Trauerspiel am Ground Zero
Die Jahrestage kommen und gehen und mit ihnen die grossen Reden der Politiker aus New York, Albany und Washington. Auch acht Jahre nach den Anschlägen von «9/11» waren am Ground Zero an der Südspitze Manhattans Absichtserklärungen von Gouverneur David Patterson und Bürgermeister Michael Bloomberg zu hören, die immer noch und erneut das Ihre tun wollen, um endlich den Wiederaufbau des World Trade Center (WTC) voranzubringen. Doch in den Jahren seit den Ausschreibungen für die neuen Bürotürme, das Mahnmal für die Opfer und das Museum zur Geschichte der Anschläge hat sich nicht nur die wirtschaftliche Situation in Manhattan verändert. Auch die zunächst wagemutigen und innovativen Baupläne haben eine Serie von Veränderungen durchlaufen, die dem Ziel einer Revitalisierung des weiteren Bezirks Abbruch tun könnten. Die Verantwortlichen scheinen zudem längst jede Scham über den zähen Fortgang des Wiederaufbaus verloren zu haben. Allerdings sind der Bauherr Larry Silverstein und die Port Authority als Grundstückseigner nun in ein Schiedsverfahren eingetreten, das logistische und finanzielle Hindernisse für den Bau bereinigen soll.
Der zähe Fortschritt am Ground Zero ist in erster Linie der sperrigen Konstella-
tion privater und öffentlicher Interessen geschuldet, die über Rechte auf das 650 000 Quadratmeter grosse Grundstück an der Church Street verfügen. Eigentümerin des Areals ist die in den zwanziger Jahren gegründete Port Authority of New York and New Jersey (PATH), eine für die Infrastruktur der Häfen und Flughäfen, für Brücken und Schnellstrassen verantwortliche Agentur der beiden Gliedstaaten. Die Port Authority übernahm auch den ursprünglichen Bau des WTC-Ensembles Ende der sechziger Jahre und betätigte sich danach als Vermieter. Der staatliche Hintergrund des Betreibers mag die Präsenz zahlreicher Behörden wie dem FBI und dem Secret Service als Mieter in den Doppeltürmen erklären. Die Port Authority bezog in 1 World Trade Center ihr Hauptquartier und verlor am 11. September 2001 zahlreiche Mitarbeiter. Allerdings sah sich die Agentur schon 1980 aus Kostengründen gezwungen, dem Immobilienunternehmer Larry Silverstein einen Teil des Areals zu verpachten. Silverstein errichtete dort das 47-stöckige Bürohochhaus 7 World Trade Center. Als der New Yorker Gouverneur George Pataki Mitte der neunziger Jahre beschloss, auch die Doppeltürme zu privatisieren, führte dies schliesslich zur Ausschreibung eines 99-jährigen Pachtvertrages für die Gebäude.
Seine Präsenz vor Ort und seine langjährige Erfahrung gaben dann im Juni 2001 den Ausschlag und Silverstein wurde für 3,2 Milliarden Dollar Pächter des Hochhaus-Ensembles am WTC. Er muss überdies – bis heute – monatlich zehn Millionen Dollar Miete zahlen. Der Vertrag räumte ihm auch das Recht ein, bei allfälligen Zerstörungen neue Gebäude auf dem Areal zu errichten. Silverstein schloss zudem Versicherungen für die Hochhäuser über insgesamt 3,5 Milliarden Dollar ab. Zu den 24 Unternehmen zählten grosse Namen wie Allianz und Swiss Re. Doch statt seine fast vollständig durch Kredite finanzierte Pacht nun über Mieteinnahmen wieder einzuspielen, sah sich Silverstein wenige Wochen später vor die Schicksalsfrage gestellt: Aufgeben oder Wiederaufbauen? Er entschied sich umgehend für einen neuen Anfang an Ground Zero. Doch dafür benötigte der 1931 in Brooklyn geborene Unternehmer dringend Kapital. Dafür kamen einzig die zwei Dutzend Versicherer in Frage. Mit diesen hat Silverstein bis zum Mai 2007 prozessiert. Der Immobilienunternehmer hatte dabei behauptet, das WTC sei zwei Attacken zum Opfer gefallen. Daher müssten die Versicherer für die beiden Türme zweimal die maximale Schadenssumme von 3,5 Milliarden Dollar zahlen. Nach einer Reihe von höchst aufwändigen Verfahren einigten sich die Assekuranzen mit Silverman und der Port Authority schliesslich auf die Zahlung von insgesamt 4,6 Milliarden Dollar. Eine erste Tranche konnte er bereits im Jahr 2004 einklagen. Allerdings ist es Silverman schneller gelungen, die Versicherungszahlungen für den Wiederaufbau von 7 World Trade Center zu erhalten. Hier konnten die ersten Mieter bereits im Mai 2006 ihre neuen Quartiere beziehen.
