Genau hinschauen
tachles: Israel scheint ein wichtiges Thema Ihrer Arbeit zu sein – aus welchen Gründen?Anna Minta: Der gesamte Nahe Osten ist ein hoch interessanter, kulturell-religiös durchmischter, aber auch politisch konfliktreicher Raum, der viele Fragen aufwirft und Forschungsinteressen weckt. Diese Region ist seit Jahrtausenden durch wechselnde Herrschaftssysteme und die Einflussnahme europäischer Mächte geprägt worden. Sie reichen von den biblischen Anfängen über die babylonische, persische, hellenistische, römische, byzantinische, arabische und osmanische Zeit bis zum britischen Mandat und der Bildung einzelner Nationalstaaten im 20. Jahrhundert. Damit zusammenhängend haben die Einwanderung und Verschiebung verschiedener Bevölkerungsgruppen in der Region zu einer vielfältigen, spannenden Mischung in Kunst und Architektur geführt. Beides – Kunst und Architektur – sind dabei nicht bloss als individuelle künstlerische Geschmacks-ausprägungen, sondern als Ausdruck des kulturellen Selbstverständnisses zu sehen.
Was weckt den Forschergeist in Ihnen?
Dieses gesellschaftliche Potenzial von Kunst, Architektur, Städtebau und Denkmalpolitik fasziniert mich. Palästina und später Israel bilden einen Schmelztiegel unterschiedlichster, zum Teil stark konträrer Utopien sowie Geschichts- und Bibelinterpretationen.
Mein Interesse begann mit einer langen Reise 1995 durch den Nahen Osten, auf der mich Fremdheiten sowie Vertrautheiten beeindruckten. In meiner Magisterarbeit beschäftigte ich mich daraufhin mit den stilistischen Experimenten jüdischer Architekten – vom Historismus/Orientalismus bis zum International Style – in Palästina der 1920er und 1930er Jahre. Ich fragte, mit welchen Erwartungen die Einwanderer nach Palästina kamen, wie sie sich mit den regionalen Gegebenheiten auseinandersetzten und versuchten, einen Architekturstil zu entwickeln, der als Ausdruck eines neuen nationalen, zionistischen Bewusstseins zu lesen sei.
In meiner Doktorarbeit habe ich das Thema zeitlich ausgeweitet und mich auf die Ära nach der Staatsgründung Israels 1948 konzentriert. Ich untersuchte an Beispielen aus Architektur, Städtebau und Denkmalpolitik den Prozess des Staats- und Nationsaufbaus im Zwiespalt der Gestaltung eines modernen Staats und zugleich der Markierung historischer Traditionslinien.
Im Jahr 2000 haben Sie ein dreimonatiges Israel-Forschungsstipendium des Max-Planck-Instituts erhalten, 2001 ein weiteres des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.
Beide Stipendien ermöglichten mir Recherchen vor Ort, da wichtiges Quellenmaterial von Deutschland aus nicht einzusehen war. Dabei geht es um unpublizierte Quellen wie Planmaterial, Korres-pondenz zwischen Architekten und Bauherren, Kommissions- und Regierungsberichte. Aber auch israelische Zeitungen und Zeitschriften, in denen das zeitgenössische Baugeschehen kommentiert wurde, sind grösstenteils nicht in Deutschland erhältlich.
War diese Zeit quasi die «Vorlage» für Ihre Doktorarbeit, die Sie im Buch «Israel bauen» einem breiten Publikum näher bringen?
Ja! Dieses grösstenteils unpublizierte Quellenmaterial und die Gespräche mit Architekten, Archäologen, Städteplanern und Politikern, darunter der renommierte ehemalige Bürgermeister von Jerusalem Teddy Kollek, bildeten die Grundlage für meine Analysen zum Bau- und Siedlungsgeschehen sowie zu politisch-kulturellen Aktivitäten in Israel in der konstituierenden Phase nach der Staatsgründung.
Wieso haben Sie den Zeitraum 1948 bis 1967 gewählt, der von politisch-
militärischen Auseinandersetzungen und territorialer Expansion geprägt war?
Es war eine für den Staatsaufbau und für die Konstruktion einer politisch-kulturellen Identität der sich neu formierenden israelischen Nation die vielleicht interessanteste Phase, in der die Grundlagen – baulich wie ideologisch – für die spätere Entwicklung gelegt wurden. Das junge Israel steht seit der Staatsgründung vor zahlreichen Herausforderungen: Es hat eine äusserst heterogene Bevölkerung und es nahm zudem nach Ende des Zweiten Weltkrieges heterogene Neueinwanderer, darunter viele Holocaust-Überlebende, auf. Die finanziellen Mittel waren beschränkt, diese heterogene Bevölkerung zu einer nationalstaatlichen Gemeinschaft zusammenzuführen. Zudem befand sich Israel bis in die siebziger Jahre in militärischen Auseinandersetzungen mit den arabischen Nachbarstaaten.
