfolgung, Vertreibung und Ermordung geplagt, waren die Todesfabriken und die Massenerschiessungen grausam einmalig.

Banal. Die Gründe, weshalb die eingeschlossene Schweiz verschont blieb, sind mannigfach und bis heute Anlass für erbitterten Zwist. Aber auch hier waren die Kriegsjahre für die Bevölkerung hart. Und es gab viele Ängste. Es gab auch jüdische Flüchtlinge, die offiziell nicht willkommen waren, und noch viel mehr internierte Soldaten. Die drei Reality-Wochen des Schweizer Fernsehens über die «Alpenfestung» waren deshalb erschütternd banal. «Das Gegenteil von gut ist gut gemeint», sagte Kurt Tucholsky. 

Zuversicht. Auch das Schlechte kann etwas Gutes bringen. Nach 
Ende des Zweiten Weltkriegs wurden erstmals die Verbrecher vor ein Gericht gestellt und die Uno geschaffen, die einen neuen Weltbrand verhindern sollte. «Nie wieder!» wurde zur Devise, auch für die Juden. Dennoch lebt die Welt keineswegs im Frieden. In der Schweiz, die nach dem Krieg als einzige intakte Wirtschaft, ohne sich Zeit zur Reflexion über die eigenen Taten zu nehmen, gleich wieder voll ins Geschäft einstieg, ist der Diskurs über «nachrichtenlose» Vermögen und die Kollaboration erst 50 Jahre danach erzwungen worden. Diese Woche wurde eine Spätfolge in die Vernehmlassung geschickt: Ein Entwurf, wie nachrichtenlose Konti künftig verhindert werden können. Anlass war ein Auftrag des Parlaments, eine Regelung zu schaffen. In einer Zeit, da die letzten Aktivdienstler auf allen Seiten die Schuld allen anderen zuschieben wollen, ist dies ein weiterer Grund für Zuversicht.



» zurück zur Auswahl