Kampf um Auftrag
Doch während Silverman mit den Versicherungen rang, gründete Gouverneur Pataki die Lower Manhattan Development Corporation (LMDC) als Aufsichtsinstanz für den Wiederaufbau, der neben den Bürotürmen auch die unterirdisch gelegenen Gleisanlagen für U-Bahnen und die PATH-Linie unter dem Hudson nach New Jersey umfasst. Diese Vorhaben fallen in die Verantwortung der Port Authority. Die LMDC arbeitet zudem mit den Architekten für den Wiederaufbau zusammen und ist Ansprechpartner der Regierung in Washington. Die neue Agentur erwies sich jedoch eher als Hindernis denn als treibende Kraft für den Wiederaufbau. So wurden die von der LMDC ausgeschriebenen Wettbewerbe für die Entwürfe der Bürotürme, des Museums und der Gedenkstätte bald zur Farce. Obwohl die LMDC Daniel Libeskind Anfang 2003 den Zuschlag für den Neubau gab, hatte Silverstein Monate vorher erklärt, er könne die avantgardistische Vision Libeskinds nicht akzeptieren. Der Bauherr hatte sich bereits dem wesentlich pragmatischer ausgerichteten Architekturbüro Skidmore, Owings & Merrill versichert. So sah sich Libeskind gezwungen, lange Monate mit Skidmore, Owings & Merrill um die Details seines Entwurfs zu ringen, bis Silverstein schliesslich ein deutlich biedereres Konzept annahm.
Während dieser Querelen traf das LMDC erst Anfang 2004 seine Entscheidung über die Gedenkstätte, für die schliesslich ein Entwurf des israelisch-amerikanischen Künstlers Michael Arad ausgewählt wurde. Ebenso karg wie prägnant wollte Arad an der Stelle der zerstörten Fundamente der Doppeltürme von Bäumen umgebene Wasserbecken installieren. Doch auch diese LMDC-Entscheidung löste einen Sturm von Protesten aus: Die Angehörigen der Opfer von «9/11» bestanden darauf, dass die Namen ihrer Lieben am Mahnmal zu sehen seien. Dann forderten die Feuerwehr und die Polizei von New York eine gesonderte Ehrung ihrer bei den Anschlägen gefallenen Kameraden. Arad ging zumindest teilweise auf diese Begehren ein. Und so konnten im Mai 2006 die Bauarbeiten am Memorial beginnen. Die Kosten des Projektes wurden bereits zu diesem Zeitpunkt auf über eine Milliarde Dollar veranschlagt, was eine Verdoppelung des ursprünglichen Budgets darstellt. Daraufhin wurden erneut Änderungen am Konzept vorgenommen, um die Kosten zu senken. Der Bau des Mahnmals ist bis heute nur wenig vorangekommen, soll aber zum zehnten Jahrestag der Angriffe zusammen mit dem unterhalb der Becken gelegenen National 9/11 Museum at the World Trade Center fertiggestellt werden.
Eröffnung verzögert sich
Auch beim Museum übernahm die LMDC zunächst die Federführung. Die Agentur gab diese Aufgabe aus Geldmangel und unter politischem Druck im Jahr 2005 an eine Stiftung ab. Gleichzeitig fungierte LMDC-Präsident John Whitehead jedoch auch als Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Diese hat erst im Frühjahr 2008 ihr erstes Ziel von 350 Millionen Dollar an Spenden erreicht. Konflikte zwischen der LMDC-Führung, Whitehead und dem damaligen Gouverneur Elliot Spitzer verlangsamten den Fortschritt der Planungen. Spitzer wollte die LMDC im Jahr 2006 auflösen, konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Die Agentur besteht weiterhin, spielt aber kaum noch eine Rolle am Ground Zero. Für das Museum zeichnet das New Yorker Architekturbüro Davis Brody Bond verantwortlich. Die Exponate sollen Bilder der Attentäter von «9/11» enthalten und die Geschichte und die Nachwirkungen der Anschläge anschaulich machen. Obwohl die Architekten am offiziellen Eröffnungstermin festhalten, glaubt in Manhattan kaum jemand, dass das Museum vor dem Jahr 2013 fertiggestellt sein wird. Neben finanziellen Problemen sind dafür technische Schwierigkeiten verantwortlich, die sich auch aus Überlappungen mit dem Bau des neuen Bahnknotenpunktes und der Bürohochhäuser ergeben.