Es waren die Jahre, in denen sich Israel innenpolitisch konsolidiert und aussenpolitisch als souveräner Staat in der internationalen Gemeinschaft freundschaftlich und feindlich gesinnter Staaten etablierte. Architektur, Städtebau und Denkmalpolitik bildeten hierbei die In-strumente geopolitischer Inbesitznahme des Territoriums und des Aufbaus einer physischen Präsenz wie ideologisch-kulturellen Repräsentation.
Sie dokumentieren die architektonische und städtebauliche Entwicklung Jerusalems zur Landeshauptstadt sowie den Ausbau Beershevas als Zentrum der Wüstenkolonisierung. Wieso haben Sie diese Städte gewählt?
Beide Städte stehen exemplarisch für die grosssen Entwicklungslinien des jungen Staates: Den einen Schwerpunkt bildet Jerusalem, zunächst der Westteil der Stadt, der als Hauptstadt des neuen jüdischen Staates ausgebaut wird. Hier treten Fragen nach der Repräsentation des Staates sowie seinem politischen, historischen, kulturellen und religiösen Selbstverständnis in den Vordergrund. Der
andere Schwerpunkt ist die Siedlungspolitik, wobei nicht nur eine rapide anwachsende Bevölkerung mit Wohn- und Arbeitsraum versorgt werden muss, sondern zugleich das im Uno-Teilungsplan von 1947 und das im Krieg eroberte Territorium angeeignet und durch Siedlungsstrukturen möglichst dauerhaft dem Staatsgebiet zugeordnet wird.
Beersheva war im Uno-Teilungsplan ursprünglich einem zukünftigen arabischen Staat zugewiesen worden, ist dann aber von Israel im Unabhängigkeitskrieg annektiert worden. Die geostrategische Komponente der Siedlungspolitik lässt sich hier deutlich ablesen.
Im Buch werden alle grossen Bauprojekte der israelischen Staatsgründungsphase dokumentiert – eine Zeitreise oder wichtige Epoche?
Beides! Die zwei bis drei Jahrzehnte nach der Staatsgründung sind die grundlegende Phase des Staats- und Nationsaufbaus. An den grossen Bau-, Siedlungs- und Denkmalprojekten können exemplarisch die politischen wie ideologiegeschichtlichen Entwicklungen nachvollzogen werden. In den Diskussionen um die Projektentwicklung und Durchführung treten unterschiedliche gesellschaftliche Positionen und Visionen zu Tage.
Die Zeitreise zeigt, vor welchen praktischen wie repräsentativen Aufgaben ein neu gegründeter Staat steht und welchen Prozess der verschärften Ideologisierung, aber auch Entwertung und Abnutzung vorstaatlicher Visionen er in der realen Umsetzung durchläuft.
In Jerusalem beschreiben Sie den Bau der Knesset, des Israel-Museums und der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem sowie die Rekonstruktion des jüdischen Viertels in der Altstadt. Wieso diese Gewichtung?
Diese Projekte umschliessen das vielfältige Spektrum, das die Frage nach der nationalen Repräsentation beinhaltet. Die Knesset steht als architektonisches Zeichen für den souveränen Staat Israel, der über diese zentrale politische Institution und deren Formgebung sein Anrecht auf eine dauerhafte Nationalstaatlichkeit demonstriert. Auch das Israel-Museum folgt diesem Staatsanspruch. Als Kulturinstitution steht es zudem für das kulturhistorische Bewusstsein der Nation, die sich einerseits mit archäologischen und künstlerischen Objekten aus der Region und Kultur um die eigene Vergangenheit kümmert, andererseits durch eine internationale Sammlung den Vergleich mit anderen Kulturen und die Gleichberechtigung gegenüber anderen Staaten einfordert.
Neben der Repräsentation bildet die nationale Erinnerungskultur einen zentralen Aspekt der Identitätsstiftung. Yad Vashem ist auf dem Hügel der Erinnerung (Har Hasikaron) in die Nachbarschaft mit dem militärischen Ehrenfriedhof, dem Theodor-Herzl-Grabmal und dem zionistischen Ehrenfriedhof integriert. Ich bezeichne dies als eine gezielte Inszenierung einer räumlichen und architektonischen Ikonografie des nationalen Erinnerns. Über die verschiedenen Gedenkstätten wird der Weg der Staatsgründung Israels nachgezeichnet: von dem Begründer des politischen Zionismus Herzl über den Holocaust mit seinen verschiedenen Opfer- und Widerstandsgruppen zu den gefallenen Soldaten der israelischen Kriege und den politischen und zionistischen Akteuren des Staates. Mit dieser Auszeichnung der Akteurs- und Opfergruppen in Denkmal-anlagen wird die offizielle Lesart der Staatsgründung in Architektur umgesetzt und durch Bild- und Symbolprogramme mit Inhalten und Interpretationsvorgaben gefüllt.
