Das Jahr des Hasses
In Israel sollte das Jahr 2009 zum «Jahr des Hasses» deklariert werden. Seit einigen Monaten konzentriert sich die öffentliche Debatte im Lande auf virulente Attacken gegen verschiedene Gruppen: Araber, Ultraorthodoxe, Siedler oder Liberal-Säkulare. «Sie» werden als schreckliche Feinde hingestellt, die sich gegen Israel verschworen haben, als Menschen, deren politische und gesellschaftliche Macht es zu brechen gilt.
Dieser Hass ist weder zufällig noch vage. Er reflektiert einen echten Machtkampf in der israelischen Gesellschaft, die seit jeher von Fraktionen und Stammesstrukturen geprägt wird. Einige Leute trachten danach, ihre Machtpositionen zu bewahren, andere streben nach einer neuen Gesellschaftsordnung. Die Grenzlinien des Kampfes variieren je nach demografischen Gegebenheiten und politischer Korrektheit. In diesen Tagen ist es inakzeptabel, gegen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion und aus Äthiopien zu hetzen. Nach den kürzlichen Morden im Tel Aviver Homosexuellenzentrum sind zudem abschätzige Bemerkungen gegen Homosexuelle illegitim geworden. Schade, dass es dazu eines Blutbades bedurfte.
Diese Zielobjekte des Hasses, kurz «sie» genannt, ändern sich zwar im Laufe der Zeit und mit den Umständen, doch ihre Eigenschaften bleiben die gleichen. Die hassende Seite gibt vor, im Namen reiner und wahrer Werte zu sprechen, während «sie» als Gefahr für die Existenz des Staates hingestellt werden: die Ultraorthodoxen, die einen auf dem jüdischen Gesetz basierenden Staat anstreben, die Araber, die einen Staat für alle ihre Bürger haben wollen, die Siedler, die den Weg in die Apartheid anstreben, Säkulare und Linke, die den Zionismus verlassen, um heidnische Ideale zu verfolgen.
Zur Unterstützung der Behauptung, «sie» stellten eine existentielle Bedrohung dar, werden «sie» als Parasiten und Gesetzesbrecher dargestellt, die all das Gute geniessen, das der Staat anzubieten hat, ohne die Bürde mitzutragen. So wird behauptet, die Ultrareligiösen und die Araber dienten weder in der Armee noch zahlten sie Steuern, die Tel Aviver würden dem Militärdienst teilweise ausweichen oder keinen Kampfeinheiten beitreten, die Siedler kosteten das Land Milliarden und gelangten in den Genuss subventionierter Dienstleistungen, Araber und Siedler bauten ohne entsprechende Genehmigungen, die Ultraorthodoxen arbeiteten nicht und lebten von Staatsgeldern.
Die rasante Zunahme der ultrareligiösen und arabischen Bevölkerung sowie der Siedler erhöht die Nervosität noch: Israel verändert sich, und die Menschen im Land sind besorgt. Im Nu könnten «sie» sich vermehren und immer mehr das Ruder in die Hand nehmen. «Sie» könnten Wohnviertel übernehmen, die einst «uns» gehört haben. Erschreckend auch die Vorstellung, dass die Araber, die Wohnungen in jüdischen Vierteln erworben haben, eine Moschee bauen wollen. Aber auch die Ultraorthodoxen könnten in «unseren» Strassen eine Synagoge und ein rituelles Tauchbad bauen und werden «uns» vertreiben. Viele Menschen glauben, Israel sei so gut wie verloren.
Gruppenhass ist geprägt durch die Negierung der anderen Gruppe und durch den Versuch, sich ihrer zu entledigen oder ihre unangenehme Gegenwart einzuschränken. Die hassende Seite will, dass der Staat «sich ihrer annimmt» und «sie» aus unserem Blickfeld entfernt: Die Staatsbürgerschaft der Araber soll annulliert werden, in Städten und Wohnvierteln soll ethnische und religiöse Trennung erzwungen werden, die Ultraorthodoxen sollen zwangsrekrutiert und mit säkularer Bildung konfrontiert werden, die Siedler sollen evakuiert und die Aussenposten zerstört, und schliesslich soll die säkulare Festung des Obersten Gerichtshofs abgerissen werden. Diese Vorschläge sind mehrheitlich nicht praktikabel, was wiederum die Frustration und den Ausdruck des Hasses vergrössert.
Es ist an der Zeit, laut «Genug!» zu rufen. Beruhigen wir uns. Der Staat wird nicht so schnell auseinanderbrechen, er wird sich nur verändern. Diese Veränderung ist ohne Kämpfe unvorstellbar. Die verfeindeten Gruppen lassen sich nicht zum Verschwinden bringen, und weder
Dialog noch Liebe lassen sich ihnen aufzwingen. Es ist sinnlos, sich unerschütterlich an David Ben Gurions Vision von einem Volk, das eingeschmolzen werden muss, zu halten, damit es als erneuerte Nation wieder auferstehen kann. Diese Ideen gehören in die Geschichts-
bücher, nicht in die zeitgenössische Wirklichkeit. Nicht einmal dem grossen Ben Gurion war es gelungen, eine Verfassung zu schaffen, das Wahlsystem zu ändern oder den Ultraorthodoxen ein säkulares Bildungswesen aufzuzwingen.
Die Aufgabe der Führung besteht in diesem Jahr nicht darin, jedem das Konzept einer vereinten Nation vorzugaukeln, sondern darin, gemeinsame Interessen zu suchen und zu festigen, die den miteinander rivalisierenden Stämmen das Zusammenleben erleichtern und Randgruppen die Integration gestatten. Das wird den Hass nicht tilgen, doch vielleicht wird es einen Teil der bisher in ihn investierten Energie auf Aktivitäten für das Allgemeinwohl lenken.
Aluf Benn ist Redaktor bei «Haaretz».