Vor allem das Kernstück des neuen Gebäudeensembles, der ursprünglich von Libeskind entworfene Freedom Tower, hat sich zu einem Sorgenkind für alle Beteiligten entwickelt. Das Gebäude soll die symbolische Höhe von 1776 Fuss (541 Meter) erreichen, die Jahreszahl der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Dies geschieht durch Aufbauten und eine Antenne über die 1362 Fuss hinaus, die das urprüngliche WTC mass. Baubeginn war im Juni 2006. Doch auch hier gingen die Bauarbeiten aufgrund finanzieller Probleme und technischer Schwierigkeiten nach zahlreichen Sprengungen im Muttergestein nur langsam voran. Mit der Fertigstellung wird heute nicht vor dem Jahr 2018 gerechnet. Die voraussichtlichen Kosten allein für den inzwischen wieder auf 1 World Trade Center umgenannten Freedom Tower belaufen sich derzeit auf über 3,1 Milliarden Dollar. Dazu kommen die Mittel für drei weitere Gebäude auf dem Areal, die von so prominenten Architekten wie Norman Foster und Richard Rogers entworfen worden sind. Silverstein könnte diese Summen keinesfalls aus den Versicherungszahlungen decken, die ja ohnehin kaum ausreichen würden, seine ursprünglichen Kredite für die Pacht zurückzuzahlen. Er hat daher im Jahr 2006 ein neues Abkommen mit der Port Authority getroffen, die Kontrolle über den Freedom Tower an die Institution zurückgegeben und sich zudem verpflichtet, die anderen Hochhäuser bis im Jahr 2014 fertigzustellen.
Gelingt dies Silverman nicht, verfällt sein Pachtvertrag auch für diesen Teil des Grundstücks. So steckt der Bauherr heute in einer enormen Klemme. Zum einen kommt der Bau des von Santiago Calatrava entworfenen PATH-Bahnhofes nur langsam voran. Silverstein sieht dadurch den Fortschritt an seinen Hochhäusern behindert. Dies hat einen neuen Konflikt mit der Port Authority produziert, der in dem eingangs erwähnten Schiedsverfahren gelöst werden soll. Inmitten dieser byzantinisch anmutenden Querelen ist das ebenfalls an Ground Zero geplante Kulturzentrum jahrelang untergegangen. Hier liegt ein Entwurf von Frank Gehry aus dem Jahr 2004 vor. Derzeit diskutieren Port Authority und Silverstein immer noch über den Standort des auf bis zu 700 Millionen Dollar veranschlagten Zentrums auf dem Areal.
Deutlich grössere Sorgen bereitet den Beteiligten jedoch der dramatische Rückgang bei den privaten und staatlichen Nachfragen nach Büroraum in Manhattan aufgrund der Finanzkrise. Von seinen Gläubigern bedrängt, während sich gigantische Baukosten vor ihm auftürmen, hofft Silverstein nun auf öffentliche Hilfen unter anderem von der Port Authority. Doch dabei stösst er auf entschiedenen Widerstand der Agentur und von Teilen der New Yorker Politik. Allerdings unterstützt der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg das Begehren Silversteins. Daraus schöpft der 78-jährige Unternehmer Zuversicht. Er hat jüngst auch stolz darauf hingewiesen, dass 7 World Trade Center dank dem baldigen Einzug der deutschen Bank West LB ungeachtet der Finanzkrise fast vollständig belegt ist. Silverstein sieht dies als gutes Omen und gibt sich optimistisch: «Ich glaube fest daran, dass ich die Einweihung meiner anderen Türme auch noch erleben werde!»