Während die politischen, kulturellen und kommemorativen Institutionen relativ willkürlich in den Stadtplan eingesetzt wurden, sind denkmalpflegerische Aktivitäten, insbesondere die Rekonstruktion des jüdischen Viertels in der Jerusalemer Altstadt, wichtige Projekte, um den Anspruch auf das Territorium über die Dokumentation der Geschichte anhand seiner Architektur und archäologischen Funde zu begründen. Das jüdische Viertel gilt mit als das wichtigste Zentrum jüdischer Besiedlung in dieser Region, das in den biblischen Berichten auf die politische Autonomie und kulturelle Leistung des jüdischen Volkes verweist.
Und im Gegensatz dazu die «Wüstenstadt» Beersheva?
Beersheva ist ebenfalls im Alten Testament erwähnt, die archäologischen Funde sind jedoch gering. Erst ab 1900 begann unter den Osmanen, dann den Briten, eine kontrollierte Siedlungsplanung, die sich auf Beersheva als Zentrum der Wüstenkolonisierung und militärischen Stützpunkt konzentrierte. Neben diesen Aspekten der Kolonisierung und des strategischen Stützpunktes beeinflusste die israelische Landesentwicklungsplanung die städtebauliche Entwicklung der Stadt. Einwanderer sollten nicht in den Ballungszentren entlang der Küste von Tel Aviv bis Haifa angesiedelt werden, sondern über das Staatsterritorium verteilt in neuen sogenannten Entwicklungsstädten untergebracht werden. Beersheva wurde damit zu einem Musterbeispiel expansiver Siedlungspolitik. Zugleich engagierten sich führende Architekten Israels, ideale Siedlungs- und Gemeinschaftskonzepte zu entwickeln, so dass in Beersheva interessante und für Israel einmalige Siedlungsstrukturen und Architekturmodelle beobachtet werden können.
Schildern Sie uns bitte einen Ihrer eindrücklichsten und berührendsten Momente während Ihrer Arbeit in Israel?
Zum Teil war es schwierig und in wenigen Fällen unmöglich, an spezifisches Quellenmaterial zu kommen. Das liegt nicht nur daran, dass Israel nach 1948 aufgrund der politischen und militärischen Umstände wenig Zeit und Engagement für die Dokumentation wichtiger Bau- und Planungsprozesse aufbringen konnte und wollte. Der Staats- und Nationsaufbau Israels sind ein brisantes und auch unter israelischen Wissenschaftlern (vor allem unter den sogenannten Neuen Historikern) ein ideologisch scharf umkämpftes Forschungsfeld. Es zählt zu den frustrierendsten Erlebnissen, dass es mir auch über Jahre hinweg nicht gelungen ist, in das Archiv der für den Wiederaufbau des jüdischen Viertels zuständigen Entwicklungsgesellschaft zu gelangen. Wichtige Materialien konnte ich von anderer Seite erhalten: Kooperativ und unbegrenzt hilfreich waren die an der Rekonstruktion beteiligten Architekten und Archäologen. Sie haben mir ihr Material zur Verfügung gestellt, stundenlang Fragen beantwortet, vor Ort Projekte erklärt und Kontakte vermittelt.
Sie sind promovierte Kunst- und Architekturhistorikerin. Wie präsentiert sich Ihnen die Architektur des 21. Jahrhunderts in Israel?
Ich begrüsse das wachsende Interesse an der eigenen Kultur- und Architekturgeschichte in Israel sehr. Die Unesco-Auszeichnung für Tel Aviv ist ein grosser Schritt zur internationalen Anerkennung dieses bedeutenden Architekturerbes. Auch wenn der denkmalpflegerische Umgang mit der Bausubstanz häufig nicht internationalen Konventionen entspricht: Der geschützte Bereich des Bauensembles ist zu eng gezogen worden, und zudem werden weiterhin historische Gebäude abgerissen oder alle Proportionen sprengend aufgestockt. Bis auf vereinzelte aktuelle Bauten finde ich die zeitgenössische Architektur banal und kommerziell. Mit Projekten wie die für Santiago Calatrava typische Brücke in Jerusalem oder das geplante Toleranz-Museum von Frank O. Gehry in seiner fast formelhaften Erlebnisarchitektur bemüht man sich vergeblich, den Standard der mittelmässigen Massenarchitektur auszugleichen.
Und wen wünschen Sie sich als Leser Ihres Buches «Israel bauen»?
Das Buch sollen möglichst alle lesen, die sich für Israel interessieren. Es geht über eine reine Architekturgeschichte hinaus, es erläutert politische Zusammenhänge, historische Traditionslinien und kulturelle Ansprüche. Als Einblick in die israelisch/zionistische Kulturgeschichte nach 1948 spricht es weite Kreise jenseits der Fachdisziplin Kunstgeschichte an.
Hat das Buch eine Message?
Was grundsätzlich für alle umstrittenen Projekte gilt: genau hinschauen und kritisch hinterfragen!


